Sollte diese spartanische Einfachheit sagen: Ganz Bagdad ist sein Grabdenkmal? Nein, der Tote hatte hier keine bleibende Rast. Einige Tage später wurde das Grab zur Nachtzeit geöffnet, der Sarg herausgenommen, über den Tigris geschafft und mit der Bahn nach Samarra und weiterhin zu Wagen bis Ras-el-Ain befördert. Von da ging die Fahrt nach Konstantinopel und Therapia, wo auf dem schönen Hügel oberhalb der Sommerresidenz der Deutschen Gesandtschaft ein neues Grab bereitet war. Das türkische Generalkommando hatte den Wunsch ausgesprochen, seinen alten Lehrer in der Kriegskunst behalten zu dürfen. Und diese seine neue Grabstätte hat eine zweifache Bedeutung: Sie ist eine Erinnerung an die Vergangenheit und eine Warnung für die Zukunft, denn sie blickt auf den nördlichen Teil des Bosporus und das Schwarze Meer, eine Wasserstraße, die für russische Kriegsschiffe verschlossen ist und verschlossen bleiben wird.
Phot.: E. Bieber, Berlin.
An jenem schmucklosen Grab, das die irdischen Überreste des Feldmarschalls nur vorübergehend barg, hatte gleich nach dem Siege von Kut-el-Amara eine um so eindrucksvollere Feier stattgefunden, bei der Refik Bei, der Chef des Etappenwesens der 6. Armee, die folgenden schönen Worte sprach:
„Ruhmreicher Märtyrer, großer Marschall! An dem Tag, da dein sterblicher Teil in die osmanische Erde und dein unvergängliches Andenken in die osmanischen Herzen gesenkt wurden, da sprach mit vor Rührung zitternder Stimme dein Generalstabschef Oberst Kiasim Bei, zu deinem Haupte stehend und dein hohes Bild vor Augen, diese Worte: deine siegreiche Armee, die dort unten mit dem Feinde kämpft, wird binnen kurzem Kut-el-Amara einnehmen und den Lorbeerkranz des Siegs dir um die Stirn flechten. Ruhmreicher Heerführer! Möge die glückliche Botschaft zu deinem Ohr dringen: deine Armee hat den verheißenen Sieg erfochten, Kut-el-Amara eingenommen und 5 Generale, 500 Offiziere und 13000 englische Soldaten zu Gefangenen gemacht. Deine Armee hat das an Zahl überlegene feindliche Heer gezwungen, vor ihren Bajonetten zu fliehen. Das osmanische Heer, das du liebtest, wie dein eigenes Leben, wird mit Hilfe des Allmächtigen den Feind aus ganz Mesopotamien vertreiben. Unsterblicher Lehrmeister des osmanischen Heeres! Wir geloben an deinem Grab, daß deine Armee darnach streben wird, deine Seele mit neuen Siegesbotschaften zu erfreuen. Ruhe sanft, geliebter großer Heerführer!“
Als dann der Sarg jenseits des Bosporus angelangt und bei Therapia beigesetzt war, wurde auch in Berlin eine Trauerfeier für von der Goltz veranstaltet. Sie fand am 18. Juni 1916 in einem der großen Säle des Reichstagsgebäudes statt. Der Saal war mit Flaggen und Palmen geschmückt. Hinter dem Rednerpult standen Büsten des Kaisers, des alten Moltke und des Toten selbst. Mehrere Redner ergriffen das Wort, alles Zivilisten. Als der letzte geendet hatte, erhob sich — ganz unprogrammäßig — Generaloberst Hellmuth von Moltke — schritt zum Rednerpult und widmete seinem alten Kameraden folgende tiefempfundenen Abschiedsworte:
„Hochverehrte Anwesende! Das Bild des Mannes, zu dessen Gedächtnisfeier wir uns hier versammelt haben, ist in einer so ausführlichen, glänzenden und wahrheitsgetreuen Weise geschildert worden, daß Sie es von mir nicht als Vermessenheit ansehen wollen, wenn ich Sie bitte, mir zu einem ganz kurzen Worte ein geneigtes Ohr zu schenken. Es sind zwei Gründe, die mich dazu bewegen, zu Ihnen zu sprechen: erstens meine langjährigen persönlichen, kameradschaftlichen, ich darf wohl sagen, freundschaftlichen Beziehungen, die mich mit dem