Wir landen bei Tell-Essued.

In dieser Gegend vollzieht sich der Übergang der Hochebene in das vollständig ebene Schwemmland, das zur Zeit der assyrischen und babylonischen Königreiche von gewaltigen Kanälen durchschnitten und mit üppigen Gärten und Äckern bedeckt war. Die weißen Kalksteinwände verschwinden, nur noch vereinzelte Ausläufer ziehen sich bis an den Strom heran. Der Horizont rückt in weite Ferne, und der Euphrat benutzt seine neu gewonnene Freiheit, um sich mächtig auszudehnen.

Unser Lager bei Tell-Essued.

Auch am 2. Mai kämpften wir vergebens mit Gegenwind, und die zahlreichen Schöpfwerke — hier wieder von dem primitiven Typ — machten es fast unmöglich, die Fähre vom Lande aus weiter zu bugsieren. So krochen wir mit unendlicher Mühe bis Ramadije. An diesem Tag begegnete uns die erste Guffa, eines der runden asphaltbekleideten Korbboote von großer Leichtigkeit und Tragfähigkeit, die schon aus assyrischer Zeit bekannt sind. Der Ruderer war selbst Mast und Segel, er stand in der Mitte des Bootes, und sein Mantel war als Windfang ausgebreitet.

Meheile auf dem Euphrat.

Am nächsten Tag fanden wir die Ufer auf weite Strecken überschwemmt. Der Euphrat macht hier große, oft fast kreisförmige Windungen, und das in diesen Schleifen liegende Land war von dem eigentlichen Strom kaum noch zu unterscheiden, so daß es die ganze Kunst meines Kapitäns erforderte, sich zwischen diesen unter Wasser liegenden Landzungen, Inseln und Schlammbänken, in kleinen und großen Seitenarmen zurechtzufinden. Da standen Palmenhaine mitten im Strom; dann wieder waren Äcker mit reifenden Ernten von der Flut verschont, und Schaf- und Rinderherden, Hütten und Zelte standen wie auf der Wasserfläche. Die Anwohner hier mußten geradezu ein amphibienartiges Dasein führen, jeden Augenblick gewärtig, von den launischen Wellen überrascht zu werden. Oft war auch das, was ich für Zelte hielt, nichts weiter als die Segel der Meheileboote, die rechts oder links über der Wasserfläche emporragten und denen wir dann in großem Bogen, den der Euphrat beschrieb, begegneten. Meine Leute mußten schließlich nackt ins Wasser hinein, um uns nur vorwärts zu bringen. Dabei war die Insektenplage fast unerträglich. Wenn wir abends an einem öden Strand vertäuten, durfte ich mein Licht nur für mein schnelles Abendbrot brennen lassen. Überall schwirrte und surrte es von Insektenschwärmen, die in dieser Sumpfgegend und bei der tropischen Hitze myriadenweise gediehen. Das innere Dach meiner Hütte war mit einer schwarzen, kribbelnden Decke bezogen, plumpe Käfer stießen gegen die Wände, törichte Nachtfalter taumelten in die Flamme und plumpsten mit verbrannten Flügeln in mein Eßgeschirr. Die Grillen zirpten um die Wette, die Frösche quakten im Sumpf und das höhnische Lachen und langgezogene Heulen der Schakale ging in unheimlichen Wellen über die Steppe. Die schlimmsten Quälgeister aber waren Mücken und Moskitos, von denen immer einige durch die Maschen des Moskitonetzes schlüpften. Ein brennendes Jucken lief über den ganzen Körper, und an Schlaf war in diesem Bett von Brennesseln nur wenig zu denken. Am Morgen, wenn sie dickgefressen und zu faul waren, wieder hinauszufliegen, hatte ich wenigstens die Freude, blutige Rache nehmen zu können. Die Morgenkühle pflegte das Jucken zu beseitigen.