Endlich trat etwas Dunkles aus dem Nebel hervor: Tamariskenbüsche am linken Ufer. Wir waren also quer über den Euphrat gejagt, nicht aufwärts gegen den Strom. Eben kroch mein Kapitän Mohammed aus seinem Versteck hervor und brachte durch sein Schreien auch die anderen auf die Beine. Es war auch die höchste Zeit! In wenigen Sekunden mußten wir an Land geschleudert werden — das Vorderteil der Fähre zerriß schon die Wurzeln der Tamarisken, die wie Vorhänge von der zwei Meter hohen, senkrechten Erosionsterrasse herabhingen und das Dach der Hütte fegten. Mahmud schwang sich an einer Tamariske aufs Ufer hinauf, Kerit folgte ihm, rutschte aber aus und bis an die Schultern ins Wasser hinein. Im selben Moment prallte die Fähre heftig auf, der Stoß wurde aber von dem Wurzelwerk aufgefangen. Schon war auch Hussein an Land und schlang ein Seil um einen festen Ast. Die Fähre schaukelte und schlingerte, riß sich aber nicht mehr los. Schnell war das Zelt gerettet und zusammengepackt.
Nun ließ die Heftigkeit des Sturmes bald nach. Regen und Hagel hörten ebenso plötzlich auf, wie sie gekommen waren. Das Zentrum des Unwetters zog in nordwestlicher Richtung weiter. Es war dreizehn Minuten vor 6; die ganze Geschichte hatte nur zwanzig Minuten gedauert. Das Thermometer zeigte 22 Grad. Die Erde war noch weiß von Hagelkörnern, die jedoch bald wegschmolzen.
Es dauerte eine Weile, bis wir uns von dem Schreck erholt hatten. Nach und nach wurde die Luft ganz ruhig, glättete sich die eben noch so aufgeregte Wasserfläche, und man hörte nur das stille Brausen der ersterbenden Wogen. Mahmud begab sich nach dem nächsten Nomadenzelt, um Holz, Brot und Joghurt zu holen. Die anderen sammelten Tamariskenzweige und machten mit vieler Mühe ein Feuer an; dann entkleideten sie sich und trockneten ihre Sachen. Auch in meiner Hütte war alles so durchnäßt, daß Bettzeug und Decken an Stangen ums Feuer zum Trocknen aufgehängt werden mußten. Schließlich schöpften meine Leute das Wasser aus der Steuerbordfähre. Welch ein Glück, daß ich zwei zusammengebundene Schahtur hatte! Einer allein mit freier Hütte wäre ohne Zweifel gekentert. Die leere Steuerbordfähre hatte meinem Fahrzeug die nötige Festigkeit gegeben, um einen solchen Sturm auszuhalten.
Es dunkelte. Am nordöstlichen Himmel flammten unter einer pechschwarzen, am Hinterrand scharf begrenzten Wolkenbank blaue Blitze und erhellten den Strom und die Tamarisken am Ufer, daß sie wie friedlose Geister mit bittend ausgestreckten Armen erschienen. Nach dem Lärm, der eben noch unsere Ohren erfüllt hatte, lag mir die friedvolle Stille der Nacht geradezu beklemmend auf der Brust. Ich atmete auf, als endlich die Schakale ihr übliches Abendlied anstimmten, das auf dem einen Ufer mit langgezogenem Geheul begann, gleichsam im Bogen auf das andere übersprang und bald wie Hohngelächter, bald wie der Hilferuf bangender Kinder klang, und dazwischen der traurige Schrei eines Esels vom anderen Ufer herübertönte.
