Auch in neutralen Ländern hat man Broschüren und Bücher über die Leiden der Armenier geschrieben und die Regierungen interpelliert. Ich zweifle nur, ob hier die reine, unverfälschte Menschenliebe am Werke ist. Denn diese macht keinen Unterschied zwischen Armeniern und Belgiern einerseits und — Ostpreußen, Polen und russischen Juden andrerseits! Neben der Religionsheuchelei ist nichts so verabscheuenswert wie der Schwindel, der unter der Maske der Barmherzigkeit nichts anderes als politische Geschäfte treibt und die Leiden anderer ruchlos ausbeutet, um politische Gegner, die Türken und ihre Verbündeten, verhaßt zu machen!

Die kriegerischen Vorgänge an der kaukasischen Front haben dazu gezwungen, die Zivilbevölkerung zu entfernen, besonders weil diese sich offen mit dem Feinde verbündete und gegen die eigene Regierung aufstand. Brutaler Eifer untergeordneter Behörden ist zu Grausamkeiten ausgeartet, zu denen — daran zweifle ich nicht — die Regierung in Konstantinopel keine Befehle gegeben hatte. Die gebildete Welt darf aber erwarten, daß die türkische Regierung weiterem Blutvergießen ein Ende macht, durch nachdrücklichen Schutz des unglücklichen armenischen Volkes sich unvergänglichen Ruhm erwirbt, ihre Feinde dadurch entwaffnet und ihre Freunde mit noch stärkeren Banden an sich knüpft. Sie muß dafür sorgen, daß die Klagen in den Bergen Armeniens verstummen.

Einfahrt nach Der-es-Sor.

Siebentes Kapitel.
Deutsche Artillerie auf dem Wege nach Bagdad.

In der Nacht nach dem im fünften Kapitel geschilderten Abenteuer hatte sich der Sturm nochmals aufgerafft, und er blies auch den folgenden Tag, den 19. April, so ungestüm und regellos, daß mir nichts übrig blieb, als bei Säbcha im Schutz der Tamariskengebüsche zu verweilen und mir und meinen übermüdeten Leuten Ruhe zu gönnen.

Unter dichten Weißdornbüschen, geschützt vor dem Wind, hatten sie sich am Ufer hingestreckt und freuten sich in der Morgenfrische der Wärme, die ein knisterndes Feuer ausströmte. Ich fühlte mich an Bord am wohlsten, hatte es mir mit Hilfe dicker Winterkleider einigermaßen behaglich gemacht und lag lesend auf meinem Bett, als ich auf einmal Schritte auf der Laufplanke hörte und ein junger Europäer vor meiner Hütte erschien. Zu meiner größten Überraschung war der Ankömmling ein Landsmann von mir, Nils de Maré, Major in persischen Diensten. Am Abend vorher war er mit Major Pousette und sechzehn Österreichern, die aus russischer Gefangenschaft in Taschkent entflohen waren und sich durch Persien hatten durchschlagen können, in Säbcha angelangt. Sie hatten meine Fähre ankommen sehen, und da de Maré überzeugt war, daß ich mich darauf befände, hatte er seine Begleiter nach Meskene und Aleppo vorausfahren lassen. Dann brach der Orkan aus, und meine Fähre war im Sturmnebel verschwunden. Mit einem persischen Diener hatte sich der Major in einem gebrechlichen Fahrzeug aufgemacht, um meine letzte Spur zu suchen, und er war jetzt nicht wenig erstaunt, mich völlig wohlbehalten in meiner Hütte zu finden, die er höchstens als ein trauriges Wrack anzutreffen gefürchtet hatte.

Ich ließ dem willkommenen Gast auftischen, was das Haus vermochte. Das war nun leider wenig, und Apfelsinen und Zigarren mußten die Dürftigkeit unseres Mahles vergolden. De Maré war auf der Heimreise nach Schweden; er hatte den Rückzug über Kirmanschah nach Chanikin mitgemacht und in den Kämpfen mit den nachdrängenden Russen so viel erlebt, daß die Stunden unseres Beisammenseins nur so verflogen.

Um 4 Uhr nachmittags saßen wir noch immer über seine persischen Kartenskizzen gebeugt, als plötzlich Mahmud herbeigesprungen kam mit der Meldung, eine große deutsche Fähre sei im Anzug. Und richtig! Nur wenige hundert Meter flußaufwärts kam ein großer, schwerer Prahm im heftigen Wind gerade auf uns zu, als ob er mein leichtes Fahrzeug in den Grund bohren wollte. Aber er steuerte mit tadelloser Sicherheit nahe vorbei und landete unter dichtem Tamariskengebüsch ein Stück weiter abwärts. Auf der Längsseite der Fähre stand in großen Buchstaben ihr Name „Möve“. Sie war also die Vorhut der bayrischen Batterie, die einige Tage nach mir Dscherablus verlassen hatte. Bald kam auch die ganze Flottille an der letzten Biegung des Stromes vor, die „Emden“ mit ihren verdeckten Munitionswagen, die „Hella“ unter Gesang ihrer Besatzung, „Mohammed Reschid V.“ mit starkem Tiefgang infolge seiner schweren Last an Geschützen und Granaten, und schließlich ein türkischer Doppelschahtur von der Größe des meinigen, das Admiralschiff des Majors von Schrenk, das unter Flaggengruß, Winken und Hurrarufen der Offiziere an mir vorüberfuhr. Wenige Minuten später durfte ich den Major und seine Kameraden vor meiner Hütte begrüßen, und am Abend führte Leutnant Schmidt mich und meinen Landsmann mit einer Laterne durch stachliges Tamariskengebüsch zum Lagerplatz der Deutschen, wo wir uns beim Licht des Mondes und einer Karbidlampe zum gemeinsamen Abendbrot niederließen und im Austausch unsrer Erlebnisse während der letzten Woche reizende Stunden verbrachten. De Maré verabschiedete sich um 9 Uhr, um mit seinem persischen Diener nach Säbcha zurückzukehren; er konnte aber sein Boot im Dunkeln nicht finden und verbrachte daher die Nacht, in meinen Mantel gehüllt, am Lagerfeuer, um am frühen Morgen endgültig aufzubrechen.

Vier von den neunzehn deutschen Fahrzeugen fehlten noch; sie waren in der Nähe von Rakka auf Sandbänke getrieben, und der Major wollte nun hier warten, bis er alle wieder beisammen hatte. Da am andern Morgen der Wind noch ebenso heftig wehte, der Euphrat in weißbraunen Wogen rollte und das Wetter so rauh war, daß man sich seiner Winterkleider und des Ledermantels aufrichtig freute, beschloß auch ich den Tag in Gesellschaft meiner deutschen Freunde zuzubringen.