Man hatte mir mittlerweile eine andere Wohnung zugewiesen. Das Haus, in das mich am Abend zuvor der Zufall geführt hatte, besaß ein Dr. Endrucks vom deutschen Etappenwesen in Mesopotamien. Er war seit fünf Jahren hier ansässig im Dienst der Bagdadbahn. Jetzt empfing mich ein großer Saal im Gebäude des Oberkommandos der 6. Armee. Seine ganze Einrichtung bestand aus einem Stuhl, einem Tisch, einer Badewanne und dem Feldbett; aber unter der Veranda floß der Tigris vorüber, und was diesem Raum seine Weihe gab, war das Andenken an den Feldmarschall, meinen großen Freund von der Goltz, der hier gewohnt hatte.
Moscheekuppel in Bagdad.
Zehntes Kapitel.
Bagdad einst und jetzt.
Der eigentliche Begründer der Abbassiden-Herrschaft war Abu Dschafar Abdallah al-Mansur. Er bestieg im Jahre 754 den Thron der Kalifen, der Nachfolger Mohammeds, und erwarb sich einen der berühmtesten Namen in der mohammedanischen Welt. Sein Reich war größer als das römische in seiner Glanzperiode; es erstreckte sich von Chorassan, Kandahar und dem Indus bis Aden, Algier und Kleinasien. Während die Omaijaden, die erste mohammedanische Kalifendynastie, ihre Residenz in Damaskus hatten, verlegten die Abbassiden sie nach Babylonien. Während seiner ersten Regierungsjahre wohnte Mansur in Haschimija bei Kufa; zur Verherrlichung seines Namens aber beschloß er eine neue Hauptstadt zu gründen und wählte einen günstig gelegenen Punkt am rechten Ufer des Tigris. Dort lag ein kleiner, schon seit der babylonischen Zeit bekannter Ort, genannt Bagdad.
Im Frühjahr 762 begann die neue Kalifenstadt aus der Wüste emporzuwachsen. Prachtvolle Paläste und Moscheen, Regierungsgebäude und Festungswerke wurden errichtet, die Kanäle, die den Tigris mit dem Euphrat verbanden, wurden verbessert und Brücken über sie angelegt. Kaufleute, Handwerker und Kolonisten strömten herzu, zahllose Ziegelhäuser wurden gebaut, und bereits vier Jahre später war Bagdad eine Weltstadt, die größte in diesem Teil Asiens, und noch heute ist sie eine der bedeutendsten Städte im größten Sultanat des Islam. Im Jahre 768 war die Stadtmauer fertig. Die Hauptmasse der neuen Schöpfung lag auf dem rechten Ufer. Aber der Kalif ließ auch das linke Ufer bebauen, wohin sich heute der Schwerpunkt des heiligen Bagdad verlegt hat. Dort residierte sein Sohn und Nachfolger Mahdi.
Von der neuen Hauptstadt aus, die er Dar-es-Salaam, Stadt des Heils, oder Mansurije, Mansurs Stadt, nannte, leitete der Kalif mit eiserner Hand sein unermeßliches Reich. Er brachte Ordnung in die innere Verwaltung und erstickte grausam alle Aufruhrversuche. Für sich war er sparsam, aber für Bagdad opferte er unerhörte Reichtümer.
Dachterrasse beim Suk el-Gasl.
Den Beinamen al-Mansur (Almansor), der Siegreiche, trug er mit Recht. Er regierte mit rücksichtsloser Kraft und regierte selbst, nicht durch andere. Keiner seiner Nachfolger hat ihn an Herrschergaben übertroffen. Seinem Sohn gab er einmal den Rat: „Schlafe nicht; dein Vater hat auch nicht geschlafen, seit er das Kalifat errang. So oft auch der Schlaf seine Augen beschwerte, ist sein Geist doch wach geblieben.“ Er war von größter Mäßigkeit, nicht zum wenigsten in seinem Verhältnis zu Frauen; Wein trank er nie, und er duldete am Hof weder Gesang noch Musik, da beides zur Liederlichkeit verführe. Er konnte wie ein wildes Tier gegen Aufrührer und verdächtige Personen rasen, war aber mild und freundlich zu Kindern und Sklaven. Er wird als ein großer, magerer Mann geschildert von hellbronzebrauner Gesichtsfarbe mit dünnem Bart und gilt als der größte arabische Redner. Die jährlichen Wallfahrten nach Mekka leitete er gern selbst, und auf solch einer Fahrt starb er, mehr als sechzig Jahre alt, am 7. Oktober 775 etwa eine Wegstunde von der heiligen Stadt entfernt, der Heimat seines Geschlechts; in ihrer Nähe liegt er auch begraben. Aber Bagdad ist das vornehmste Denkmal, das er sich errichtet hat.