Mehrfach bemerkte ich auf der Wasserfläche lange, dunkle Streifen, die sich teilten und wieder vereinten, über Wasserstrudel hinzogen und Inseln bildeten. Erst glaubte ich, es seien verweste Pflanzen. Dann aber zeigte sich, daß es lauter Heuschrecken waren, tote und lebende, die in verschiedenen Stadien der Ermattung hilflos im Wasser zappelten und schwammen. Auf ihren Raub- und Freßfahrten hatten sie sich verflogen und waren ein Opfer des Stromes geworden. Auch meiner Fähre hatte sich das Gesindel bald bemächtigt; in Bataillonen saß es auf den Relingen und dem Zeltdach; es war nicht durch die Luft gekommen, sondern ein Teil der unglücklichen Schwimmer hatte sich an die Fähre angeklammert und war an der Reling emporgeklettert. Hier trockneten sie nun an der Sonne und schöpften neue Kraft nach diesem unbehaglichen Abenteuer.
Die Hitze hatte in den letzten Tagen mächtig zugenommen; am 28. April zeigte das Thermometer fast 53 Grad, und was auf meinem Schreibtisch der Sonnenglut ausgesetzt war, begann zu brennen. An diesem Tage erfuhr ich durch einen türkischen Offizier, der vor fünf Tagen Bagdad verlassen und bei Ismanije am Ufer sein Zelt aufgeschlagen hatte, daß die Engländer bei Kut-el-Amara rettungslos eingeschlossen seien und das Begräbnis des Feldmarschalls unter großem militärischen Pomp stattgefunden habe. So drang das Echo der großen Weltereignisse auch in diese meine Stromeinsamkeit.
Am 29. April landeten wir bei dem herrlichen Garten Misban, dessen Besitzer, ein weitberühmter Mann, seinen Sohn sandte, um mich zum Gastmahl einzuladen. Da es aber schon zu spät am Abend war, machte ich diesem kleinen Märchenschloß erst am anderen Morgen einen Besuch.
Durch einen langgestreckten Vorhof kamen wir zunächst in einen Stall, wo einige braune Vollblutstuten an den Krippen standen, und dann in den eigentlichen Hof, wo Misbans Sohn und Diener mich empfingen und ins Haus geleiteten. In einem großen prächtigen Zimmer saß ein würdiger Alter, der Bruder des Hausherrn, mit gekreuzten Beinen auf einem Teppich und las laut, mit knarrender, eintöniger Stimme, in einem Buche, wobei er den Körper auf und ab wiegte. Jetzt stand er auf, hieß mich willkommen und führte mich an den erhöhten Ehrenplatz, von wo man durch vergitterte Fenster eine herrliche weite Aussicht auf den majestätischen Strom hatte.
Schaker, 14jähriger Araber aus Ana.
Das ganze Zimmer war mit Teppichen belegt. In seiner Mitte erhob sich ein viereckiger Herd, auf dem Palmenholz glühte und die Kaffeekanne brodelte. Nach einer Minute trat auch Misban selber herein, vornehm und würdig wie ein Herrscher, in weißem, goldgesäumtem Mantel, ein weißseidenes Tuch mit Silberringen um den Kopf. Mit der verbindlichen Höflichkeit eines reichen Arabers erkundigte er sich nach meiner Fahrt und erzählte dann bei Kaffee und Zigaretten von sich und seiner Besitzung.
Sein Vater hat die Oase vor siebzig Jahren angelegt; seit zwanzig Jahren bewirtschaftet er sie selbst. Sein vollständiger Name ist Misban Ibn Schoka. Er hat vier Söhne und sechs Diener, die mit ihren Familien, insgesamt dreißig Personen, hier wohnen. Er besitzt tausend Palmen und ist dabei, seine Plantagen noch zu erweitern. Ich sah gerade eine Fähre mit Palmenschößlingen landen, die angepflanzt werden sollten.
Misban und sein Bruder.