Verstorbenen verbunden haben, und zweitens die Empfindung, daß an dem Grabe eines Soldaten auch aus soldatischem Munde ein Wort für ihn erklingen muß; denn Soldat war er doch in erster Linie. Ich war ein junger Offizier, wie ich von der Kriegsakademie zum Generalstab kommandiert wurde und mit dem damaligen Major von der Goltz in Beziehungen trat. Er hatte die reichen Erfahrungen, die er im Verlauf des Feldzugs 1870/71 bei der Armee des Prinzen Friedrich Karl gesammelt hatte, bereits schriftstellerisch verwertet zum Segen der Armee, und wir sahen schon mit einer gewissen scheuen Ehrfurcht zu ihm auf. Diese Ehrfurcht wich aber bald einer aufrichtigen Verehrung und Hingebung. Wie rasch lernten wir den Mann kennen, der uns nicht als Vorgesetzter, sondern als Kamerad entgegentrat, in dem Bestreben: wir alle wollen dasselbe, wir alle wollen arbeiten für die Armee und für unser Land. Ich glaube, wenn auf irgend jemand der lateinische Spruch: ‚Homo sum, nihil humani mihi alienum esse puto‘ zutrifft, so war es der Verstorbene. Seine hervorragenden menschlichen Eigenschaften, seine Herzensgüte, gewannen ihm die Herzen aller, die mit ihm in Berührung traten. Diese kameradschaftlichen Empfindungen sind allen denjenigen geblieben, die das Glück gehabt haben, mit ihm in persönliche Beziehungen zu treten. Bei mir haben sie angedauert bis an sein Ende, und sie sind ausgeklungen in einem Briefwechsel, der erst kurze Zeit vor dem Tode des Feldmarschalls seinen Abschluß gefunden hat. Meine hochverehrten Herrschaften, ich darf das nicht wiederholen, was hier gesagt worden ist. Sie wissen ja den Lebensgang des Verstorbenen, Sie wissen, daß er als junger Offizier bereits nach der Türkei ging, daß er dort zwölf Jahre lang dem Sultan gedient hat, und daß er damals den Grundstein gelegt hat zu den freundschaftlichen Beziehungen, die heute das Osmanische Reich und das Deutsche Reich in gemeinsamen Kriegsunternehmungen vereinigt. Sie wissen, daß er, von dort zurückgekehrt, die Geschäfte als Generalinspekteur der Pioniere übernahm, und alle diejenigen, die damals mit ihm gearbeitet haben, bewahren ihm noch heute ein Andenken, denn auch diese ihm fremde Materie wußte er nach kurzer Zeit entsprechend zu beherrschen. Dann kam seine schönste Zeit, als er von Sr. Majestät zum Kommandierenden General des 1. Armeekorps berufen wurde. Wie freute sich sein Herz, da war er in seinem Element, unermüdlich im Zusammenleben mit der Truppe, die höchsten Anforderungen an sich selbst stellend. Keine Mühen scheuend, lebte er mit seinen Soldaten zusammen, als Vater, Freund und Kamerad. Er mußte dann die Stellung eines Generalinspekteurs übernehmen, die ihm die Truppen in die Ferne rückte, und erst nach Eröffnung des jetzigen Feldzugs, als ihm das Generalgouvernement von Belgien übertragen wurde, trat er wieder in aktive Tätigkeit. Ich habe damals Gelegenheit gehabt, des öfteren mit ihm zusammenzutreffen. Wenn ich nach Brüssel kam — während der Belagerung von Antwerpen — man traf ihn selten zu Hause; stets hieß es: ‚Der Feldmarschall ist draußen an der Front.