Straße in Ana.
Solange wir mit den Deutschen zusammengefahren waren, hatte Sale seinen Stolz darein gesetzt, durch Geschicklichkeit und Dienstfertigkeit seine Kameraden aus Der-es-Sor zu überstrahlen. Jetzt, als niemand mehr da war, vor dem er paradieren konnte, hatte sein Eifer merklich nachgelassen. Nur seine allzeit frohe Laune und seine Sangeslust waren auf gleicher Höhe geblieben. Den ganzen Tag schallten die gutturalen Laute und klingenden Vokale seiner Muttersprache nur so über den Euphrat. Wenn er aber gerade nicht sang, sein helles Lachen nicht von den Felsen widerhallte oder er seine Gefährten nicht durch Märchen und Geschichten erheiterte, mußte ich Obacht geben, denn dann schlief mein Kapitän gewiß in aller Gemütsruhe am Steuerruder und ließ die Fähre treiben, wohin der Strom sie führte. Saßen wir dann auf einer Schlammbank oder in dem dichten Tamariskengebüsch eines schmalen Seitenarmes fest, oder drehte sich die Fähre über einem saugenden Strudel, so tobte und fluchte er im schönsten Arabisch auf die armen Kameraden, die seinen Schlaf mit doppelter Arbeit bezahlen mußten. Kamen wir aber glücklich los, sofort war er wieder eitel Sonnenschein und sang unverdrossen seine Lieder. Machte ich ihm dann Vorwürfe, er sei ein schlechter Kapitän und so etwas wäre seinem Vorgänger, dem Türken Mohammed, nie widerfahren, so lachte er voll glücklichen Übermuts und bewies mir mit sprudelnder Beredsamkeit, seine Kurven seien Muster von Geschicklichkeit und Eleganz.
Eines Tages begann er die Leute am Ufer anzurufen: „Habt Ihr etwas von Ben Murat gehört?“ oder „Habt Ihr Ben Murat gesehen? Sagt ihm, daß ich in acht Tagen zurückkomme!“ Niemand kannte Ben Murat, und Sales Kameraden wollten sich jedesmal totlachen. Schließlich fragte ich, wer denn der vielberufene Ben Murat sei. Da mußte er selbst so lachen, daß er das Steuer fahren ließ und in einer Ecke zusammensank. Als er endlich wieder zu Atem kam, vertraute er mir an: seines Wissens gebe es in der ganzen Gegend keinen Ben Murat; er treibe nur mit den Uferleuten Spaß. Mehrere Tage spukte Ben Murat an Bord und beruhigte sich erst, als wir Ana erreichten. Denn hier wechselte ich zum letztenmal meine Besatzung für die Strecke bis Feludscha.
Ahmed Apti.
Der neue Kapitän war ein Greis von siebzig Jahren, sehr wortkarg und ernst, aber er hatte sein Leben lang den Euphrat befahren, kannte, wie die neuen Ruderer Ismail Ben Halil und Dschemi Ben Omar versicherten, jede Biegung, jede Insel, jede Sandbank im Strom, ja jede Palme am Ufer, so daß es in ganz Mesopotamien keinen Schiffer gebe, der mit ihm zu vergleichen sei. Sale hatte mich gebeten, ihm den Traum seines Lebens zu erfüllen und ihn nach der berühmten Stadt Bagdad mitzunehmen; auch könne ich, meinte er, einen Koch gut gebrauchen, hütete sich aber einzugestehen, daß er von Kochkunst keine Ahnung hatte. Ich ließ ihn gewähren, und da meine neue Besatzung kein Wort Türkisch verstand, leistete er mir als Dolmetscher wertvolle Dienste. Außer dem neuen Gendarmen namens Saalman, einem Araber aus Mosul, der seine Mutter in Bagdad besuchen wollte, erhielten wir aber noch einen Passagier, und zwar diesmal einen Soldaten von Major von Schrenks Batterie, die, wie ich jetzt erfuhr, nur zwölf Stunden voraus war. Ahmed Apti, so hieß er, war auf unerklärliche Weise zurückgeblieben und bat mich himmelhoch, ihn doch ja mitzunehmen, damit er noch rechtzeitig seine Kameraden einholen könne.
Kapitän Ali am Steuerruder.
Kapitän Alis Ruhm bewährte sich denn auch glänzend schon in dem schwierigen Moment, als wir Ana verließen und um die nächsten Dolabmauern herum die Fähre mit einer kurzen, aber gewaltigen Anstrengung wieder in den Strom hineinbugsieren mußten. Ruhig und seiner Sache sicher stand er am Steuerruder, und seine braunen Falkenaugen bemerkten jede Tücke des Stromes und jede Lässigkeit oder Dummheit der Mannschaft. Der Euphrat stand jetzt 3,23 Meter über dem normalen Niederwasserstand, und unser leichtes Fahrzeug wurde von der brausenden Flut so pfeilschnell entführt, daß die wunderbare Schönheit der Ufer bei Ana mit ihrer Palmenpracht wie ein Traum an mir vorüberflog. Nicht minder malerisch waren kleine Inseln, die zum Schutz gegen das Hochwasser rundherum mit Steinmauern umzäunt waren; bei tiefem Wasserstand mußten sie wie kleine Festungen aussehen. Direkt an Ana schloß sich das Dorf Dschemile, und die ununterbrochenen Palmengärten schienen kein Ende zu nehmen. Erst bei Wadi Gaser hörten sie wieder auf. Der Reichtum an Zelten, der oberhalb Der-es-Sor die Ufer belebte, war jetzt völlig verschwunden, hier gab es nur feste Dörfer mit Palmenhainen und Feldern und Wasserwerken oder wüstenstille Ufer. Nomaden, die zeitweise am Flusse hausten, hatten sich, wie ich in Ana hörte, in die Steppe zurückbegeben. Auf einer jähen Felsenspitze des linken Ufers lag das Heiligengrab Habibi Nedschar. Dort liege der Baumeister der Arche Noah begraben, erklärte mir Ali, der in der Tat jede Einzelheit an den Ufern kannte, und Sale fügte hinzu, die Arche sei ein Schahtur gewesen ganz wie der unsrige, aber wohl ein paar Kilometer lang. „Wann war das?“ fragte ich. „Das ist mindestens schon zweihundert Jahre her“, antwortete Sale in tiefstem Ernst.