Zwei Tage später hatte ich damit mehr Glück. Wir waren beim Dorfe Dibse vorübergefahren, dessen Ruine auch unter dem Namen El-Burdschi, d. h. die Burg, bekannt ist. Hier lag in alter Zeit die berühmte Stadt Thapsacus, die ehemals die Ostgrenze des Salomonischen Reiches bezeichnete (1. Buch der Könige, 4, 24). Gleich oberhalb des Ortes ist noch heute eine Kamelfurt, durch die seinerzeit der jüngere Cyrus und Alexander der Große den Euphrat überschritten. Hinter Dibse waren wir an einer Stelle gelandet, die den Namen Oasta führte. Hier wohnten die Araber des Oäldästammes. Ihnen gegenüber sollen die Hamidije-Araber ihre Weideplätze haben, und weiter abwärts am rechten Ufer folgt der Stamm Hamed-el-Feratsch. Hochgewachsene Männer in braun- und weißgeränderten, sackähnlichen Mänteln empfingen uns mit dem Gruße „Salam“. Sie erwarteten das diesjährige Hochwasser erst in vierzehn Tagen; nach zwei Monaten schrumpfe dann der Fluß zur Bedeutungslosigkeit zusammen. Ihre Schafherden scheren sie Mitte Mai; dann kommen die Händler von Aleppo hierher, um die Wolle aufzukaufen. Für klingendes türkisches Silber erstand ich hier ein prächtiges Fettschwanzschaf; einer der Araber zog sofort blank und schnitt mit einem Hieb die Weichteile bis zu den Halswirbeln durch, daß das Blut über das Gras spritzte. Kerit tauchte die Hand in das rauchende Blut und malte ein paar breite, rote Streifen über das Vorderteil der Fähre — jedenfalls ein uralter Opferbrauch, der die unheimlichen Mächte des Wassers besänftigen und den Schiffern eine glückliche Fahrt schenken soll. Mit sicherer Hand zog der Araber das Schaf ab, entfernte die Eingeweide und zerschnitt kunstvoll das Fleisch; Fett, Niere, Herz und Leber wurden für sich gelegt. Die Fleischstücke ließ ich an der Hinterwand meiner Hütte aufhängen, mit Ausnahme derer, die zum abendlichen Gastmahl meiner Besatzung bestimmt waren.

Araber am Euphrat.


GRÖSSERES BILD

Nachdem die uns begleitenden Araber zu ihren Zelten zurückgekehrt waren, machten meine Leute am Ufer Feuer, und nun begann ein emsiges Kochen und Schmoren. Für mich wurden die Schafsnieren am Spieß über der Glut gebraten. Jede Schafschlachtung ist in Asien ein festliches Ereignis. Die Männer bleiben länger als gewöhnlich sitzen, verzehren unglaubliche Mengen Fleisch, plaudern und singen und schweigen bloß, so lange sie essen. —

Neben den schwarzen Zelten der Araber zeigten sich an den Ufern des Euphrat oft Hunderte weißer Zelte. Das waren die Lager der armenischen Flüchtlinge. Mehrfach war ich diesen Unglücklichen schon begegnet, wenn ich tagsüber oder am Abend an Land ging. Einmal, in der Nähe der Festung Dschabar, hatte ich eine Schar von ihnen, meist Frauen und Kinder, die auf dem Wege nach Der-es-Sor und Mosul waren, mit allem bewirtet, was sich an Brot, Eiern und Fleisch an Bord meiner Fähre fand. Genauer lernte ich ihr Elend erst kennen, als ich am 18. April das Städtchen Rakka erreichte, das am Fuß einer isolierten, fünfgipfligen Gebirgspartie liegt.

Zwischen Inseln hindurch, die bald aus Schlamm bestanden, bald mit Gras bewachsen oder mit Flugsanddünen bedeckt waren, näherten wir uns dem größten Ort, den ich bisher am Euphrat angetroffen hatte. Bei Rakka erreicht eine Karawanenstraße von Urfa her den Strom, der hier sehr breit ist und so gerade läuft, daß die Ufer keine Erosionsterrassen haben. Diese entstehen nur bei Windungen, wo der beständige seitliche Druck des Wassers sie bildet. Auf dem rechten Ufer weidete eine Herde von etwa hundert Kamelen; wahrscheinlich war sie für die Transportkolonnen bestimmt, die die Verbindung mit der mesopotamischen Front aufrechterhielten.

Am linken Ufer waren zahlreiche Frauen bei der Wäsche beschäftigt, während Kinder im Wasser planschten, und Sakkas, Wasserträger, ihre Ledersäcke füllten und auf Eseln nach der Stadt beförderten, die einzige Wasserleitung, die Rakka besitzt.

Armenische Flüchtlinge bei meiner Fähre.