Der Mond hatte sich hinter Wolken verkrochen. Über Bagdad aber leuchtete es wie der Widerschein heftigen Artilleriefeuers. Die Gefahr eines Überfalls schien jetzt vorüber zu sein, wenigstens wurde nicht mehr davon gesprochen. Zu beiden Seiten lag die Wüste still und dunkel.
Die fünfte Wegstrecke reichte bis Jesr el-Cher. Der Mannschaftswechsel dauerte ein paar Minuten; die alten Leute empfingen ihren Backschisch, und die neuen sahen sich dadurch angespornt, die sechste und letzte Strecke bis zum Tigris mit größter Geschwindigkeit zu nehmen. Auf einer Eisenbahnbrücke überschritten wir den großen Kanal Jesr el-Cher. Dann wieder eine letzte Strecke Feld, und schon tauchten Lichter und Laternen auf, die immer zahlreicher wurden. Palmen traten aus dem Dunkel wie gespenstige Schatten hervor. Nebengleise zweigten sich ab, Güterzüge mit Kriegsmaterial standen hier und dort, und schon hielten wir am Ufer des Tigris. Hammale, Lastträger, kamen gesprungen, bemächtigten sich meines Gepäcks und schleppten es zu einer Treppe, an deren Fuß eine gewaltige Guffa vertäut lag.
Wir stiegen an Bord, und drei Mann ergriffen ihre kurzen, breitblattigen Ruder. Sie standen im Vorderteil der Guffa, soweit man bei einem Boot, das wie ein kreisrunder Korb ist, von Vorder- und Hinterteil reden kann, stießen die Ruder mit beiden Händen soweit wie möglich vor dem Boot ins Wasser und arbeiteten sich mit schnellen und immer gleichmäßigen Ruderschlägen vorwärts. Wären nur zwei Ruderer da, so würde das Boot sich bald im Kreise drehen; deshalb arbeitete der mittlere bald mit dem linken, bald mit dem rechten Nachbar, ohne beim Wechseln von der einen Seite zur andern Seite den Takt zu verlieren. So schaukelte das originelle Fahrzeug über den Tigris, Bagdad entgegen. —
Bagdad schlief bei meiner Ankunft. Nur hier und da brannte in einem Fenster noch ein Licht oder eine Öllampe. Im übrigen war das linke Tigrisufer stockdunkel. Beim Schein der Blitze waren nur hin und wieder Schattenrisse von Hausdächern, Minaretten und Palmen zu erkennen.
Wohin nun? Als die Guffa an dem sanft abfallenden Ufer gelandet war, fragte ich die Ruderer, ob sie ein Haus wüßten, wo deutsche Offiziere wohnten. Freilich! Sie schulterten meine Sachen und hießen mich ihnen folgen. Einer von ihnen mußte mich führen, denn Straßenbeleuchtung gab es nicht, und man konnte die Hand nicht vor den Augen sehen; man merkte nur, daß man durch fürchterlichen Schlamm watete.
Endlich hielten meine Führer vor einem Tor. Auf dreimaliges Klopfen mit dem Eisenring öffnete ein Diener.
„Wer wohnt hier?“ fragte ich.
„Einige deutsche Herren. Aber sie sind schon alle zu Bett bis auf einen, der noch nicht zu Haus ist.“
„Ist noch ein Zimmer frei?“
„Ja, eins.“