„Ja“, antwortete er, „der Herr kann ja auf dem Telegraphenamt nachfragen.“
Schön, dachte ich, dann ist Bagdad außer Gefahr, auch der Weg nach Babylon noch offen, und begab mich mit meiner gewöhnlichen Begleitung, dem Gendarm und Sale, in die Stadt hinauf. Eng die teilweise mit Asphalt belegten Gassen, grau die Mauern, ärmlich die Lehm- und Steinhäuser. Dunkle Gänge führten durch offene Tore zu Hütten und auf schmutzige Höfe. Wasserträger mit tropfenden Ledersäcken auf dem Rücken, Esel mit Fruchtlasten, kleine Läden mit Sonnendächern oder offener Auslage von Brot, Erbsen, Granaten und andern Eßwaren; auf den Holzschwellen an den Gassen Kinder mit Schmutznasen, das Gesicht mit Fliegenschwärmen bedeckt; an einer Mauer Aussätzige von abschreckendem Äußeren — welcher Gegensatz zu dem lieblichen Bild, das Hit dem Ankömmling zu Wasser vortäuscht! Auf die braunen Fluten des Stroms öffnete sich in den winkligen Gassen nur selten ein flüchtiger Ausblick.
Gendarm Saalman.
Zum Marktplatz mußten wir wieder hinabsteigen bis dicht an den Strand. Dort standen zwei stattlichere Häuser; in deren einem wohnte der Mudir von Hit, ein Araber, dessen fortschrittlich europäische Kleidung mit seiner bedenklich zurückgebliebenen Intelligenz auffallend kontrastierte. Das andere war das Telegraphenamt, wo mir der Fall von Kut-el-Amara bestätigt wurde. Der englische Oberbefehlshaber General Townshend war mit 13000 Mann gefangen — ein bedeutender Sieg also, dessen Kunde die ganze mohammedanische Welt durchlaufen und die Macht des Sultans kräftigen mußte. Am 29. April hatte der Feind seine Stellungen räumen müssen — zehn Tage vorher war Feldmarschall von der Goltz gestorben! Ein grausames Schicksal hatte es ihm verwehrt, diesen Siegestag zu erleben, den sein Genie und seine Umsicht an der Spitze der 6. Armee erzwungen hatten.
Landungsplatz in Hit.
Während ich auf der Post weilte, war ein kleiner Doppelschahtur bei meiner Fähre angekommen mit einem katholischen Priester an Bord und einem zweiten jungen Deutschen namens Kettner. Wir verbrachten den Abend zusammen und verabredeten uns für den folgenden Tag zu gemeinsamer Fahrt.
Hit verließ ich am 1. Mai, und nun näherte sich meine Stromfahrt ihrem Ende. Mein Freipassagier Asis war in Hit zurückgeblieben; daß er sich auf Französisch gedrückt hatte, wunderte mich nicht, wohl aber, daß er verduftet war, ohne ein — Trinkgeld für seine Reisebegleitung zu fordern.
Das linke Euphratufer heißt von hier ab bei den Arabern El-Dschesire (Insel), ein Begriff, der sich ungefähr mit Mesopotamien deckt; das rechte Esch-Scham. Diese beiden Namen traten nun immerfort in Verbindung mit Strömung, Wind und Landungsplatz auf. Am Schamufer fuhren wir an den niedrigen Felsabhängen von Leguba entlang und lenkten dann hinter der tamariskenbewachsenen Insel Abu Tiban nach Dschesire hinüber. Beim Palmenhain Tell-essued zwang uns heftiger Südost wieder längere Zeit still zu liegen, und voll Neid sah ich die stolzen Meheile in dem ihnen günstigen Wind mit vollen Segeln an uns vorüber stromaufwärts fahren. Während ein Araber gewandt am Stamm weiblicher Palmen hinaufkletterte, ihr Samengehäuse mit dem Staub der männlichen Blüten bestreute und dann die Blattbüschel mit Bast zusammenband, vertrieben sich meine Leute die Zeit mit Vogelfang und mit dem Bau kleiner Schiffchen aus Palmblättern. Dann versuchten wir die Fähre am Ufer entlang vorwärtszuziehen; bei offenem Strand ging es; wo aber Gestrüpp den Leinpfad unwegsam machte, kamen wir verzweifelt langsam vorwärts.