In den ersten Tagen ging meine Stromfahrt so langsam vor sich, daß ich schon daran verzweifelte, auf diesem Weg überhaupt Bagdad zu erreichen. Ein oder zwei, höchstens drei Meter in der Sekunde war bei ruhigem Wetter die Durchschnittsgeschwindigkeit meiner Fähre; das machte in der Stunde 4 bis 7 Kilometer, an sich ein ganz erfreuliches Tempo. Da aber meine Arbeit an Bord Tageslicht erforderte, mußten wir die ruhigen Nächte über still liegen; außerdem machten uns Nebel und die Frühlingsboten, Regen und Sturm, so viel zu schaffen, daß wir immer wieder in den Schutz der steilen Uferwände flüchten und halbe Tage lang vor Anker gehen mußten. Bei 13 und 14 Grad Luftwärme fror ich im Schatten meines Sonnendachs. Der Wind pfiff quer durch meine Hütte, und durch die Dachritzen tropfte der Regen auf Bett und Schreibtisch, bis ich ein kleines, grünes Zelt darüber nagelte, das ich auf meiner unglücklichen Autoreise von Major Reith erhalten hatte; mein eigenes großes, weißes Zelt hatte bei dem übrigen Gepäck in Bir-dava bleiben müssen. Erst am 17. April machte sich der Frühlingsanfang mit 24 Grad Wärme bemerkbar. Trotzten wir dem Wind, so trieb die Fähre regellos von einem Ufer zum andern, drehte sich wie eine Nußschale, so daß Ruderer und Steuermann machtlos waren, trieb auch wohl auf erst in der Nähe erkennbare Schlammbänke, und einmal mußten wir sie sogar wieder in ihre beiden Hälften zerteilen, um nur wieder flott zu werden. Wenig aber fehlte, und sie hätte mitsamt ihrer Besatzung ein vorschnelles Ende in den strudelnden Wassern des Euphrat gefunden.

Das war am 18. April, als wir Rakka hinter uns hatten und eine Strecke weit unterhalb das Dorf Säbcha am Fuße der Kalkwand in Sicht kam. Säbcha ist eine Poststation auf dem Wege von Aleppo nach Bagdad.

Der Strom war in den letzten Tagen über einen Meter gestiegen. Seit einer Weile wehte Ostwind. Die Sonne verschwand hinter undurchdringlichem Gewölk, und über uns begann der Donner zu grollen in immer kürzeren Zwischenräumen und immer lauter. Die Luft war drückend schwül, und alle Anzeichen deuteten daraufhin, daß eine rasende Entladung bevorstand. Die Arbeiter an den Schöpfwerken blickten prüfend zum Himmel, spannten die Ochsen aus und trieben sie zu den Zelten. Schon begann auch der Regen auf das Dach meiner Hütte und das ölgetränkte grüne Zelt niederzuprasseln.

Es fehlten gerade noch vier Minuten an ½6. Ich hatte eine neue Peilung genommen, die zeigte, daß wir S 40 W fuhren. Langsam glitten wir am rechten Ufer hin und streiften eine kleine, grasbewachsene Insel, die sich bei niedrigem Wasserstand mit dem Festland vereinigen mußte. In einer Viertelstunde hoffte ich am Han, dem Postwirtshaus, von Säbcha zu sein.

Da hörte ganz plötzlich der Regen auf. Der Donner verstummte, und einen Augenblick herrschte unheimliche Stille. Nur einen Augenblick! Die nun folgenden zwanzig Minuten aber werde ich niemals vergessen. Sie brachten das fürchterlichste, wildeste Naturschauspiel, das ich jemals erlebt habe, und ich habe doch ziemlich viel dergleichen mitgemacht. Erst fielen vereinzelte, schwere Tropfen, dann schmetterte ein Platzregen herunter, wie ihn nur die Tropen kennen. Gleichzeitig brauste ein betäubender Orkan über den Strom. Die Fähre stutzte wie vor Schreck, stand einen Augenblick still, dann drehte sie sich so, daß die Backbordhälfte mit der Hütte leewärts lag und somit als Windfang und Segel wirkte. Und sofort trieben wir in reißender Schnelligkeit quer durch die Strömung zum linken Ufer hin. Der Euphrat mochte hier etwa vierhundert Meter breit sein, und diese weite Fläche hatte sich in wenigen Minuten mit gewaltigen, schaumgekrönten Wogen bedeckt, deren Kämme immer höher emporspritzten und über die Reling der leeren Luvfähre stürzten. In dieser Hälfte unsres Fahrzeuges stieg das Wasser beunruhigend an, und ich berechnete schon mit Entsetzen den Augenblick, da sie untersinken und die andere Hälfte nebst Hütte und allem mit sich in die Tiefe reißen mußte.

Der furchtbare Druck des Sturms auf die Hütte trieb außerdem die Backbordfähre so hart leewärts, daß die Reling ganz auf die Wasseroberfläche zu liegen kam. Nur noch ein paar Finger breit tiefer, und wir waren verloren! Es knackte und knallte in dem dünnen Holzwerk der Hütte, als wollte sie jeden Augenblick bersten und in die Luft fliegen, und zwischen den Planken der Luvwand spritzte der sturmgepeitschte Regen in wagerechten Strahlen herein. Ich raffte Karten, Bücher usw. zusammen aufs Bett und barg sie unter Decke und Regenmantel. Dann stemmte ich mich mit aller Kraft gegen die Luvwand, um ihren Widerstand gegen den Wind zu verstärken. Ein heftiger Knall — das Zelttuch draußen ist losgerissen! Eben flattert ein Zipfel am Fenster vorüber; ich greife zu und habe ihn fest. Naß bis auf die Haut halte ich nun das wie ein Notsignal hin und her klatschende Zelt, stemme dabei die Schultern immerfort gegen die Wand, obgleich ich unter dem Luftdruck kaum atmen kann, und jage so mit der Fähre in rasendem Tempo — ja, wohin? Keine Möglichkeit einer Orientierung! Durchs Fenster sah ich nur in ein graues Chaos von Wogen und Schaumkämmen, die mit erbitterter Wut gegen die Hütte hämmerten und die Luvfähre mit Wasser zu füllen drohten. Ob wir wohl noch ein Ufer erreichten, ehe die Fähre bis zum Rande voll war und sank oder von den Wogen zerschmettert wurde? Trieben wir parallel mit der Hauptrichtung des Stromes, dann mußte sie untergehen, ehe wir an Land waren. Der Sturm war aus Südwest gekommen, und in derselben Richtung strömte dieser Teil des Flusses. Später zeigte sich glücklicherweise, daß die Gleitkraft der Wassermasse eine Ablenkung hervorrief, wodurch unsere Richtung genau östlich wurde.

Betäubendes Donnern und Tosen ringsum; der Regen geht in Hagel über, Eisklumpen knallen gegen die dünne Wand der Hütte, als würden wir von einer Menschenmenge mit Steinwürfen bombardiert. Die Hagelkörner zischen ins Wasser wie Flintenkugeln und ballen sich auf der Fähre zu kleinen weißen Inseln zusammen; einige, die ich später maß, hatten einen Durchmesser von achtzehn bis zwanzig Millimeter. Der Aufenthalt im Freien mußte lebensgefährlich sein. Meine Leute waren schon bei den ersten Vorboten des Sturms unter Deck gekrochen; ging die Fähre unter, so mußten alle vier Mann wie in einer Mausefalle ertrinken.

Araber mit seiner jungen Frau.


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