Mohammed und Hussein blieben bei der Fähre als Wache, während Mahmud, das Gewehr am Riemen über der Schulter, und Kerit mich nach der Stadt begleiteten. Sie liegt zwölf Minuten vom Ufer entfernt, damit das Hochwasser, dem das flache Land ausgesetzt ist, nicht bis zu den Häusern dringt.

Mein Ziel war das Amtszimmer des Kaimakam. Gendarmen empfingen uns am Tor und führten uns über den inneren, viereckigen Hof die Treppe hinauf zu einer Galerie oder Veranda und von dort in das Empfangszimmer des Gouverneurs. Es war mit einfachen Matten belegt und mit Sofas und Stühlen möbliert. Viele Besucher warteten, Militärs und Zivilisten. Der Kaimakam, ein alter Mann mit weißem Vollbart, klobiger Nase, freundlich träumerischen Augen und rotem Fes, saß vor einem mit Bergen von Briefen und Akten beladenen Schreibtisch. Sein Dolmetsch stand daneben wie ein angezündetes Licht.

Nachdem der Kaimakam meinen türkischen Paß durchgesehen, sich über meine Reisepläne unterrichtet und mir die neuesten Nachrichten vom Kriegsschauplatz mitgeteilt hatte, bat ich um die Erlaubnis, Antiquitäten von Rakka kaufen zu dürfen. Die kleine Stadt, die jetzt zum großen Teil von ihrem Handel mit den in der Umgegend wohnenden Anese-Arabern lebt, liegt auf dem Platz, wo ehemals die alte Festung Nicephorium stand. Als Avidius Cassius im Jahre 164 n. Chr. gegen das Partherreich vorrückte, fand er an der Euphratlinie hartnäckigen Widerstand, doch konnten Europus, Nesibin, selbst die Hauptstadt der Parther, Ktesiphon, und viele andere Städte, darunter die Feste Nicephorium, der überlegenen Kriegskunst der Römer nicht widerstehen. Rakka ist auch dadurch berühmt, daß der Kalif Harun-er-Raschid hier den Sommer zu verbringen pflegte. Meinem Wunsch nach Altertümern durfte übrigens der Gouverneur nicht stattgeben, da die Ausfuhr verboten ist.

Hauptstraße in Rakka.

Während ein alter Offizier mit dem Kaimakam eilige Geschäfte erledigte, unterhielt ich mich mit dem französischen Dolmetscher. Er war ein Armenier aus Konstantinopel und mit einer großen Schar von Landsleuten über Aleppo und Meskene nach Rakka gekommen, wo sie seit sechsunddreißig Tagen festgehalten wurden. Wir sahen ihre Zelte am rechten Stromufer, das von Frauen und Kindern wimmelte. Man schätzte ihre Zahl auf 5000; sie waren aus Gegenden an der kaukasischen Front ausgewiesen worden. Der Dolmetsch, der ein treffliches Französisch sprach, hatte dem Kaimakam seine Dienste angeboten und war sofort angestellt worden.

Vor zwanzig Tagen, erzählte er mir, sei ein deutscher Offizier auf einem Schahtur angekommen und habe um die Erlaubnis gebeten, an die ärmsten Armenier 30 Pfund in Silber austeilen zu dürfen; der Kaimakam sei selber bei der Verteilung zugegen gewesen. Auf meine Bitte, dem Beispiel des Deutschen folgen zu dürfen, erwiderte aber der Kaimakam, er sei für das Angebot herzlich dankbar und habe an sich nichts dagegen. Aber er habe vom Wali in Urfa gerade ein Telegramm erhalten, das verbiete, ohne dessen Erlaubnis Gaben an die Ausgewiesenen zu verteilen.

Ich suchte nun den Basar auf, um meinen Proviant mit Brot, Käse, Apfelsinen und Salz zu bereichern. Ein armenischer Arzt aus Eriwan, der seit vielen Jahren in Rakka ansässig war, begleitete mich durch die staubigen Straßen der langweiligen Kleinstadt. Nach seiner Versicherung zählte die armenische Kolonie von Rakka gegen anderthalb Tausend Personen.

Auf unserem Wege folgte uns ein Heer armer Kinder und Frauen auf den Fersen, lauter Armenier, und als ich an einem Bäckerladen vorüberkam, auf dessen Tischen große Haufen frischer, runder Brote aufgestapelt lagen, konnte ich mir das Vergnügen nicht versagen, den ganzen Ladeninhalt aufzukaufen und an die Hungernden zu verteilen. Sie stürmten von allen Seiten auf mich ein, stießen sich, schrieen, fielen zu Boden, traten aufeinander und zerrten an meinen Kleidern, um nur ihres Anteils nicht verlustig zu gehen, dann zerstreuten sie sich, jeder mit seinem Fang zufrieden. Es war eine Herzensfreude sie essen zu sehen, und mit schmerzlicher Teilnahme dachte ich an die Fünftausend, die auf dem anderen Ufer verschmachteten. Aber wenn ich auch alles, was ich hatte, an die Ärmsten verteilte — für so viele hätte es doch nicht entfernt gereicht.

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