Meine Fähre am Ufer der Silman-Araber.

Fünftes Kapitel.
Auf den Wellen des Euphrat.

Es war ½6 Uhr nachmittags, als ich mich von meinen deutschen Freunden in Dscherablus, von Rittmeister von Abel, der dienstlich dorthin gekommen war, von Major von Schrenk und seinen Offizieren, und von Nuri Bei verabschiedete.

„Jallah! Bismillah rahman errahim!“

Auf dieses Kommando stieß meine Fähre vom Ufer ab, wurde sogleich vom Strom erfaßt, und bald waren Dscherablus und die deutsche Marinestation außer Sehweite. Ich war, wie so oft auf meinen Entdeckungsfahrten, allein mit meiner Arbeit unter wenigen eingeborenen Begleitern.

Unaufhaltsam trägt die starke Strömung meine Fähre gen Süden. Die schmale Vorderwand meiner Hütte ist als Sonnendach hochgeklappt; Kartenblatt, Kompaß und Uhr vor mir, sitze ich an meinem Schreibtisch und zeichne unsere Fahrtrichtung und die Formen der Ufer ein. Die steilen Bergfronten, die Klippen und Sandbänke, die grasbewachsenen Inseln, die Wiesen, Dörfer und Zelte, Lehmhäuser und Hügel, die Ergebnisse der Tiefen- und Geschwindigkeitsmessungen, sogar die weidenden Herden, alles wird in die Karte eingetragen. Selten ist die Richtung fünf Minuten lang die gleiche; gewöhnlich muß ich nach zwei, drei Minuten neue Peilungen machen, und ich habe kaum Zeit, zwischen den einzelnen Beobachtungen eine Zigarette anzubrennen. Ein Fernrohr ermöglicht mir, das Leben der Nomaden an den Ufern zu beobachten und die Eigentümlichkeit des beständig wechselnden Landschaftsbildes genauer zu studieren. Kleine Entenscharen flattern dicht über der Oberfläche des Flusses vor uns her. In der Ferne schreit der Kuckuck, und von den Ufern her klingen die Glocken der Schafherden. Wenn es ganz ruhig ist, hört man an der Oberfläche des Wassers ein Brodeln und Zischen, wie wenn Wasser eben zu kochen beginnt. Dieser Laut begleitete mich mehrere Tage und verschwand erst, als Luft und Wasser wärmer geworden waren. Tag und Nacht bin ich auf dem Flusse; ich bin eins mit ihm, lebe sein Leben und fühle, wie er arbeitet und sich rührt, um weit im Süden bis zur Küste vorzudringen und im Meere seine Freiheit zu gewinnen.

Das Land ringsum ist eine ungeheure Miozänkalksteinplatte, die bis unterhalb Hit am Euphrat und bis Samarra am Tigris reicht und nicht nur Nordsyrien bedeckt, sondern auch el-Dschesire, die Insel, oder das Land zwischen den beiden Brüderströmen, das ungefähr dem alten Assyrien entspricht. Ihre Höhe beträgt bis 500 Meter, so daß man von einer Hochebene sprechen kann. Wo im Süden die tertiäre Kalksteinschale aufhört, beginnt reines Schwemmland, dessen alluviale Ablagerungen eine bedeutende Tiefe erreichen. Vermehrt durch den Schlamm, den beide Ströme mit sich führen, schieben sich diese Ablagerungen immer weiter in den Persischen Meerbusen vor. 2000 Jahre vor unserer Zeitrechnung lag die chaldäische Stadt Suripak an der Küste, jetzt sind ihre Ruinen 210 Kilometer von ihr entfernt! Noch zur Zeit Sardanapals mündeten Euphrat und Tigris jeder für sich in den Persischen Golf. Der Schatt-el-Arab, zu dem sich beide jetzt vereinen, ist also einer der jüngsten Ströme der Welt. Dies Alluvialland entspricht dem alten Babylonien, dem Irak-Arabi der Gegenwart. In seinem subtropischen Klima gedeihen Zuckerrohr, Reis und Datteln, und in naher Zukunft sollen hier reiche Baumwollernten eingebracht werden.

Durch diese Kalksteinplatte arbeitet sich der Euphrat in zahllosen kleinen Windungen nach Südosten. Wo das Gestein dem Ansturm des Stromes getrotzt hat, und dieser sich daher auf etwa 100 Meter Breite zusammendrängt, fallen die Ufer schroff ab; in den oft alabasterweißen Wänden hat das Wasser in jahrtausendelanger Arbeit schalenförmige Vertiefungen und gigantische Felsentore, Grotten und Höhlen, Löcher und Klüfte ausgewaschen, in denen Raubvögel und Dohlen horsten. Hier und da scheint die Natur mit der Überlegung des Menschengeistes geschaffen zu haben; steile Treppen mit gewaltigen Stufen führen die Uferwände empor, oder man glaubt mächtige Kais zu erkennen, die das Wasser eindämmen sollen. Meist ist die Erosionsterrasse bei konkaven Uferstrecken ein oder mehrere Meter hoch, senkrecht und sogar überhängend; Wurzelfasern von Kräutern und Sträuchern reichen ins Wasser herunter, und ab und zu stürzen Erdklumpen klatschend ab. Man hört und sieht, wie der Fluß sein Bett unablässig formt, am konkaven Ufer bricht er ab und reißt er nieder, und die Wellen schäumen um Felsblöcke, die herabgestürzt und an seichten Stellen liegen geblieben sind; am konvexen Ufer baut er auf, manche flachen, unfruchtbaren Anschwemmungen können erst gestern oder vorgestern entstanden sein. Auf diesen Strecken lassen sich nur hier und da schmale Uferstreifen bewässern und bebauen.

Dann wieder schiebt sich die Kalksteinschale rechts und links mehrere hundert Meter zurück, so daß der Strom bei Hochwasser eine Breite bis zu 800 Metern gewinnt und sich wie eine Meeresbucht vor uns ausdehnt, deren Weite und Richtung kaum erkennbar ist. Die Gipfel der Höhen schimmern grün, hier und da ist Lava drübergebreitet. Oft tragen die beherrschenden Höhen auch Ruinen von Festungen und Türmen, von denen aus die Völker des Altertums wahrscheinlich herannahende Kriegsgefahr meldeten. Auf dem weiten Uferland weiden Ziegen, Schafe und Rinder, der Reichtum der Nomaden; Klippen und Landzungen springen als schaumumwirbelte Wellenbrecher in den Strom vor, auf breiten Schlammbänken sitzen Möwen und Meerschwalben wie Perlenreihen und steigen bei unserem Nahen mit gellenden Schreien in die Luft. Oft teilt sich auch der Strom durch langgestreckte Inseln, die das Hochwasser jetzt überspült; Sträucher und Steinhütten, die über die Oberfläche hervorragen, verraten dem Steuermann der Fähre ihre Nähe. Erst wenn das Wasser fällt, werden sie wieder zu richtigen Inseln.

Während der ganzen Stromfahrt bietet der Durchbruch des Euphrat durch diese Kalksteinplatte eine Fülle charakteristischer Formen, und ich habe das großartigste Naturtheater vor mir, das sich denken läßt; in wechselnden Szenerien kommt mir die Landschaft entgegen, während ich selbst in tiefster Ruhe das köstliche Schauspiel genieße. Kletterte ich die Uferwände hinan, so sähe ich nur eine öde, endlose Steppe; man braucht sich nur wenige Kilometer vom Euphrat zu entfernen und sieht keine Spur mehr von der Nähe dieses prächtigen Flußtals.