‘ Es hielt ihn nicht an dem Schreibtisch, er mußte hinaus, und diejenigen, die mit ihm waren, erzählten, mit welch unbeschreiblicher Tapferkeit und Todesverachtung er mitten im Gefecht stand in den Reihen seiner Soldaten, als wenn er sich auf dem Exerzierplatze befände, und wenn er abends zurückkam, besprach er die Ereignisse des Tags, wie man ein Manöver bespricht, mit vollständiger Ruhe und Objektivität, und mancher von denen, die mit ihm im Schützengraben waren, kehrte nicht mehr zurück; der Feldmarschall selbst ward auch verwundet. Aber wenn er auch mit unermüdlicher Treue und Aufopferung durch seinen scharfen Verstand es wohl verstanden hat, die zerrütteten Teile des okkupierten Landes zunächst wieder in geordnete Verhältnisse zu bringen, so war doch sein Herz nicht bei der Sache, er war Soldat, und ich glaube, er ist nicht ungern von seinem schwierigen und undankbaren Posten zurückgetreten, als er dann auf Wunsch des Sultans von dort als oberstes Bindeglied zwischen der osmanischen und deutschen Armee nach der Türkei berufen wurde. Er erlebte den gewaltigen Kampf unserer Bundesgenossen auf Gallipoli, er sah die Früchte seiner jahrelangen Tätigkeit greifbar vor sich, und dann kam der Augenblick, da er selbst das Kommando übernehmen mußte und hinauszog nach Bagdad, um den Kampf gegen die Engländer aufzunehmen. Als er in Bagdad eintraf, fand er die Engländer in starker Stellung bei Kut-el-Amara. Seine Aufgabe war, sie zurückzuschlagen. Mit wie schwierigen Verhältnissen, mit welch schlechten Zufahrtstraßen, mit einer wie großen Entfernung mußte er rechnen, bis überhaupt Verstärkungen herangeführt werden konnten. Meine verehrten Herrschaften, es wiederholt sich in der Geschichte öfters, daß Heldentum und Tragik nebeneinander stehen. So war es auch hier. So, wie es Moses einstmals zwar vergönnt war, einen Blick in das Gelobte Land zu tun, nicht aber es zu betreten, so war es auch dem Generalfeldmarschall nicht vergönnt, den letzten Kampf seiner Armee zu erleben, aber sein scharfer Blick hat wohl den Ausblick in das Gelobte Land getan, denn sicher hat er den Sieg von Kut-el-Amara vorausgesehen.“
„Meine verehrten Herrschaften, ich habe dem Bild des Feldmarschalls nur noch eine persönliche Note hinzufügen können. Ich habe es getan, weil ich glaube, daß ich in diesem Falle wohl im Namen der Armee und namens des Generalstabs sprechen darf, dem wir beide lange Jahre angehört haben. Ich will nicht sprechen von dem tiefen Schmerz, der auch mich ergriffen hat, als die Kunde von dem tragischen Ende des Feldmarschalls eintraf, und ich möchte nicht, daß dieser Tag vorübergeht, ohne daß wir an diesem Tag ein Lorbeerblatt auf die Bahre gelegt haben.“
Als Moltke geendet, stieg er vom Rednerpult herab, drückte der Freifrau von der Goltz die Hand und kehrte auf seinen Platz neben Generaloberst von Kluck zurück. Da reckte er sich plötzlich, führte die Hand zum Herzen, sank zusammen und war binnen wenigen Minuten eine Leiche. Die Tragik, in der ihm noch soeben das Schicksal seines Freundes von der Goltz erschienen war, daß er wie Moses das Gelobte Land — den Sieg — nur aus der Ferne schauen durfte, hatte ihn selbst getroffen.
Und diese traurig-wunderbare Fügung war nicht die einzige bei diesem erschütternden Vorfall. Sobald die Erkrankung des Feldmarschalls in Berlin bekannt geworden, hatte man zwei Schwestern zu seiner Pflege nach Bagdad geschickt. In Konstantinopel erreichte sie die Nachricht von seinem Tode, darauf kehrten sie zurück. Beide waren bei der Trauerfeier in Berlin zugegen, als Moltke jene letzte Rede hielt, und erwiesen nun ihm den letzten Liebesdienst, der seinem Freunde versagt geblieben war. Und ich selbst — war ich nicht der Bote eines Toten an einen Toten geworden? Moltkes Brief, den er mir zum Geleit auf diese meine Reise mitgegeben hatte, fand seinen Empfänger im Grabe; aber es sollte mir auch nicht mehr vergönnt sein, ihn der Hand seines Absenders zurückzustellen. Bei meiner Rückkehr nach Berlin blieb mir die traurige Pflicht, ihn der Witwe des von mir so hochverehrten Mannes zu übergeben.