Eine andre Gefahr aber drohte Sardanapal. Sein eigener Bruder, der König von Babylon, trat an die Spitze eines Waffenbundes, der die Vorherrschaft Assyriens brechen wollte; Elamiten, Chaldäer, Aramäer, Araber und andre westasiatische Völker schlossen sich an, und ein Weltkrieg entbrannte. Nur durch Aufgebot seiner ganzen militärischen Macht und durch gewagte, aber rücksichtslos durchgeführte Operationen gelang es Assurbanipal, dem drohenden Verderben zu entgehen. Nach Eroberung von Kutha, Babylon und Sippar war die Macht Babylons gebrochen. Elam wurde für immer als Königreich vernichtet, und Sardanapal nahm 647 den Titel eines Königs von Babylon an.

Nach Bezold gebe ich hier ein Stück aus des Königs eigenem Kriegsbericht wieder: „Die Götter Aschschur (Assur), Sin, Schamasch, Adad, Bel, Nebo, die Göttin Ischtar von Ninive, die Königin von Kidmuru, und die Göttin Ischtar von Arbela, die Göttin Ninib, Nergal und Nusku, die vor mir hergingen und meine Feinde unterjochten, sie warfen Schamaschschumukin, den feindlichen Bruder, der mich befehdete, in einen brennenden Feuerschlund und vernichteten sein Leben. Diejenigen Leute aber, die Schamaschschumukin, den feindlichen Bruder, zu allen diesen Übeltaten verführt hatten, die den Tod gefürchtet und ihr Leben für kostbar gehalten hatten und sich nicht mit Schamaschschumukin, ihrem Herrn, in die Flammen gestürzt hatten, die zerstoben vor dem Gemetzel des eisernen Dolches, vor Mangel, Hungersnot und flammender Lohe und ergriffen einen Zufluchtsort. Das Netz der großen Götter, meiner Herren, aus dem kein Entrinnen möglich ist, warf sie nieder: kein Einziger entkam, keiner der Übeltäter entrann; durch meine Hand wurden sie mein. Wagen, Geräte und Baldachine, seinen Harem und das Hab und Gut seines Palastes brachten sie mir. Diesen Kriegern, die meinen Herren Aschschur gehöhnt und gegen mich, seinen ehrfurchtsvollen Magnaten, Böses geplant hatten, riß ich die Zunge aus und schlug sie nieder ... Ihr zermetzeltes Fleisch ließ ich Hunde, Schweine und Geier, Adler, die Vögel des Himmels und die Seefische fressen. Durch solche Handlungen beruhigte ich das Herz der großen Götter, meiner Herren ... Den übrigen Babyloniern aber und den Kuthäern und Sipparensern, die dem Gemetzel und dem Hungertod entronnen waren, ließ ich Gnade angedeihen; ich befahl, daß sie am Leben bleiben sollten, und wies ihnen Wohnsitz in Babylon an.“

Über Sardanapals Ruhm zu seiner Zeit sagt Hjärne: „So stand Assurbanipal in einem bisher nie gesehenen Glanz, gehärtet und siegreich im Kampf, umgeben von allem erdenklichen Überfluß und von aller Verfeinerung morgenländischer Kunst und Weisheit. Die ganze gebildete Welt war von seinem Ruhm erfüllt. In der Ferne lauschten in den dürftigen kleinen Städten der Hellenen wißbegierige Zuhörer staunend den Berichten, die verständige Kaufleute und Reisende von der märchenhaften Pracht des großen Sardanapal gaben. Sein Name ward bei ihren Nachkommen zum Sprichwort, und die unverständlichen assyrischen Keilinschriften, die hier und da in Kleinasien zu sehen waren, hielt man für Grabschriften auf ihn. Die Dichter übten ihren Scharfsinn an angeblichen Deutungen und ließen Sardanapal eine Lebensweisheit des Genusses preisen, die eher sorglosen Jüngern Epikurs anstand, als dem leidenschaftlich kämpfenden und glaubenseifrigen König von Assur: ‚Vergiß nicht, daß du als Sterblicher geboren bist, und fülle daher dein Herz mit Mut, festlich dich freuend. Für den Toten ist aller Genuß zu Ende; denn selbst ich bin ja zu Asche geworden, der Herr des herrlichen Ninive‘.“

Nun traten die indogermanischen Meder als Feinde Assyriens auf. Im Jahr 606 eroberten sie unter Cyaxares Ninive und löschten seinen Glanz für immer aus. Das neubabylonische oder chaldäische Reich wurde von Nabopolassar (625–604) gegründet und ging nach ihm auf Nebukadnezar II. über. Naboned, der letzte König dieses Geschlechts (556–539), unterlag im Jahre 539 dem Perserkönig Cyrus, der Babylonien eroberte und der babylonischen Weltherrschaft ein Ende machte.

