Nun zeigte sich auch wieder Leben auf der Straße. Eine Karawane von fünfzig mit Munition beladenen Kamelen zog nach Nesibin, und ein türkischer Offizier kam mit seinem Diener von Westen geritten. Wir luden ihn in unser Zelt ein und bewirteten ihn mit Kakao und Keks. Der Türke war Leutnant Ahmed Dschemal, von kurdischer Abkunft, als Kompagnieführer auf dem Marsch nach dem Irak; morgen sollte er in Nesibin sein. Der Major bat ihn, eine Depesche nach Schamallan-han mitzunehmen, die Ersatzteile für die verunglückten Automobile bestellte, und vom Kaimakam von Nesibin acht Jailewagen zu verlangen, die schleunigst hierhin kommen sollten, um unser schweres Gepäck zu holen. Jeder dieser Wagen konnte bei schlechtem Weg 200 Kilogramm fassen und so das Auto mit seiner Last von 3000 Kilogramm um die Hälfte erleichtern. Als der Leutnant hörte, daß unser Brot zu Ende sei, schenkte er uns aus seinem reichen Vorrat einige herrliche türkische Kommißbrote. Bald kam auch seine Kompagnie dahermarschiert, gegen 100 Mann, leicht bepackt und in vortrefflicher Verfassung. Ihnen folgten eine Stunde später Packpferde mit Waffen, Munition usw., und zuletzt zwei Gepäckwagen. Die Leute waren die vier Tage im Platzregen marschiert und bis auf die Haut durchnäßt; aber bis Bagdad wurden sie wohl wieder trocken!
Ahmed Dschemal war mit seiner Truppe kaum abmarschiert, als sich über den Bergen neue Wolkenmassen sammelten. Wir hatten zu früh gejubelt. Die blauen Flecke am Himmel verschwanden, und es wurde dunkler und dunkler, und plötzlich stürzte ein neuer Platzregen, zur Abwechslung mit Hagel vermischt, auf uns herab. In wenigen Minuten waren Ackerfurchen und Zeltgraben wieder mit Wasser gefüllt und das ganze Land ein unermeßlicher Sumpf. Es wurde 3 Uhr, 5 Uhr, 6 Uhr — der Regen rauschte mit Erbitterung herunter. Als er um 7 endlich aufhörte, hatte sich eine neue Nacht auf die Erde gesenkt und unsre Hoffnungen auf baldige Befreiung begraben.
Obgleich es am andern Morgen nicht mehr regnete, war die Straße hoffnungslos. Ein vorüberreitender türkischer Soldat versicherte, ein fester Kiesweg am Fuß des Gebirges entlang verbinde Mardin mit Nesibin; auf diesem Wege hätten die Türken noch vor fünf Tagen Geschütze nach Osten transportiert; diese Richtung sollten wir einschlagen. Ehe der südliche Weg trocken werde, könnten wir noch einen Monat oder länger hier liegen bleiben! Sofort schickten wir die Chauffeure aus, um den nördlichen Weg zu untersuchen. Sie fanden ihn — noch schlechter als den unsrigen!
Da der Schlamm um uns her lebensgefährlich wurde, verlegten wir unser Zelt etwa 20 Meter nordwärts von der Straße, zogen neue Kanäle und Wälle, bauten zwischen Zelt und Wagen eine Brücke und luden die Benzinfässer aus, um sie beim ersten Sonnenschein über die gefährliche Senkung zu rollen, am liebsten gleich 6 Kilometer weit, damit das Auto schneller vorwärts komme.
Vergebliches Bemühen! Um 5 Uhr goß es wieder in Strömen. Man sah, wie sich die Regenzentren am Gebirgsrand im Osten und weiter südlich bildeten, nach Westen zogen, über unserem Lager haltmachten und ihre Wolkenmassen über uns ausbreiteten. Es war, als beeile sich jedes einzelne Wassermolekül, das aus dem Mittelmeer und dem Persischen Meerbusen aufstieg, ausgerechnet nach der Gegend zwischen Ras-el-Ain und Nesibin zu kommen und dort niederzugehen, wo wir in dem roten Lehm, dem vorzüglichsten Terrakottamaterial, so elend gestrandet waren!
Nachdem wir noch einen Tag im Sumpf gelegen hatten, war die Geduld des Majors erschöpft. Am Morgen des 6. Aprils fragte er mich plötzlich, ob ich Lust hätte, mit ihm allein nach Ras-el-Ain zurückzukehren.
„Ja, mit Wonne, wenn wir nur von Bir-dava fortkommen!“
„Dann fahren wir jetzt gleich mit dem Benz und nehmen nur das Unentbehrlichste mit. Was zurückbleibt, lasse ich nach Mosul und Bagdad schaffen, sobald die Straßen besser sind.“
„Aber glauben Sie, daß das Auto in dem Schlamm und Regen vorwärtskommt?“
„Wir mobilisieren jedes Dorf bis zur Eisenbahn!“