Holoß Bachmakdjan, 14jährige Armenierin aus Erserum.

Die Verfolgungen der Armenier, vor allem die Grausamkeiten gegen unschuldige Frauen und Kinder, gehören zu den dunkelsten Kapiteln des Weltkrieges. Sie übertrifft nur die Grausamkeit, mit der zwei Millionen in Rußland ansässiger Deutschen bei Kriegsausbruch in die Pesthöhlen Sibiriens verschleppt wurden, um dort das Schicksal der unglücklichen Opfer aus Ostpreußen zu teilen. Was aber die Engländer über die armenischen Massaker in die Welt hinausposaunen, ist ungeheuer übertrieben und fordert den Widerspruch heraus. In seiner Oberhausrede vom 6. Oktober 1915 behauptet Lord Bryce, die Türkei wolle ihre nichtmohammedanische Bevölkerung ausrotten, weil sie die Einheit des Staates störe und sich nicht immer der Unterdrückung füge. Die Türkei zählt über 21 Millionen Einwohner; mehr als ein Viertel davon sind Christen und Juden. Die Juden, die fast eine Million zählen, haben von den Türken nichts auszustehen gehabt, im Gegensatz zu Rußland, wo sie der empörendsten Verfolgung ausgesetzt waren, und die Christen in Syrien und anderen Teilen der Türkei leben mit den Herren des Landes in gutem Einvernehmen, sind wenigstens während dieses Krieges in keiner Weise von ihnen behelligt worden. Die Armenier bilden nur etwa den vierten Teil der gesamten Christenheit des türkischen Reichs.

Lord Bryce leugnet, daß sich die Armenier jemals ungesetzlich gegen ihre Regierung gezeigt hätten. Aber eine Broschüre von Arnold J. Toynbee in Oxford, die eben jene Rede des Lords enthält, versichert, daß 250000 Armenier über die russische Grenze desertiert seien, die jetzt „die einzige Hoffnung und Stütze der armenischen Rasse“ bildeten! Die 750000 Armenier, die (nach einer andern Stelle derselben Broschüre!) in Transkaukasien leben und russische Untertanen sind, gehören wohl nicht zur armenischen Rasse? Nach der zuverlässigsten Bevölkerungsstatistik von Armenien in „Petermanns Mitteilungen“ (42. Bd. 1896) sind es sogar 958000. Lord Bryce will nur von „vereinzelten“ Deserteuren gehört haben und behauptet, das Freiwilligenkorps, das zu Anfang des Krieges dem russischen Heer so wertvolle Dienste leistete, habe nur aus russischen, im Kaukasus wohnenden Armeniern bestanden. Darüber können nur die türkischen Behörden zuverlässige Aufklärung geben. So harmlos, wie der Lord sie schildert, haben sich die Armenier bei früheren Gelegenheiten nicht erwiesen, weder im türkischen noch im russischen Asien. Die Massaker des Jahres 1896 verursachte der wahnsinnige Versuch der Armenier, die Ottomanische Bank in Konstantinopel zu stürmen, und das Blutbad, das 1903 die Tataren in Baku unter den Armeniern anrichteten, war die Folge der politischen Morde, die letztere an russischen Beamten verübt hatten. Die Tataren glaubten, sich durch Hinschlachtung der Armenier einen Dank von Rußland verdienen zu können; dieses ließ sie auch gewähren, und als es endlich eingriff, waren die Greuel schon vorüber. Als ich Ende November 1905 in Nachitschewan weilte, hatten die Armenier, wie ich in meinem Buche „Zu Land nach Indien“ (1. Bd., S. 95 f.) berichtet habe, im Tatarendorf Ikran vierzig Männer, Frauen und Kinder niedergemacht, und in Nachitschewan selbst war ein Tatar von ihnen erschossen worden, als er unter freiem Himmel sein Abendgebet verrichtete. Darauf töteten die dortigen Tataren einen Armenier, und nun ging die Blutrache weiter.

Lord Bryce ist zweifellos ein Ehrenmann — so are they all, all honourable men! Aber was er von den schrecklichen Grausamkeiten bei Räumung des kaukasischen Kriegsgebiets vor der Besetzung durch die Russen erzählt, stimmt schlecht zu den übrigen Angaben der genannten Broschüre. 800000 Armenier, sagt Lord Bryce, hätten bei dem Transport nach südlicheren Gegenden den Tod gefunden. In der Broschüre aber heißt es (S. 15 der dänischen Übersetzung) von den 1200000 Armeniern des türkischen Reichs sei gut wie die Hälfte „systematisch niedergemetzelt“ worden. Wenn nun wirklich 250000 nach Rußland flohen und die Hälfte der Zurückbleibenden getötet wurde, so ergäbe das etwa 475000, aber keineswegs 800000! Ganz abgesehen davon, daß 5000 sich nach Port Said retteten und zahlreiche in türkischen Diensten blieben. Allein aus der Stadt Mersina sollen nach Lord Bryces Brief an die Presse vom 26. November 1915 25000 Armenier nach Süden verschickt worden sein! Nur schade, daß diese Stadt bei Kriegsausbruch bloß 22000 Einwohner zählte, unter denen — nach Baedeker und „Petermanns Mitteilungen“ — überhaupt keine Armenier waren!

Ebenso leichtfertig ist die Statistik, die das armenische Patriarchat der Kollektivnote der europäischen Gesandten beifügte, um nach Artikel 61 des Berliner Vertrags die Durchführung von Reformen in den von Armeniern bewohnten Wilajets zu erzielen. Darnach sollten in den betreffenden Gebieten ebensoviele Armenier (780700) wie Mohammedaner (776500) wohnen. Tatsächlich bildeten die ersteren nur den sechsten Teil der Bevölkerung.

Der Zweck dieser Falschmeldungen ist ja klar: die Deutschen sollen die Schuldigen sein! Sie haben ja niemals etwas gegen diese Grausamkeiten getan, obgleich sich die Türkei der Autorität Deutschlands ohne weiteres gefügt hätte! Woher weiß der Verfasser jener Broschüre, daß Deutschland niemals einen solchen Schritt getan hat? Ich kann ihm versichern, daß er in einem fürchterlichen Irrtum befangen ist, und ebenso falsch ist sein Glaube, als ob Deutschland in der Türkei nur so zu befehlen habe! Die Türkei ist aus eigenem Entschluß, ihrer eigenen Sicherheit wegen in den Krieg eingetreten, nicht Deutschland zu Gefallen. Die schändliche Behandlung Griechenlands beweist ja, daß sie beim besten Willen nicht einmal neutral hätte bleiben können!

Hirten von Kal’at Rebei.


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