Chesneys Expedition hatte die Aufgabe, die Möglichkeit einer schnelleren Überlandverbindung mit Indien zu untersuchen. Der Euphrat wurde bis Meskene schiffbar gefunden, für nicht zu tief gehende Dampfer sogar bis Biredschik; bis zum Golf von Alexandrette wäre dann nur noch eine kurze Strecke zu überwinden gewesen. Chesney versichert, die Araber an den Ufern des Euphrat und ebenso die türkische Regierung hätten die geplante Eröffnung eines neuen Handelsweges zwischen Indien und Europa freudig begrüßt. Aber ein Menschenalter blieb das Projekt unausgeführt, und dann machte der Bau des Suezkanals die Euphratstraße für England überflüssig.
Beduinenzelt am Euphratufer.
Sechstes Kapitel.
Unter Nomaden und armenischen Flüchtlingen.
Wenn Sturm oder Gegenwind mich zwangen, auch am Tage den Schutz steiler Uferwände aufzusuchen oder am Lande festzumachen, gaben mir diese meist unfreiwilligen Aufenthalte, die meine Geduld auf harte Proben stellten, gleichwohl willkommene Gelegenheit, meinen Proviant zu vervollständigen und dabei das Leben der Nomaden an den Ufern des Euphrat aus nächster Nähe kennen zu lernen.
Gleich am zweiten Tage der Stromfahrt mußten wir bei dem Zeltdorf Hammam längere Zeit liegen bleiben, und in Begleitung Kerits, der als arabischer Dolmetsch diente, und des Gendarmen Mahmud begab ich mich zu den zwanzig schwarzen Zelten am Fuß der Uferhöhe, die das Dorf bildeten. Drei halbwilde Hunde empfingen uns, die Einwohner selbst aber verschwanden wie Ratten in ihren Zelten. Fürchteten sie sich vor uns? Ja, erklärte Mahmud, „sie halten uns für Werber, die Rekruten sammeln“. Und mit dieser Vermutung schien er recht zu haben. Denn als ich auf das vornehmste Zelt, das des Häuptlings, zuging, traten mir zwei Araber in offenbarer Bestürzung entgegen, und diese wich erst, als sie hörten, daß wir nichts anderes im Schilde führten, als Eßwaren zu kaufen. Sie waren vom Stamm der Beni-Said-Araber, die in dieser Gegend sechzehn Dörfer hatten. Die Männer trugen weiße, weite Beinkleider, über den Schultern bunte Mäntel und auf den Köpfen schwarze Lappen, die von zwei weichen Ringen auf dem Scheitel festgeklemmt wurden. Auf Kissen und zerlumpten Matten saßen fünf würdige Weißbärte inmitten des großen länglichen Zeltes und rauchten Nargileh und Zigaretten, die sie selber drehten. Mit vornehmer Lässigkeit erhoben sie sich und luden mich ein, unter ihnen Platz zu nehmen. Nachdem wir uns eine Weile unterhalten und uns gegenseitig mit gleichem Interesse angestaunt hatten, brachte ich mein Anliegen vor: ob sie uns Eier und saure Milch verkaufen wollten? Erst machten sie Schwierigkeiten und versicherten, sie brauchten ihren kärglichen Vorrat selber; die verführerischen Töne einiger türkischer Silbermünzen lockten aber bald die Frauen aus ihrem Versteck hervor. Ich tat natürlich so, als sähe ich sie gar nicht, sondern widmete meine ganze Aufmerksamkeit dem, was sie herbeischafften. Hier kam eine mit zwei, dort eine mit fünf, eine dritte mit einem ganzen Haufen Eier; ich kaufte fünfzig und bezahlte für je drei den verlangten Preis von zwei Metalliks. Andere brachten Milch und Joghurt in Büchsen, und es zeigte sich bald, daß die Leute viel mehr entbehren konnten, als wir brauchten.
Nomadenfrauen bei Hammam.
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