Von gleichen Widersprüchen wimmelt eine Denkschrift von 700 Seiten, die im Oktober 1916 dem englischen Parlament zuging: „The Treatment of Armenians in the Ottoman Empire 1915–1916. Documents presented to Viscount Grey of Fallodon by Viscount Bryce“. Hier hören wir plötzlich aus dem Munde des amerikanischen Zeitungskorrespondenten Henry Wood — was Lord Bryce bei seiner Rede vom 6. Oktober 1915 keineswegs noch unbekannt war —, daß die Armenier in offenem Aufruhr gegen die Türken standen, Wan und mehrere andere Städte besetzt hatten und eine selbständige Regierung zu bilden beabsichtigten! Mit vollem Recht hatte die türkische Regierung die Kriegsgesetze gegen die Empörer angewandt, die sie obendrein noch vorher gewarnt hatte! Aus Erserum, Trapesunt, Siwas, Charput, Bitlis und Diarbekr sind nach jener Denkschrift (S. 12) etwa eine Million Armenier deportiert worden. Aber diese Wilajets hatten vor dem Kriege überhaupt nur gegen 600000 armenische Bewohner! Die Wilajets Erserum, Bitlis und Wan, die jetzt im Bereich der russischen Linien liegen, sollen nach den Untersuchungen des Patriarchats im Jahre 1912 580000 Armenier gezählt haben; tatsächlich waren es nur 331000! Im Mai 1916 soll es (nach S. 664 des Blaubuchs von Bryce) nur noch 1150000 überlebende Armenier gegeben und die Zahl der Hingeschlachteten mindestens 600000 betragen haben, also nicht mehr 800000, wie er ein Jahr vorher behauptete! Das armenische Patriarchat zählt insgesamt 2100000 Armenier im türkischen Reich, die türkische Regierung nur 1100000! Lord Bryce nimmt also einen Mittelwert von etwa 1600000 an, neigt aber mehr zu 2000000, weil er sie für seine obige Rechnung braucht! Nach der Schätzung von Lynch gab es aber in ganz Asien nur 2100000 Armenier; und nach der von Selenoy-Seydlitz aus dem Jahre 1896 2600000. Das ergäbe einen Mittelwert von 2350000. Davon müssen aber die 958000 Armenier, die in Rußland, und die 50000, die in Persien wohnen, abgezogen werden. Bleiben also für die Türkei nur 1350000 übrig. 150000 Armenier wohnen außerdem in Konstantinopel und Smyrna; diese Annahme Lord Bryces stimmt mit sicheren Quellen überein. Das ergäbe zusammen 1500000 Armenier im ganzen türkischen Reich, eine Ziffer, die auch in der Denkschrift von Lord Bryce (S. 11) angeführt wird und ganz mit der Berechnung Professor Philippsons im Jahre 1915 übereinstimmt.

Zieht man von dieser Gesamtzahl die der überlebenden 1150000 ab, so können nicht 6 oder 800000 oder gar über eine Million Armenier umgekommen sein, sondern nur etwa 350000. Die von den Engländern behaupteten Zahlen bestehen also in keiner Weise zu Recht. Nur das wollte ich damit bewiesen haben.

Schuschanik Pambuchian, 20jährige Armenierin aus Erserum.


GRÖSSERES BILD

Grausamkeiten sind verabscheuenswert, wo, von wem und warum sie auch verübt werden, und kein Ehrenmann kann sie billigen. Aber wenn man zu ihrer Beleuchtung die Statistik heranzieht, ist das wenigste, was man verlangen muß, deren Richtigkeit!

Und haben obendrein nicht gerade die Engländer das Recht verwirkt, die Armenier vor der Welt zu vertreten? Lord Kitchener berichtete mir einst, wie er die Ruhe im Sudan nur dadurch herstellte, daß er die ganze waffenfähige Bevölkerung des Landes ausrottete, und französische Quellen enthalten haarsträubende Bilder von den Konzentrationslagern in Transvaal, wo Burenfrauen und -kinder zu Zehntausenden verhungerten! Und schreit nicht das Schicksal Irlands zum Himmel? In einem unbarmherzigen Krieg, der 150 Jahre lang dauerte, wurden zwei Drittel der irischen Bevölkerung ausgerottet. Nur ihre große Fruchtbarkeit rettete die irische Rasse vor völligem Untergang. „Als die Engländer“, sagte kürzlich der Ire Georges Chatterton-Hill in der Zeitschrift „Ord och Bild“ (1916, S. 561 ff.) „sie nicht durch direkten Mord vernichten konnten oder durch Gesetze, die die ganze Nation außer Landes treiben sollten, versuchten sie eine andere Methode, die sie auch in Indien erprobt haben: den organisierten Hunger. Und diese Methode erwies sich als sehr wirksam. In siebzig Jahren, von 1841–1911, sank die Bevölkerungsziffer Irlands von 8196597 auf 4381951! Während der drei Jahre der sogenannten großen Hungersnot (1846–1848) starben über eine Million Menschen in Irland an Hunger inmitten lachender Getreidefelder! In diesen drei Jahren wurde aus Irland an Nahrungsmitteln (Getreide und Rindvieh) für nicht weniger als 50 Millionen Pfund unter dem Schutz englischer Bajonette nach England ausgeführt, um Steuern für den englischen Staat und Pacht für die abwesenden englischen Grundbesitzer zu bezahlen. Die folgenden drei Jahre (1849–1851) starben weiterhin etwa 400000 Menschen an Entbehrungen.“

Wenn die angeblichen „Beschützer der kleinen Nationen“ unter den 380 Millionen Menschen, die durch die Laune des Geschicks unter ihren „Schutz“ gekommen sind, nicht genügend Spielraum für ihre menschenfreundliche Betätigung finden, so sollten sie doch wenigstens, statt bei den Mittelmächten, zuerst bei ihren nächsten Verbündeten anklopfen! In Rußland ist weit mehr zu bessern als in der Türkei! Das Telegramm, das der Generalsekretär des Verbandes der unterdrückten Völker Rußlands, Baron Friedrich Ropp, am 21. Dezember 1916 an Lloyd George richtete, fand diesen offenbar zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt! Vielleicht wird die revolutionäre Regierung Rußlands selbst auf diesen erschütternden Notschrei hören?

Vartiter Pambuchian, 18jährige Armenierin aus Erserum.