Und so geschah es. Wir ließen die Chauffeure bis auf Hofmeister bei Dr. Reith zurück, der wohl oder übel sich in das Schicksal ergeben mußte, auf unsrer Schlamminsel bei dem zurückgelassenen Gepäck auszuharren. Vor unsern Benz spannten wir zunächst die männliche Bevölkerung von Bir-dava, soweit sie sich anwerben ließ, und mit vereinten Kräften zogen und stießen wir unsern Wagen bis zum nächsten Dorf, wo eine neue Abteilung Fellachen requiriert wurde. So ging es zum Verzweifeln langsam, aber sicher, von Ort zu Ort; denn Zugtiere waren nirgends aufzutreiben. Wo die Bevölkerung phantastischen Kriegslohn forderte, halfen uns türkische Soldaten aus der Verlegenheit.
Das Auto wird an Bord einer Fähre geholt.
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GRÖSSERES BILD
Bis zu den beiden verunglückten Lastautos blieb der Regen unser treuer Begleiter. Am 8. April endlich klärte sich das Wetter auf, die Wege wurden wieder fahrbar, und wir durften unsern Wagen endlich wieder seiner eigenen Motorkraft überlassen. Schwierigkeiten machten nur noch die beiden Arme des Dschirdschib, die durch den tagelangen Platzregen zu reißenden Strömen angeschwollen waren. Über den ersten brachte uns eine Fähre, die zum Truppentransport zur Stelle war; und durch den zweiten zog uns eine Koppel Ochsen von einer türkischen Trainkolonne. Motor, Ochsen und Chauffeur hatten dabei aber ein so gründliches Bad genommen, daß wenigstens die ersteren streikten. Wir mußten daher noch einmal militärischen Vorspann nehmen, diesmal von Pferden, und so fuhren wir sechsspännig in pechfinstrer Nacht endlich wieder am Bahnhof von Ras-el-Ain vor.
„Kapitän“ Mohammed am Steuerruder.
Viertes Kapitel.
Mein neuer Feldzugsplan.
Ein Feldzugsplan im wörtlichen Sinne war es nun eigentlich nicht, denn daran war mir auf den grundlosen Feldwegen nach Bir-dava und zurück die Lust vergangen. Aus den zwei Tagen, in denen ich Mosul hatte erreichen sollen, waren zwei Wochen Ungemach geworden. Wenn doch einmal alles zu Wasser werden sollte — warum sich dann nicht lieber diesem Element ganz anvertrauen und noch einmal solch eine fröhliche Stromfahrt versuchen, wie ich sie schon zweimal vor Jahr und Tag im Innern Asiens auf den Fluten des Tarim und des Brahmaputra unternommen hatte?
Der Euphrat war mir noch so gut wie fremd. Im Mai 1886 hatte ich ihn zum erstenmal gesehen. Damals war ich auf dem englischen Dampfer „Assyria“ vom Persischen Meerbusen in den Schatt-el-Arab hineingefahren und einige Tage später nach Korna gekommen, wo am Zusammenfluß des Euphrat und Tigris das Paradies gelegen haben soll. Dann war ich im November 1905 bei einem kurzen Aufenthalt in Erserum bis in die Nähe der Quelle des Frat-su oder Euphrat geritten. Jetzt hatte mich mein Schicksal zum drittenmale an diesen gewaltigen Strom geführt, der in der Geschichte der Menschheit älter ist als Nil und Brahmaputra. Ließ ich diese Gelegenheit, ihn gründlich kennen zu lernen, ungenutzt vorübergehen — wer weiß, ob sie jemals wiederkehrte!