Am Vormittag wurden auf einer Anhöhe in der Nähe des Lagers zwei Masten aufgestellt, um den Nachzüglern Signale zu geben, und ein Rundblickfernrohr schaute nach ihnen aus. Zwei türkische Doppelfähren kamen bald in Sicht und erhielten ihre Plätze am Ufer angewiesen. Von den zwei übrigen deutschen machte die „Bavaria“ am meisten Sorge. Sie war schwer befrachtet, und da der Euphrat in der Nacht bedeutend gesunken war, saß sie wahrscheinlich auf ihrer Sandbank um so fester und mußte entladen werden, um nur wieder loszukommen. Nach stundenlangem Ausspähen meldete endlich Leutnant Max Kirchmair, daß über der Zeile von Tamarisken und Wasserwerken, die in dem flachen Lande die Windungen des Euphrat kenntlich machten, eine deutsche Flagge langsam vorrückend zu sehen sei. Sie kam näher und näher, und endlich wurde das Fahrzeug selbst sichtbar: es war „Kaiser Wilhelm II.“ Ein Seil flog ans Land, und mit starken Tauen wurde das schwere Fahrzeug festgemacht.

Nach einer weiteren Stunde kam endlich auch die „Bavaria“ in Sicht. Von dem starken Strom getrieben, schien sie auf ihren Vorgänger anrennen zu wollen. Da sprang ein Mann der Besatzung, ein Seil in der Hand, in das mehrere Meter tiefe Wasser, verschwand einen Augenblick unter der Oberfläche, tauchte dann wieder auf und schwamm flugs ans Land, um die „Bavaria“ oberhalb des „Kaiser Wilhelm“ zu vertäuen.

So hatten sich die neunzehn deutschen Fahrzeuge wie Schildkröten am Lande festgebissen, und in dem Tamarisken- und Hagedorngebüsch des Ufers entwickelte sich ein Lagerleben, dessengleichen die Station Säbcha wohl schwerlich vorher gesehen hatte. Deutsche Artilleristen lagen gruppenweise um die Feuer, plauderten und sangen bei siedenden Kesseln und schöpften mit großen Kellen Suppe in ihre Eßschüsseln. Dazwischen bildeten türkische Soldaten und Ruderer, die lebhaft über die bevorstehende Fahrt nach Der-es-Sor berieten, mit ihrer orientalischen Kleidung bunte Farbenkleckse. Unteroffiziere gingen hin und her und erteilten Befehle für den Abend, die Nacht und den Aufbruch am andern Morgen. Bei den Fahrzeugen, wo mancherlei instand zu setzen war, erklang der Schlag der Hämmer und das Zischen der Sägen, und Äxte zersplitterten die Tamariskenstämme, die den himmelan lodernden Flammen der Lagerfeuer verfallen waren.

Major von Schrenks Schahtur war überaus praktisch eingerichtet. In seiner Mitte standen zwei türkische Zelte mit je drei Betten; am Tage wurden die Betten zusammengepackt, die Zelte abgenommen, nur das Stangengerippe blieb stehen. Auf leichten Tischen lagen Bücher, Karten und Fernstecher, und Zeltstühle sorgten für ausreichende Bequemlichkeit.

Am nächsten Morgen wollten wir zusammen aufbrechen. Es war Karfreitag, der 21. April. Der Fluß war am Tage wieder 20, in der Nacht 42 Zentimeter gestiegen. Schon kurz vor ½5 Uhr ließ ich die Haltetaue meiner Fähre lösen und fuhr voraus. Kurz vor 5 Uhr ging die Sonne in strahlender Klarheit auf und beleuchtete auf den Wassern des Euphrat das ungewöhnliche Schauspiel, wie sich die Fahrzeuge der deutschen Artilleristen eins nach dem andern vom Ufer lösten, stromabwärts zogen und bei der nächsten Biegung verschwanden; das Admiralschiff bildete wieder den Schluß.

Auf den Rat vorüberfahrender Araber war ich in einen schmalen Sund eingebogen, der die erste Stromwindung abschnitt. So überholte ich die deutschen Boote bis auf zwei. Bei einer scharfen Biegung nach Südosten trieb mich aber der hartnäckige Wind in einem Dickicht überschwemmter Tamarisken am linken Ufer auf Grund, und bei der nächsten Windung nach Nordwesten preßte er meine Fähre gegen eine Landzunge am rechten Ufer. Hussein versuchte krampfhaft mit dem Ruder abzustoßen; mit gewaltigem Krach zerbrach es, und das schnell gefaßte Reserveruder blieb im zähen Grundschlamm stecken. Während dieses Aufenthalts schwamm die ganze deutsche Flottille an mir vorüber; als wir dann aber den Wind im Rücken hatten, überholte ich wieder zwei Gruppen meiner deutschen Reisegesellschaft, die auf der sonst eintönigen Fahrt eine angenehme, spannende Abwechslung brachte. Die am schwersten beladenen Fahrzeuge fuhren am schnellsten, denn sie hatten bedeutenden Tiefgang und wurden von Wasserschichten getragen, die der Wind nicht beeinflußte. Meine leichte Fähre schwamm wie eine Nußschale auf der Oberfläche, ein Spielzeug jedes Windes; oft wenn ich am Schreibtisch saß, drehte sich die Landschaft um mich herum wie eine Scheibe um ihre Achse. Außerdem hatten die Deutschen stämmige Kanoniere an Bord, die den eingeborenen Ruderern fleißig halfen. So mußte ich es bald aufgeben, mit den Vorauseilenden gleichen Schritt zu halten. Dafür konnte aber mein kleineres Fahrzeug schmale Seitenarme benutzen und seinen Weg mehrfach abkürzen.

Mein neuer „Kapitän“ Sale Abdul Mohammed (in der Sonne das Gesicht verziehend).

Aus den Gebüschen am Ufer erhoben sich zahlreiche Krähenschwärme mit heiserem Geschrei; Schafherden und viele Zeltdörfer bedeckten das Uferland. Eine zeitlang schwamm eine Gruppe stolzer Pelikane vor uns her; die Tiere ließen uns nicht aus den Augen; sobald wir ihnen aber näherkamen, erhoben sie sich mit klatschenden Flügelschlägen und streuten einen Regen von Wassertropfen herab. An diesem Tag sahen wir auch die erste Heuschrecke; sie ließ sich auf den Rand der Fähre nieder, Kerit schlug sie tot und schalt wie ein Rohrspatz auf das Ungeziefer, das das Brot des Volkes auffresse; dann aber kamen sie zu Hunderten, und Kerit mußte sie wohl oder übel sitzen lassen.

In der Gegend El-Hamma durchschneidet der Euphrat den kleinen Bergrücken il-Bischri, und die jäh abfallenden Bergwände rücken erst auf dem rechten, dann auch auf dem linken Ufer wieder eng an den Fluß heran, nur schmale Streifen Wiese oder bebautes Feld an ihrem Fuße freilassend. In diesem wunderschönen Hohlweg drängt sich der Euphrat auf etwa 100 Meter Breite zusammen. Rechts auf der Höhe stehen die alten Doppelmauern und Türme der Feste Halebije, und auf dem Berggipfel drüben die stolzen Ruinen des Kastells Selebije. Der Grundriß von Halebije ist ein Dreieck, dessen eine Seite direkt am Ufer liegt; die beiden andern treffen in einem Turm zusammen, dessen Zinnen sich hoch über die ganze Festung erheben.