Der Spaziergang durch den Garten war köstlich. Treibhauswarm, schwer und still hing die Luft zwischen Mandel-, Orange- und Maulbeerbäumen, und die schönen zackigen Blätter der Palmen und ihre zarten, noch weißen Datteltrauben hoben sich scharf von dem blauen Himmel ab. Das Korn stand hoch und sollte in einigen Wochen geschnitten werden, einen Monat später der Weizen. Erst im September glänzen die Datteln braungelb wie Bernstein und sind dann reif zur Ernte. In Misban gediehen auch Zucker- und Wassermelonen, mehrere Arten Trauben, Zwiebeln und Bohnen und viele andere Küchengartengewächse.

Die Einkünfte der Oase sind schwankend, aber im allgemeinen gut. Die Dattelernte allein beträgt im Durchschnitt vierzig Kamellasten, jede zwei türkische Pfund in Gold oder etwa vierzig Mark wert. Die gesamte Ernte berechnete der Besitzer, alles eingerechnet, auf vierhundert Pfund. Aber nur die Hälfte davon wurde alljährlich verkauft, die andere an Ort und Stelle verbraucht.

Misban Ibn Schoka.

Misbans Garten war kein Kavekhane, kein Wirtshaus, wo man einkehrte, um sich ein Abendbrot zu bestellen. Aber wer vorüberfuhr, war Misbans willkommener Gast, und es verging kaum ein Tag, an dem nicht jemand eine Weile auf den bequemen Sofas vorne am Kai rastete, bis die Sonne unterging und Abendkühle eintrat. Zuweilen kamen sogar die Karawanenleute von der einige Stunden entfernten großen Landstraße zwischen Bagdad und Aleppo herüber, um hier auszuruhen und ihre Tiere zu tränken. An glühenden Sommertagen, wenn die Hitze über der trockenen Wüste zittert und der feine Staub von den Tritten der Kamele aufwirbelt, muß es allerdings ein Hochgenuß sein, von der Uferhöhe aus Misbans Palmen ihre Kronen über reifenden Äckern wiegen zu sehen. Da winkt Ruhe, da kann man sich satt trinken und im kühlen Schatten die Mühsal der Wüste vergessen! —

Ein Schahtur landet am Ufer der Oase Misban.

Eins der schönsten Landschaftsbilder, das der Euphrat zu bieten hat, ist die kleine Stadt Hit, ein uralter Ort, dessen Asphaltquellen vor Jahrtausenden das Erdpech lieferten, das die Baumeister der babylonischen Königspaläste brauchten. Über einem wogenden Palmenmeer thront sie auf einem Hügel, an dessen Fuß ein Minarett trotzig seine weiße Spitze erhebt. Sie ist die erste arabische Stadt, die Seehandel treibt und an deren Kai sich ein regelrechtes Schiffsleben entwickelt. Am Kopf der Schiffbrücke, die beide Ufer verbindet, liegen zahlreiche arabische „Meheile“, große Kähne mit spitzen Vorder- und Hintersteven, schräg stehenden Masten und langen zusammengerollten Rahesegeln vor Anker, die in voller Fahrt mit vom Wind geblähten weißen Segeln, Schaum am Vordersteven, von überaus malerischer Wirkung sind. Matrosen waten im Uferwasser geschäftig hin und her. Mächtige Schollen zähflüssiges Erdpech liegen wie Teppiche auf dem Ufer ausgebreitet, werden zusammengerollt und auf Prahme geworfen. Pechgestank erfüllt die Luft. Frauen in dunkeln Mänteln balancieren mit Pech gedichtete Töpfe auf dem Kopf, füllen sie am Kai mit Wasser und plaudern mit ihren Nachbarinnen, die eifrig ihre Wäsche in den Fluten des Euphrat spülen.

Gleich unterhalb des Minaretts landete ich an einem offenen Uferplatz. Eine Schar spielender Buben stürmte bald herbei, und ein kleiner Türke in buntem Hemd rief mir zu: „Gestern ist Kut-el-Amara gefallen. Heute ist das Telegramm gekommen!“

„Bist du dessen auch sicher?“ fragte ich.