In seiner Denkrede auf von der Goltz erinnerte Moltke an den Mut des Feldmarschalls und seine Todesverachtung, von der auch ich in meinem Buche „Ein Volk in Waffen“ bewundernd gesprochen habe. Als ich damals von der Goltz mein Buch sandte, antwortete er mir am 11. Juni 1915 aus Konstantinopel:
„Ihre Bemerkung, die mich betrifft, hat mich tief gerührt und in der Tat den geheimen Wunsch getroffen, den ich im Herzen trug. Wer der Vollendung seines 72. Lebensjahres nahesteht, wie ich, und eine 52jährige aktive Dienstzeit, die sich jetzt noch um ein Jahr verlängert, sowie drei große Kriege hinter sich hat, kann sich, wie Sie mit Recht bemerken, kaum einen schöneren Abschluß denken als den Sie erwähnen, aber das Schicksal hat ihn mir bisher verweigert; ich konnte es nur bis zu einem leichten Streifschuß unter dem linken Auge bringen. Das Geschoß, ganz in der Nähe aus einem englischen Schützengraben abgefeuert, als ich übers Feld in den unsrigen gehen wollte, meinte es ehrlich, es hatte aber den Fehler, einen Zoll zu weit nach rechts zu fliegen, worüber ich ihm eigentlich böse bin.
„Nun hat es aber doch wohl so kommen sollen, und Allah, mein alter Beschützer, verfolgte noch einen Zweck dabei. Er wollte mir die Gelegenheit geben, mich an der Wiedererhebung der Türkei, an der ich in früherer Zeit 13 Jahre lang emsig mitgearbeitet habe, zu erfreuen. Was die türkischen Truppen heute leisten, ist zugleich die beste Antwort auf die häßlichen Angriffe gegen meine Person, die in ganz ungerechtfertigter Weise nach dem unglücklichen Balkankriege in bezug auf meine ältere hiesige Tätigkeit gegen mich und meine Kameraden gerichtet wurden. Die Unterlegenheit in jenem Krieg erklärt sich durch ganz besondere Umstände, der tüchtige Kern aber, der im türkischen Volke steckt, kann sich heute, wo es von einer energischen und wohlgesinnten Regierung geleitet wird, kräftig entwickeln und gute Früchte tragen, die in den Kämpfen an den Dardanellen sich gezeigt und die Welt, aber nicht die alten Freunde des Landes überrascht haben. — — — Am endlichen Siege unserer guten Sache zweifeln wir alle nicht; wir könnten immer noch ein paar Feinde mehr vertragen. Ich beispielsweise erwarte solche zurzeit leider vergeblich mit meiner Armee an der stark bewehrten Küste des Schwarzen Meeres ....“
Anfang April 1916 war von der Goltz auf einem der Tigrisdampfer nach Bagdad zurückgekehrt. Derselbe Dampfer brachte auch kranke Soldaten flußaufwärts, darunter viele, die an Flecktyphus darniederlagen; die unterwegs starben, wurden den trüben Wellen des Tigris übergeben. Die Kranken lagen auf Deck, und der Feldmarschall ging während der Fahrt von einem zum andern, an alle aufmunternde Worte richtend. Es wimmelte von Ungeziefer, aber er achtete nicht der Gefahr, der er sich aussetzte. Und diesmal kam er in ihr um; auch er erlag der mörderischen Krankheit und starb in wenigen Tagen.
Seinen Wunsch, den echten Soldatentod zu sterben, hat ihm das neidische Schicksal nicht erfüllt.
Phot.: Schölvinck.
Dreizehntes Kapitel.
Kut-el-Amara.
Wie ich schon erwähnte, hatte ich in meiner Jugend einmal Kut-el-Amara besucht, das damals noch eine junge Stadt, aber ein wichtiger Handelsplatz für die arabischen Wollhändler der Umgegend war. Seither ist es bedeutend gewachsen, und heute hat es obendrein einen historischen Namen: es bezeichnet einen der schönsten Siege der Türken und eine der größten Niederlagen der Engländer während des Weltkrieges.
Gleich zu Kriegsbeginn hatten die Engländer Basra besetzt. Der Wali von Bagdad, Dschavid Pascha, hatte nur zusammengeraffte Araber zur Verfügung, mit denen nichts auszurichten war. Ein tapferer Offizier in Bagdad, Ali Askari Bei, gab jedoch die Hoffnung auf Wiedereroberung der Stadt nicht auf. Die Kriegsleitung in Konstantinopel versprach, ihm reguläre Truppen zur Unterstützung zu schicken; aber er antwortete, er könne sich ohne sie behelfen. Tatsächlich gelang es ihm, mehrere Araberstämme aufzubieten und die „Muschtehids“, die hohe Priesterschaft von Kerbela, für sein Unternehmen zu gewinnen.