Am Ziel angelangt, lassen wir uns in Korbstühle auf dem Kai nieder. Das Leben am Ufer ist jetzt zur Ruhe gekommen, die Nacht hält ihren Einzug in die Stadt. Mitten auf dem Strom leuchten nebeneinander zwei winzige Lämpchen; sie scheinen direkt auf der Wasserfläche zu schwimmen. Frauen, die eines Mannes Liebe gewinnen oder ihre Ehe mit Kindern gesegnet sehen wollen, setzen solche Lichter auf Brettchen und übergeben sie der Strömung. Dann beobachten sie gespannt, wohin ihr Lichtchen treibt und wie lange es auf den Wellen brennt. Langsam schwimmen die beiden Lichtpünktchen den Strom hinab. Allmählich trennen sie sich von einander. Das eine wird von rascheren Wirbeln erfaßt und scheint den Vorsprung zu gewinnen; aber plötzlich wird es kleiner, flammt noch einmal auf und erlischt. Arme Beterin! Nun geht sie heim mit sinkender Hoffnung. Das andere Licht setzt seine Fahrt noch eine Weile ruhig fort und verschwindet schließlich auch.
Auf der höchsten Dachterrasse wird der Tisch zum Abendbrot gedeckt. Die große Petroleumlampe in seiner Nähe lockt ganze Schwärme fliegender Insekten an. Noch immer ist es unerträglich heiß; schlimmer als die 37 Grad, die das Thermometer zeigt, ist die dicke, feuchte Luft, die so still ist, daß man das Licht ohne Glocke brennen lassen könnte. Manchmal weht ein Lüftchen, aber so schwach, daß man es nur an den Bewegungen des Tabakrauches merkt. Man trinkt in einem fort von dem gekühlten, kohlensäurehaltigen Wasser, das wenigstens einen Augenblick lang erquickt.
Mai, August und September gelten als die schlimmsten Monate in Bagdad; besonders der Mai ist furchtbar infolge der schweren, drückenden, feuchten, unbeweglichen Luft.
Im Juni und Juli steigt das Thermometer zwar höher, zuweilen bis zu 50 Grad Celsius. Aber diese Hitze ist trocken und wird von erfrischenden Winden gemildert. Die höchste Gradzahl, die ich im Mai erlebte, war 42 Grad Celsius. Im August begibt sich alles, was dazu in der Lage ist, Eingeborene wie Europäer, nach Gärten und Palmenhainen unterhalb Bagdads und wohnt in luftigen Zelten am Ufer des Tigris. Wer in der Stadt arbeitet, läßt sich des Morgens nach Bagdad hinaufrudern und fährt am Abend nach den Zelten zurück. Diese Sommerfrische dauert bis Anfang November. Dann ist die Hitze vorüber, und der regnerische, oft ziemlich kalte Winter zieht ein. Der Winter 1915/16 brachte Bagdad sogar mehrere tüchtige Schneefälle.
Daß bei solchem Klima die gesundheitlichen Verhältnisse Bagdads nicht sonderlich günstig sind, läßt sich denken. Die gewöhnlichen Krankheiten sind Ruhr, Dysenterie, Cholera, Typhus, Flecktyphus und Malaria, dazu eine Reihe zum Teil neu entdeckter tropischer Fieber und ein eigentümliches Herzleiden, über das sich die Ärzte noch nicht im klaren waren. —
Strand in Bagdad.
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GRÖSSERES BILD
Schlafplätze auf den Dachterrassen von Bagdad.