Beni-Said-Araber.
⇒
GRÖSSERES BILD
Der Frauen anfängliche Scheu war nach Abschluß des Handels spurlos verschwunden, und ich konnte nun sie und ihre grellfarbige, malerische Kleidung mit Muße betrachten. Ihre dunkelblauen Mäntel, die gewöhnlich ein bauschiger Stoffgürtel um den Leib hielt, waren nach vorn zu offen und ließen ein rotes oder weißes westenartiges Unterkleid vorschimmern. Füße und Arme waren frei. Die Armgelenke zierten hübsche Silber- oder Messingringe, den Hals wertlose Perlenschnüre. Ihr Haar war in starke Zöpfe geflochten, und um den Scheitel schlangen sich schwarze Turbanschleier. Alle Frauen hatten die Unterlippe blaugrün bemalt, ebenso das Kinn. Diese Bemalung entstellte sie keineswegs, im Gegenteil vermittelte das kräftige Blaugrün vortrefflich das Dunkelblau der Mäntel mit dem bronzenen Braun der Gesichter. Woher diese Sitte? Auf diese Frage antworteten sie nur: „Das ist bei uns von altersher so Brauch.“ Einige Frauen trugen kleine braungebrannte Kinder auf dem Rücken oder an der Brust. Unter den jüngeren fielen mehrere durch echte, ungepflegte Wüstenschönheit auf.
An den weiten Ufern des Euphrat genießen diese Nomaden eine unbegrenzte Freiheit. Wenn die Steppe rings um das Dorf abgegrast ist, ziehen sie mit Zelten und Herden zu neuen Weidegründen. Sie starren von Schmutz und Ungeziefer, Frauen wie Männer, und ihre buntscheckige Kleidung ist verschlissen und zerlumpt, voller Flecken von Fett und Schafblut und vom Ruß des Lagerfeuers geschwärzt. Das kümmert sie nicht. Abgehärtet von Wind und Wetter fühlen sie sich stark und gesund; ihre Bedürfnislosigkeit macht sie leichten und frohen Sinnes; doch der Neugier huldigten sie mit naiver Unbefangenheit, und selbst die Kinder waren uns wildfremden Gästen gegenüber gar nicht blöde; Knaben und Mädchen sprangen übermütig aus und ein und trieben ihren Scherz mit uns. Fähren wie die meinige sahen sie ja alle Tage vorbeitreiben; höchstens daß ihnen solch eine Hütte darauf neu war. Mehrfach schon hatte sie spielenden Knaben als Zielscheibe für ihre Schleuder gedient, und die kleinen barfüßigen Mädchen am Strande pflegten ohne Schüchternheit nach dem Woher und Wohin unserer Fahrt zu fragen. Nur einmal, bei dem Dorf Sedschere, am 15. April, machten wir Aufsehen und störten sogar ein Leichenbegängnis: das ganze Gefolge überließ den Toten sich selbst und eilte ans Ufer, um uns vorüberfahren zu sehen.
Die Zelttücher der Nomaden sind aus grober, schwarzer Ziegenwolle; sie ruhen auf mehreren in einer Reihe aufgestellten, senkrechten Stangen, fallen nach beiden Seiten ab und sind mit Stricken festgemacht. Ringsum ist das Zelt mit Reisigbündeln umgeben, die als Brennmaterial benutzt und immer erneuert werden. Das Innere ist durch Wände von Schilfmatten in verschiedene Räume eingeteilt. Der vornehmste, das Empfangs- und Konversationszimmer, liegt in der Mitte, links der Stall für Schafe und Kälber, rechts Vorratsraum und Küche. Dort bereitete eine alte Frau in einem Topf über dem Feuer das erfrischende Getränk „Airan“ aus Wasser und gegorener Milch. Die Milch wird in Ziegenfellen aufbewahrt, die an den Zeltstangen hingen. Milch und Brot ist die Hauptnahrung dieser Nomaden; seltener wird ein Schaf aus der Herde geopfert. Mit diesem ihrem Reichtum sind sie sehr sparsam, wie ich am nächsten Tage erfahren sollte.
Sale, ein Lamm an der Brust haltend.
Die Abenddämmerung hatte meiner Arbeit ein Ziel gesetzt, und ich ließ meine Fähre bei drei schwarzen Zelten am linken Ufer halten. Ihre Bewohner kamen uns entgegen und begrüßten uns auf europäische Art durch Handschlag. Wir folgten ihrer Einladung und ließen uns in einem der Zelte im Kreise um das Feuer nieder, das mit stachligen Rasenstücken genährt wurde, die draußen aufgehäuft waren. So oft ein neuer Arm voll in die Glut geworfen wurde, flammte die Lohe hoch empor und beleuchtete prächtig diese Kinder der Wüste, die wettergebräunten Hirten, die dunkelblauen Trachten der Weiber und das zerlumpte Durcheinander der lärmenden Kinder. Sie waren vom Stamme al-Murat; ihre Nachbarn auf dem anderen Ufer gehörten zum Stamm der Bobani. Der Winter 1915/16, erzählten sie, sei sehr hart gewesen, und es sei reichlich Schnee gefallen; vor fünf Jahren habe das Flußeis sogar Menschen und Tiere getragen. Unsere neugierigen Wirte wurden nicht müde, sich über unseren Besuch zu wundern, uns anzustarren und auszufragen, und als ich am Abend in meiner Hütte Tee trank, leisteten sie mir vom Ufer aus Gesellschaft. Ich kaufte von ihnen weiches Brot und Joghurt, aber ein Fettschwanzschaf wollten sie nicht herausrücken, d. h. sie verlangten dafür 150 Grütsch oder anderthalb türkische Pfund (fast 30 Mark), einen drei- oder viermal zu hohen Preis, der jeden Handel unmöglich machte.
Araberinnen vor einem Zelt.