Um 3 Uhr hatte der Regen aufgehört. Die Luft war frisch und kühl. Alle Mann standen an ihren Wagen bereit, und auf ein gegebenes Zeichen begann der wunderliche Eisenbahnzug sich in Bewegung zu setzen. Schnell ging es nicht, und wir als letzte mußten wohl oder übel jeden Aufenthalt mitmachen, den einer der vorderen Wagen verursachte.

Zu beiden Seiten der Bahn breiteten sich Weizen-, Korn- und Haferfelder aus, denen ein Kanal Wasser aus dem Euphrat zuführte. Die ganze Gegend heißt Risvanije oder Nasranije, wie man es auch ausspricht. Der angebaute Feldstreifen war aber nur schmal, und bald fuhren wir wieder durch die Wüste. Zu beiden Seiten der Schienen hatten die Füße der schiebenden Araber in den graugelben Alluviallehm Rinnen getreten, die jetzt voll Wasser standen.

In der Nähe des Ufers waren wir durch eine kaum ein paar Meter ansteigende Höhe gefahren. Ein zweiter Hohlweg dieser Art bei Jusfije ließ vermuten, daß diese Höhen nichts anderes waren, als Dämme zu beiden Seiten uralter Kanäle. Links vom Wege lag, von einigen grauen Ruinen umgeben, die Grabmoschee Brahim-el-Halil Imam, auf der anderen Seite eine kleine Anhöhe namens Tell-achijen. Hier erhielt der ganze Zug Befehl zu halten, und mein Wagen wurde auf einem Nebengleis an die Spitze geschoben. So hatte ich nun freie Bahn und freie Aussicht, und wir ließen den übrigen Zug bald weit hinter uns.

Die Bahn läuft schnurgerade nach Bagdad. Die ganze Entfernung beträgt nur 45 Kilometer; sie ist die kürzeste zwischen Euphrat und Tigris an der Grenze zwischen Mesopotamien und dem Irak.

Kurz nach 5 Uhr erreichten wir die erste Station Kal’at Risvanije, wo neue Araber als Schlepper eintraten und ein neuer Gendarm zu uns stieß. Dieser berichtete mit bedenklicher Miene, in der vorigen Nacht sei zwischen der ersten und zweiten Station ein Zug von Räubern angefallen worden. Durch Gewehrschüsse habe man zwar die Angreifer in die Flucht gejagt. Immerhin sei es gut, an der gefährlichen Gegend so schnell wie möglich vorbeizukommen, denn man könne nie wissen! Unter diesen Umständen wäre es zweifellos vorsichtiger gewesen, bei den andern Wagen zu bleiben, die eine türkische und deutsche Eskorte hatten. Aber da ich den Arabern schon ein tüchtiges Trinkgeld versprochen hatte, wenn sie ordentlich liefen, mochte es nun auch dabei bleiben.

Der Gendarm hatte es so eilig, daß er selber mit schob. Vor jeder Anhöhe aber rannte er mit einer unermüdlichen Ausdauer, obgleich ihn Mantel und Gewehr beim Laufen hinderten, voraus, um die Bahn entlang zu spähen; war nichts Beunruhigendes in Sicht, so gab er von oben ein Zeichen, die Leute legten sich kräftiger ins Zeug, und er selbst kam atemlos wieder herbeigesprungen. Der gefährlichste Punkt war eine Stelle, wo der Zug wieder einen alten Kanaldamm kreuzte: hier hatte die Räuberbande heute Nacht auf der Lauer gelegen. Wir kamen aber unbelästigt auch durch diesen Hohlweg hindurch und an dem Hügel Tell Wabo vorüber. Rechts von der Straße erhob sich in der Ferne Hamudija, eine kleine, an der Karawanenstraße zwischen Bagdad und Hille gelegene Anhöhe.

Dann fuhren wir über ein Feld, das mit zahlreichen Ziegelscherben bedeckt war. Welche Schätze aus der Zeit babylonischer Größe mochte wohl diese Erde im Schoße bergen! Über dem Horizont wurden die einfachen Hütten des Dorfes Taldama sichtbar, und vor 6 Uhr waren wir dort. Beim Stationsgebäude lagerte eine Schar Araber auf Strohmatten; sie warteten darauf, ihre Kameraden an den Wagen abzulösen. In der Nähe standen fünfundzwanzig Zelte. Schmale, neuangelegte Kanäle mit kleinen Brücken führten den Feldern Wasser zu, aber offenbar zu wenig, denn das Korn sah kümmerlich aus. Heuschrecken waren hier zahlreich, und viele von ihnen fanden auf den Schienen einen schnellen Tod.

Meine Araber liefen, was das Zeug halten wollte; der Schweiß tropfte ihnen von der Stirn, und sie keuchten wie atemlose Hunde. Als einmal zwei leere Wagen die Strecke sperrten, hoben sie das Hindernis einfach vom Gleis herunter und ließen es daneben stehen.

Die Sonne war blutrot untergegangen, und die Dämmerungsstunde nahte. Über Bagdad flammten bläuliche Blitze. Am Horizont war der Himmel klar. Die Sterne traten hervor, und der Mond zeigte seine Hörner. Im Norden flackerten die Feuer arabischer Nomaden bei dem Hügel Abu Hanta.

Das Stationsgebäude bei Tell-Essued hatte ein auf Pfosten ruhendes Schutzdach, unter dem die Araber lagen und schliefen oder ihre Wasserpfeifen rauchten. Hier wurde Rast gemacht, im „Mangal“, dem Kohlenbecken, Feuer angezündet, und Sale mußte Tee kochen zu einem schnellen Abendessen aus Brot und Eiern. Kurz vor ½9 begann die vierte Wegstrecke.