Nachdem ich ein Telegramm und einen Brief nach Hause auf die Post gegeben hatte, suchte ich einen der größeren Hans der Stadt auf, wo, wie ich erfahren hatte, eine Landsmännin, Frau Major Erikson, wohnte. Ich fand die junge, liebenswürdige Dame in Gesellschaft von vier deutschen Herren aus Persien, die sie von Bagdad auf der üblichen Karawanenstraße den Euphrat entlang nach Konstantinopel begleiteten. Die Reise bis Der-es-Sor war sehr beschwerlich und langwierig gewesen. Überschwemmungen hatten zu weiten Umwegen auf ungebahntem Gelände gezwungen, und an einigen Stellen hatte man die Pferde, Maulesel und Wagen auf Fähren über hindernde Wasserläufe befördern müssen. Frau Erikson pflegte die Nächte in ihrem wohlverschlossenen Wagen zuzubringen, auf dessen Kutscherbock ein großer kluger Rattenfänger grimmig Wache hielt.
Major von Schrenk wirbt in Der-es-Sor Ruderer.
Den Abend dieses ereignisvollen Tages verbrachten wir in einem türkischen Wirtshaus in Gesellschaft des Majors von Schrenk und seiner Offiziere, sowie der der Fliegerabteilung, die ich ebenfalls hier getroffen hatte. Beim Abschied übergab mir Frau Erikson einen Brief an ihren Gatten, der in deutschen Diensten damals in Kasr-i-Schirin stand; beim Vorrücken der Russen kam er allmählich nach Chanikin an der persisch-türkischen Grenze. Da ich ihn nicht traf, schickte ich ihm den Brief durch einen deutschen Offizier. Erst nach meiner Abreise kam auch Major Erikson nach Bagdad — doch nur um zu sterben. Er liegt auf dem christlichen Friedhof vor der Kalifenstadt begraben, seine irdische Hülle soll aber seinerzeit nach Schweden gebracht werden.
In Der-es-Sor wechselten die Deutschen und ich die türkische Begleitung. Ich mietete drei junge, kaum zwanzigjährige Araber, alle drei stattliche, gut gekleidete, sonnenverbrannte Kerle von kräftigem Körperbau. So zuverlässig wie die Türken waren sie nicht, aber — wenn sie wollten — in ihrem Handwerk überaus gewandt, voll Heiterkeit, ja Übermut und zu allerhand Streichen aufgelegt, die mancherlei Kurzweil gaben. Mein neuer „Kapitän“ Sale Abdul Mohammed trug seinen schönen Kopf mit dem roten, gelbgepunkteten Turban stolz wie ein Königssohn, sang den ganzen Tag und hielt unter seinen Kameraden Mannszucht wie ein Alter. Wenn seine Eitelkeit mit im Spiele war, arbeitete er musterhaft. Die beiden Ruderer, Said Ahmed und Hussein Ali, erschienen in langen, dünnen Kaftans, bauschigen weißen Beinkleidern, Leibgürteln aus Tuch und spitzen Pantoffeln. Ihr ganzes Gepäck bestand aus einem Bündel mit Brot, Eiern und Gurken. Der neue Gendarm hieß Hussein Ben Mohammed, und ein Freipassagier namens Asis Ben Ibrahim fand sich auch noch hinzu; er mußte sich natürlich verpflichten, mit zuzugreifen, wenn Not an Mann war. Die einheimische Besatzung der deutschen Kriegsfähre erhielt keine Löhnung, sondern genügte an Bord ihrer militärischen Dienstpflicht. Die Türken als Angehörige einer kriegerischen Nation fügten sich dem ohne weiteres; die Araber aber kniffen mit Vorliebe aus, und es machte nicht geringe Mühe, die nötige Anzahl kundiger Schiffer aufzutreiben. Und als wir am Ostersonntag die Anker lichteten, gab es für die kurze Reise nach Ana, das zweite Drittel der Flußfahrt, ein tränenreiches Abschiednehmen von den Angehörigen, als ginge es direkt in den Schützengraben und ins Granatfeuer.
Unter Palmen am Euphratufer.
Achtes Kapitel.
Im Reich der Palmen.
Noch zwei Tage hielt ich mit dem deutschen Geschwader gleichen Schritt, dann aber gab ich das Rennen auf und ließ die so angenehme Reisegesellschaft im Stich. Ihr lag daran, so schnell wie möglich flußabwärts zu kommen, und sie konnte die geselligen Abendstunden durch Schlafen am Tage einbringen. Meine Arbeit aber erforderte angestrengte Aufmerksamkeit über Tag und Ruhe bei Nacht. Bei dem Dorf Do-er verabschiedeten wir uns, und am Morgen des 25. Aprils lag meine Fähre wieder einsam am Ufer. Als die Sonne über dem Horizont heraufstieg, stand ich auf dem Gipfel des nächsten Kalksteinfelsens. Vor mir breitete sich die Wüste aus, flach, öde und unfruchtbar. Kleine Stücke hübsch geschliffenen Feuersteins lagen überall umher. Kein lebendes Wesen war zu sehen. Bald trieb mich die zunehmende Hitze wieder hinab zu dem kühlen Strom unter den Schatten meines Zeltdaches. Der Frühling hatte endlich gesiegt; gestern Mittag zeigte das Thermometer über 25 Grad im Schatten, und bei der kleinen Stadt Mejadin hatten uns die ersten Palmen daran erinnert, daß wir uns wärmeren Gegenden näherten. Noch standen sie vereinzelt, aber am folgenden Tage zeigten sich bei dem Dorfe Rawa die ersten Palmenhaine, und abwärts von Ana, das ich am 27. April erreichte, bilden diese köstlichen Oasen den herrlichen, das Auge immer wieder entzückenden Schmuck des Euphratufers. Mit ihrem Auftreten wird zugleich die Schiffahrt gefährlicher, denn die Bewässerung der Palmengärten erfordert umfangreiche, oft weit in den Strom vorstoßende, die Fahrstraße einengende Wasserschöpfwerke.