So sind die Völker gleich gewaltigen Meereswogen über Mesopotamiens blutgetränkte Erde hereingebrochen. Schon in den ältesten Urkunden sprechen die Sumerer von einer „grauen Vorzeit“, einem Sagendunkel, das noch weit hinter dem Vorhang liegt, bis zu dem unsre Blicke reichen. Dann überschwemmen die Semiten das Land, und die babylonisch-assyrische Weltmacht streckt ihre Arme über endlose Flächen Vorderasiens und Nordostafrikas aus. Die Geschichte dieses Reiches ist, wie Kolmodin sich ausdrückt, „ein durch Jahrtausende fortgesetzter Kampf gegen den beständig wiederkehrenden Druck der Barbarei“; aus diesem Kampf entsteht „die mächtige babylonische Reichs- und Kulturtradition,“ die bis zur assyrischen Zeit sich allmählich zur „Idee des Weltreichs in der Bedeutung der gemeinsamen Organisation einer ganzen Kulturwelt zur Abwehr der Barbarengefahr“ erweitert.

Auch ihre Stunde schlägt. Die Dämme werden gebrochen, und die persische Völkerwoge rollt heran, um das chaldäische Erbe in Besitz zu nehmen. Aus dem Abendland führt Alexander seine Mazedonier herbei, und auf den Gefilden von Gaugamela stürzen sie das Reich des Darius. In nachgriechischer Zeit stoßen hier parthische und römische Heereswogen aufeinander. Die Sassaniden, Omaijaden und Abbasiden lösen sich ab. Dann leuchtet der ganze Horizont blutrot: Hulagu und die Mongolen ziehen wie ein verheerender Wüstensturm über die Provinzen des erstarrenden Kalifats, und eine neue Völkerwoge aus dem Osten führt Tamerlan und die Tataren herbei. Das Land vermag kaum aufzuatmen zwischen den Schlachten.

So folgt ein Geschlecht auf das andre — Jahrtausende hindurch dieselbe Erscheinung. Die Erde, die ehedem den Opfergesängen für Marduk und den Sonnengott lauschte, sieht plötzlich die Osmanen unter der grünen Fahne des Propheten heransprengen. Kaum vier Jahrhunderte sind seitdem vergangen. Jetzt ist die Reihe an den Osmanen, ihr Erbe zu verteidigen.

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„Es ist alles ganz eitel!“ sagt der Prediger Salomo. „Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt, die Erde aber bleibt ewiglich. Alle Wasser laufen ins Meer, doch wird das Meer nicht voller. An den Ort, da sie herfließen, fließen sie wieder hin. Was ist, das geschehen ist? Eben das hernach geschehen wird. Was ist, das man getan hat? Eben das man hernach wieder tun wird. Und geschieht nichts Neues unter der Sonne.“

Niemals ist mir die tiefe, salomonische Weisheit dieser Worte eindringlicher aufgegangen, als auf dieser meiner Reise durch das Zwischenstromland Mesopotamien, die biblische Urheimat der Menschheit. Von den mächtigen Reichen des Altertums, die von hier aus die Welt beherrschten, sah ich nicht viel mehr als Schutthalden und Haufen von Ziegelsteinen. Gleich regelmäßigen Erdbeben und vulkanischen Ausbrüchen hat der Paroxysmus der Zerstörung von Zeit zu Zeit die Menschheit heimgesucht. Das lehrt die Vergangenheit. Die Zukunft ist uns verschlossen, aber auch sie wird, allen Sängern des Friedens zum Trotz, sich diesem Naturgesetz der Geschichte nicht entziehen können. „Lo, all our pomp of yesterday is one with Ninive and Tyre!“ sagt ein Dichter von einem der größten Reiche der Gegenwart.