Indische Zelte bei Diger.

Am 26. erreichten wir das wohlbekannte Bir-dava, wo ich drei Monate vorher die trostlosen Regentage verbracht hatte. Von hier aus machte ich einen Abstecher nach Mardin, der überaus malerischen Felsenstadt, deren Häuser und Minarette wie Schwalbennester an den Abhängen des Gebirges im Norden hängen. Aus dem flachen, eintönigen Tiefland Mesopotamiens wieder einmal in eine Berglandschaft mit wilden Formen und immer wechselnden Ausblicken emporzusteigen, war ein köstlicher Genuß. Die Stadt mit ihren 30000 Einwohnern liegt 930 Meter hoch, und über ihr auf dem senkrechten Gipfel des Kalksteinberges erhebt sich in 1300 Meter Höhe die Ruine der alten Festung.

Nesibin.

Durch das neue schöne Stadttor führte eine gewundene, glatt gepflasterte Straße so steil empor, daß immer wieder Steine unter die Hinterräder meiner Karosse geschoben werden mußten, um deren Zurückrollen zu verhindern, und auch die horizontaler gelegene Basarstraße, die Hauptverkehrsader der Stadt, war so eng, daß mein Wagen nicht einmal in den Hof eines Hans einbiegen konnte, sondern draußen stehen bleiben mußte. Ein alter türkischer Veteran in verschlissener Uniform führte mich zum Mutessarrif zur Durchsicht meiner Papiere und dann in ein Kavekhane, ein gewaltiges, auf acht Säulen ruhendes Gewölbe, das von braunen Orientalen dicht besetzt war. Es waren Flüchtlinge aus Erserum, Trapezunt, Wan und Bitlis; sie rauchten ihre Pfeifen oder Zigaretten, spielten Karte, nippten an ihren Tee- oder Wassergläsern und vertrieben sich so in ansprechender Nüchternheit die Zeit. Im kühlen Schatten genoß man durch die Fenster und von einem Altan aus die herrlichste Aussicht auf die mesopotamische Ebene; dort war unsere Straße nach Nesibin, die wir eben gekommen waren, hier die nach Tell-Ermen, die ich am Abend einschlagen sollte. Zu essen aber gab es hier nichts; dazu mußte ich eine andere Gastwirtschaft aufsuchen, die hauptsächlich von türkischen Offizieren und Beamten besucht wurde. Hier gab es Dolma (gehacktes Fleisch in Kohlblättern), Joghurt und Brot. Im übrigen waren die Basarläden ausverkauft; die nach Kaukasien ziehenden Soldaten hatten alles Eßbare mitgenommen.

Vodsa, 12jähriges kurdisches Mädchen in Amuda.

Die Kalksteinkette, auf der Mardin liegt, gehört zum Gebirgssystem Tur-Abdin und fällt nach Norden so steil ab, daß die Gassen der amphitheatralisch gebauten Stadt in die blaue Luft hineinzuführen scheinen; man muß bis an den Rand hintreten, um sich zu überzeugen, daß die Erde dort nicht aufhört, sondern sich in der Tiefe noch festes Land befindet. Der Weg zu der ursprünglich römischen Festung hinauf ist herrlich. Die ganze Stadt mit ihren viereckigen Häusern und Höfen, ihren schmalen Gassen, ihren Moscheen und spitzen Minaretten liegt wie auf einer Karte ausgebreitet da; die Abhänge fallen ohne hügelige Übergänge jäh zur Ebene hin ab. Der Aufstieg zur Festung führt an hohen Felswänden, Klüften und Grotten vorüber und endet in einer in den Fels gehauenen steilen Treppe.

Am Rande des ganz ebenen Berggipfels standen einige alte Kanonen, die ihre Schlünde schützend über die Stadt richteten. In den Ruinen der alten Festungsmauern und -türme war ein Lagerplatz kurdischer Deserteure; durch die Straßen der Stadt dort unten zog eben wieder eine neue Schar solcher Memmen herauf; niedergeschlagen waren sie nicht, denn ihr lauter Gesang hallte in den Bergen wider. Im Norden öffnete sich ein breites Tal, durch das die Straße nach Diarbekr führt, zwei Tagereisen nach Nordnordwest. Die nächsten Gebirgskämme erschienen höher als der von Mardin. Dahinter war das Land ganz flach; nur in größerer Entfernung hoben sich die blauen Farbentöne weiterer Berge ab. Der südliche Abhang des Bergrückens von Mardin war mit Obstbäumen bewachsen; dort gediehen Äpfel, Birnen, Walnüsse, Mandeln, Granatäpfel und auch Wein; doch herrschte der graue Kalkstein mit seiner einförmigen Öde vor.

Im westlichen Stadtteil besuchte ich einige syrische Steinhäuser mit ihren kleinen, schattigen Höfen, auf denen Frauen und Kinder unter schattigen Arkaden sich aufhielten. An der syrischen Kirche empfingen mich mehrere graubärtige Priester in schwarzen Turbanen und schwarzen Mänteln und einige Brüder in schwarzen Schleiern mit silbernen Kreuzen auf der Stirn führten mich umher. Ein Teil der Kirche war jetzt als Krankenhaus eingerichtet. Mardin hat auch chaldäische und armenisch-katholische Kirchen und Klöster; anderthalb Stunden östlich liegt zwischen Hügeln das im Jahre 1900 erbaute Kloster Der-es-Saferan. Mehr als die Hälfte der Einwohner von Mardin sind Christen, die übrigen Mohammedaner und Kurden. Der griechisch-unierte Patriarch hat hier seine Residenz; auch hat Mardin eine römisch-katholische und eine amerikanische Missionsstation. Der letzteren, die im äußersten Westen der Stadt liegt und kürzlich den fünfzigsten Jahrestag ihrer Gründung feiern konnte, stattete ich einen Besuch ab und traf dort einige liebenswürdige Amerikanerinnen, Frau Dewey und ihre Tochter und Fräulein Graf. Einer der Missionare lag krank darnieder; er hatte nicht weniger als neununddreißig Jahre hier zugebracht, was bei aller entzückenden malerischen Schönheit dieses Felsennestes doch zum Verzweifeln sein muß.