Dorf in der Gegend von el-Beschiri.

Am 4. Mai erschien endlich über der glatten Steppe das Minarett von Feludscha, erst im Südosten, dann im Nordosten, denn der Euphrat macht hier wieder einen mächtigen Bogen nach Süden. Als wir den Landungsplatz erreichten, war das erste, was ich sah, ein Schahtur von Schrenks Batterie; die Abteilung des Roten Kreuzes war noch hier und sollte am nächsten Tag aufbrechen.

Bei Feludscha ist der Euphrat ungewöhnlich schmal. Diesem Umstand hat der Ort seine Entstehung zu verdanken. Denn hier geht die große Karawanenstraße über den Strom. Die Brücke war aber des Hochwassers wegen eingezogen; die Pontons lagen am Ufer und sollten auch nicht mehr verwendet werden, da die Brücke für die Fähren nach Risvanije ein gefährliches Hindernis war. Die Reisenden müssen sich daher damit abfinden, daß sie und ihr Gepäck auf einzelnen Prahmen über den Euphrat gesetzt werden.

Von Feludscha aus konnte ich nun zu Wagen auf der Karawanenstraße nach der Stadt der Kalifen gelangen oder zu Schiff bis Risvanije weiterfahren, das durch eine kleine Feldbahn mit Bagdad verbunden ist. Bei ruhigem Wetter rechnet man zu Wasser bis Risvanije acht Stunden. Ich entschloß mich daher, auf der Fähre zu bleiben, mußte aber bald diesen Entschluß bereuen. Gegenwind und Gewitterregen, dazu ein tüchtiger Weststurm, zwangen uns immer wieder stillzuliegen und dehnten die acht Stunden zu mehr als einem Tag. Die Araber sind gegen nichts empfindlicher als gegen Regen; vor jedem kleinen Schauer ließ meine Besatzung die Ruder im Stich, flüchtete unter Deck und war erst wieder aufzutreiben, wenn wir zu kentern drohten. Einmal wären die Leute, als sie die Fähre ins Schlepptau nehmen wollten, beinahe alle im Schlamm ertrunken. Ich atmete daher erleichtert auf, als ich endlich am 5. Mai Risvanije erreichte und mein tüchtiger Doppelschahtur seine Reise von 1040 Kilometern ohne schwere Unfälle vollbracht hatte.

Phot.: Schölvinck.

Neuntes Kapitel.
Mein Einzug in Bagdad.

Es regnete in Strömen, als ich meine Fähre verließ. Am Ufer erwarteten mich Herr Kettner und der Flugzeugmonteur Knitter, der zur Fliegerabteilung des Hauptmanns Niemayer gehörte. Ich kam gerade recht, ein Zug von zweiundzwanzig Wagen sollte nach Bagdad abgehen, sobald der Regen aufhörte. Ich eilte daher zum Kommandanten von Risvanije, dem Kurden Ahmed Mukhtar aus Suleimanije, einem gewandten, höflichen Mann, der in der französischen Missionsschule zu Bagdad die klangvolle Sprache der Boulevards gelernt hatte. Alles ging nach Wunsch: der Zug sollte warten, bis ich reisefertig sei.

Ich speiste also mit den Deutschen zu Mittag und trank Tee bei Ahmed Mukhtar. Mittlerweile packte Sale meine Sachen. Die Fähre, auf der ich unvergeßliche Stunden verbracht hatte, stellte ich unter den Schutz des Kommandanten. Vielleicht konnte sie zur Fahrt nach Babylon noch gute Dienste leisten.

Das Gleis der Feldbahn führt bis zum Strand hinunter. Die Wagen sind aus Eisen und haben dieselbe Form wie die schwedischen Erzwagen auf der Linie Luleå-Reichsgrenze, sind aber viel kleiner. Die Lokomotiven waren noch nicht fertig; das einzige Zugmittel war Menschenkraft; Araber wurden zum Schieben der Wagen ausgehoben. Bis Bagdad wurden die Leute sechsmal gewechselt, jedesmal fünfzig Mann. Sie erhielten drei Brote am Tag und zusammen ein Lamm. Ihr Sold war unbedeutend, und oft genug rissen sie wieder aus. Demnächst sollten aber die Lokomotiven fertig und damit die Leistungsfähigkeit der Bahn bedeutend gesteigert werden. Jeder Wagen faßte zwei Tonnen. Die Güter, die mit meinem Zug befördert wurden, waren Kriegsmaterial und Proviant. Mein Gepäck wurde auf den letzten Wagen geladen; oben drauf thronten ich selbst und mein Diener Sale.