GRÖSSERES BILD

Am Morgen war die Gefahrzone überwunden, und wir hielten am Ufer eines lieblichen Baches, der das Tal von Demir-kapu (d. h. Eisentor) durchrieselt, eine wohlverdiente Rast. Hier war ein Nokta, ein Gendarmerieposten bzw. eine Garnison; ein paar Hütten standen neben etlichen Feldern, auf denen Melonen und Gurken gezogen wurden. Der Bach wimmelte von Fischen, und zahme Enten schwammen darauf. An einem Hügel lagerten türkische Truppen, in ihrer Nähe englische Gefangene, und am Abend ratterte eine Kolonne von vierzig deutschen Lastautomobilen auf dem Wege nach Bagdad an uns vorüber.

Am andern Morgen, dem Sonnwendtag, waren wir lange vor Sonnenaufgang schon auf dem Marsche und erreichten am Mittag Nesibin, wo wir unter üppigen Bäumen am Ufer eines Armes des Dschardschar, der ein Nebenfluß des Chabur ist, ein erfrischendes Bad nahmen und den Rest des Tages bei 38,6 Grad Hitze ausruhten. Die Basare waren des Sabbaths wegen geschlossen, denn der ganze Handel liegt in den Händen der Juden, und keine Gurke war aufzutreiben. Obendrein hatten die vorüberziehenden Gefangenen alles aufgekauft, so daß sich auf dem ganzen Wege ein Mangel an Lebensmitteln bemerkbar machte.

Imastuhi Manukian, 25jährige Armenierin aus Trapezunt.

Inder tragen trockenes Holz in ihr Lager.


GRÖSSERES BILD

Am 25. Juni brachen wir beim ersten Vogelzwitschern wieder auf und rollten durch die Dorfstraße, wo die Jüdinnen ihre Wasserkrüge aus einem schmutzigen Kanal füllten, weiter nach Westen. Die aufgehende Sonne beleuchtete wirkungsvoll die Ostfront der großen alten Festung Nesibin mit ihren Fenstern und Schießscharten in der viereckigen Mauer. Dann folgte Dorf auf Dorf. In Kasr Serdsche-han stand eine Schar eben ausgehobener kurdischer Rekruten unter Bewachung einiger türkischer Feldwebel, und eine alte Frau weinte und zankte mörderlich, weil ihr Sohn zu den Ausgehobenen gehörte. In Amuda mußten wir einen Tag und eine Nacht verweilen, weil Professor Tafel am Fieber erkrankt war. Das Dorf hatte, wie diese ganze Gegend, kurdische Bevölkerung; der Bürgermeister war trotzdem ein alter Araber, in dessen Haus eine junge Armenierin diente, die man aus Trapezunt fortgeschleppt hatte. Sie bat uns inständig, sie aus dem harten Dienst zu befreien und mit nach Europa zu nehmen. Es war uns natürlich unmöglich, ihren Wunsch zu erfüllen.