Merkwürdig war auch, daß Gräfin Moltke mir bereits im Februar 1916 anvertraut hatte, sie fürchte, daß ihr Mann noch vor Ende des Weltkriegs heimgehen werde. In einem Traumgesicht hatte sie ihn bereits auf der Bahre liegen sehen, von Palmen und Kandelabern umgeben in demselben Zimmer, wo der Sarg des Feldmarschalls Moltke vor fünfundzwanzig Jahren gestanden hatte. Sie war daher auf das Schlimmste vorbereitet, als sie in den Saal des Reichstagsgebäudes zur Leiche ihres Gatten geführt wurde, und ertrug ihren Schmerz mit bewundernswerter Fassung.

Phot.: August Scherl.


GRÖSSERES BILD

Tags darauf stand denn auch der mächtige, schwere Eichensarg mit den großen silbernen Handgriffen dort, wo der Feldmarschall aufgebahrt worden war. Sechs hohe Kandelaber, jeder mit sechzehn Lichten, brannten in einem Wald von Palmen. Thorwaldsens Christus streckte segnend seine Hände über das Haupt des entschlummerten Kriegers, und dem Toten gegenüber stand eine Büste des Oheims. Offiziere trugen den Sarg hinaus nach dem Invalidenfriedhof.

Hellmuth von Moltke war einer der tüchtigsten und edelsten Männer des jungen Deutschlands und einer der vornehmsten Charaktere, die ich kennen gelernt habe. In seiner Nähe verspürte man die Macht und zugleich die große Bescheidenheit der überlegenen Persönlichkeit. Er war einer der wärmsten Patrioten Deutschlands, was viel besagen will in einer Zeit, in der das ganze Volk alles für das Vaterland opfert. Dabei war er ein frommer Christ und starb wohlvorbereitet in dem Augenblick, als er den Kranz auf das Grab des Kameraden niederlegte.

Seine hervorragendsten Eigenschaften waren unerschütterliche Ruhe und ein Ernst, der auch nicht einem flüchtigen Scherz Raum gab. Er war niemals heftig, und harte Worte hörte man von ihm nie. Tadel und Herabsetzung Abwesender waren ihm fremd. Jeder liebte und bewunderte ihn, und wer Gelegenheit gehabt hat, viele Stäbe an den verschiedenen Frontstellen zu besuchen, der weiß, daß über Moltke in der Armee nur ein Urteil herrschte. Er war wortkarg wie sein Onkel, aber was er sagte, war klar und tief, und mit wenigen Sätzen wußte er Fragen zu beantworten, die andern lange zu schaffen machten. Als ihn im zweiten Kriegsjahr ein amerikanischer Zeitungsmann über die Stimmung Deutschlands gegen Amerika aushorchen wollte, antwortete er kurz und bestimmt: „Wir sind in der Lage eines Mannes, den drei Straßenräuber überfielen. Er verteidigt sich tapfer und schlägt einem nach dem andern die Waffen aus der Hand. Hinter den dreien aber steht ein vierter, der ihnen immer wieder neue Waffen in die Hände drückt. Dieser Vierte ist Amerika, das den Kampf von Jahr zu Jahr verlängert.“

Mit Recht wurden an Moltkes Bahre folgende Worte gesprochen: „So hat er sein Werk als einer der intimsten Mitarbeiter an der Seite seines geliebten kaiserlichen Herrn geleistet. Seine Lebenstat war, das deutsche Heer auf den gewaltigsten und größten Krieg, den die Geschichte kennt, vorzubereiten, und wir können an Generaloberst von Moltke nicht denken, ohne uns des 4. Augusts 1914 zu erinnern, des Tags, da er, ein Lächeln auf den Lippen, sagen konnte, nicht eine einzige Frage sei an den Großen Generalstab zurückgekommen. Die unerhörte Maschinerie arbeitete mit unerschütterlicher Ordnung.

„So lenkte er das deutsche Schwert. So bereitete er den Aufmarsch der deutschen Armeen und den herrlichen Siegeszug vor, und daher denken wir bei seinem Namen an die wundervollen, überwältigenden, unvergeßlichen Tage, als in dieser schwersten Zeit der Mut, die Siegesgewißheit und das Vertrauen des ganzen deutschen Volkes so herrlich erstarkten. Ja, für dieses Volk arbeitete er, und diese Tage krönten sein stilles, geduldiges Arbeiten. Für dieses Ziel dachte und strebte er. Dazu lenkte und erzog er uns, und die deutschen Feldherrn, Generale und Offiziere, die an seiner Seite arbeiteten, denken mit tiefster Dankbarkeit an das Große und Herrliche, was Moltke für sie gewesen ist.“

Selten oder nie sind wärmere und edlere Worte aufrichtiger Trauer einer Feder entflossen als die, welche der Kaiser an die Gräfin nach dem Tode ihres Gemahls richtete. So spricht nur der, der weiß, daß er einen Freund verloren hat, auf dessen Treue er zu jeder Stunde felsenfest bauen konnte. Ich zweifle nicht, daß die Zukunft Moltke in die erste Reihe der germanischen Gestalten des Weltkriegs stellen wird.