Diese zyklonartigen Stürme, die von Zeit zu Zeit über Mesopotamien hinziehen, sind der Schiffahrt auf dem Euphrat äußerst gefährlich, und wenn ich weiterhin an wracken Booten vorüberkam, begriff ich nur zu gut, wie solche Schiffbrüche vor sich gegangen waren. Noch vor einigen Wochen wurde Kapitän Pfeffer, einer meiner Bekannten aus Dscherablus, als er mit seiner Flottille von großen, mit Munition und Gewehren beladenen Fähren bei Rakka vor Anker lag, von einem Zyklon überrascht. Der Sturm kam ohne jedes warnende Vorzeichen wie ein Dieb in der Nacht, meterhohe Wellen füllten die Fahrzeuge mit Wasser, und drei davon sanken; ein Deutscher, ein Photograph aus Metz, ertrank dabei. Ein ähnliches Schicksal konnte auch der Fliegerabteilung, die zwei Tage vor mir Rakka verlassen hatte, oder der bayrischen Batterie des Majors von Schrenk, die ungefähr am 15. April von Dscherablus hatte aufbrechen sollen, beschieden sein. Wie ich aber später hörte, erreichte sie der Sturm, der meine Fähre fast zum Kentern gebracht hatte, nicht; sein Zentrum war also ganz scharf begrenzt gewesen.
Chesney’s Fähre auf dem Euphrat.
(Aus: „Narrative of the Euphrates Expedition“.)
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GRÖSSERES BILD
Auch aus älterer Zeit finde ich solch ein Ereignis beschrieben, das mit meinem Erlebnis die größte Ähnlichkeit hat. In den Jahren 1835/37 untersuchte Oberst Francis Rawdon Chesney im Auftrag der englischen Regierung die Schiffahrtsverhältnisse auf dem Euphrat und Tigris. Am 21. Mai 1836, mittags ½2 Uhr, wurde seine Expedition von einem Zyklon überfallen, der ebenso plötzlich daherbrauste, wie der von mir erlebte, ebenso mit plötzlicher Finsternis einsetzte, nur fünfundzwanzig Minuten dauerte und einen der beiden Dampfer Chesneys, den „Tigris“, versenkte, wobei vier Offiziere, elf Artilleristen und Matrosen und fünf Eingeborene ums Leben kamen. Der Sturm preßte den Dampfer so stark nieder, daß die offenen Kajütenfenster unter Wasser gerieten. Schon war der Befehl gegeben: Rette sich wer kann! als sich für einen Augenblick die Dunkelheit erhellte und das Ufer ganz nahe schien. Sofort hieß es wieder: Jeder auf seinen Posten! Aber im nächsten Augenblick herrschte wieder schwarze Nacht, und eine Minute später war das Schiff gesunken. Ebenso schnell wie er kam, war der Zyklon wieder vorüber, und seine Spur war ebenso schmal gewesen, wie ich es beobachtet hatte. Chesney, der sich mit zwanzig Mann von dem sinkenden Schiffe hatte retten können, will Hagelkörner von anderthalb Zoll Dicke gemessen haben; das erscheint mir etwas übertrieben, und seine Meinung, solche Zyklone über dem Euphrat seien „äußerst selten“, widerlegt sich wohl durch meine Erfahrungen.
Chesneys Schilderungen liest man noch heute mit größtem Interesse. Daß damals an den Ufern des Euphrat noch Löwen vorkamen, hört man mit einigem Erstaunen; im übrigen ist noch alles so, wie er es beschrieb; man erkennt die Orte Der-es-Sor, Ana und Hit deutlich wieder, sogar den Hügel von Babel, wo damals noch keinerlei Ausgrabungen begonnen waren, und die Karte des Euphrat, die sich in seinem Werk „Expedition for the survey of the rivers Euphrates and Tigris in the years 1835–1837“ (London, 1850–68) findet, ist so gewissenhaft ausgeführt, daß sie noch während dieses Weltkrieges benutzbar war; man brauchte nur in die vergrößerte Kopie die Änderungen des Stromlaufs während der letzten achtzig Jahre einzuzeichnen. Die von ihm angegebenen Namen der Berge, Hügel, Ruinen, Landzungen usw. stimmten alle, nur die Ortsnamen waren andere; denn man nennt die Orte am Ufer nach dem Scheich des Stammes, der dort zeltet. Die Namen wechseln daher alle Menschenalter.