Die folgenden Tage über kamen unaufhörlich neue Schiffe mit Gefangenen von Kut-el-Amara. Die größere Masse aber marschierte zu Fuß heran und wurde in einem Lager auf dem rechten Flußufer untergebracht. Die Eisenbahn beförderte sie später nach Samarra, und von dort marschierten sie nach Ras-el-Ain. In elenden Schuppen und kleinen weißen Zelten lagen da Tausende von Sikhs, Gurkhas, Patanen und andern Repräsentanten des unglücklichen, unterdrückten indischen Volkes. Ausgemergelt, mager und hungrig wehklagten sie laut über ihr Schicksal. Schon in Kut-el-Amara hatte man sie auf schmale Rationen gesetzt, Maulesel- und Pferdefleisch war ein Leckerbissen gewesen. Satt wurden sie auch jetzt nicht von dem Essen, das sie sich, in verschiedenen Gruppen nach Nationen, Religionen und Kasten geteilt, an ihren kleinen Feuern bereiteten. Ich konnte sie nur mit der Hoffnung trösten, daß in Konia, Angora und andern Teilen Kleinasiens, wohin sie geschafft werden sollten, besser für sie gesorgt würde, als hier auf dem Durchmarsch auch beim besten Willen möglich war. Unter den englischen Soldaten waren, wie gewöhnlich, brillante Typen. General Townshend schien übrigens bei seinen Truppen beliebter zu sein als bei seinen Offizieren.

Rund zwei Drittel der Gefangenen von Kut-el-Amara waren indische Truppen, 9000 Mann! Ein Tropfen im Meer, verglichen mit den Massen farbiger Menschen, die England in Europa, Asien und Afrika auf die Schlachtbank geführt hat, um der deutschen Kultur ein Ende zu bereiten. Man kann sich denken, mit welchem Ingrimm sich diese unschuldigen Opfer nun von ihrer Heimat abgeschnitten sahen! Als sie zu Schiff nach Basra gebracht wurden, wußten sie weder weshalb, noch gegen wen sie in dem fremden Lande kämpfen sollten. Einige wagten vor Furcht auf meine Fragen gar nicht zu antworten. Andere meinten, sie hätten nichts von einer Bedrohung Indiens gemerkt. Einer von ihnen berief sich auf die Versicherungen englischer Offiziere, daß Deutschland der Feind der gesamten Menschheit sei. Nach dem Fall von Kut-el-Amara behaupteten die englischen Zeitungen, mehr als 4000 Mann hätten dort überhaupt nicht gestanden. Die Farbigen waren also keine Menschen, lediglich Kanonenfutter, und brauchten in der englischen Presse nicht als Verlust gebucht zu werden!

Die Moschee Abdel Kader in Bagdad.


GRÖSSERES BILD

Unter den indischen Truppen befanden sich mehrere mohammedanische Regimenter. Es war zweifellos ein Wagestück, sie gegen Bagdad zu führen, das im ganzen mohammedanischen Indien als eine der vornehmsten Städte der Welt gilt. In Bagdad steht auch eine Moschee, ein Heiligengrab, Abdel Kader genannt, das die Nachfolger des Propheten in Hindostan in großen Ehren halten. Ich besuchte dieses Heiligtum und erhielt von seinem Nakib oder Oberpriester, Abdurrahman Gilani, einem dicken, behäbigen achtzigjährigen Greise, Aufschluß über die Bedeutung des Platzes. Seine Würde, erzählte er mir, sei erblich, und die sechs Priester, die ihn bei meinem Besuch umgaben, seien seine Brüder. Er hatte zwölf Söhne, alle verheiratet und Väter vieler Kinder. Sie waren Sunniten von arabischer Abstammung und Seïden oder Abkömmlinge des Propheten, also Glieder in der Kette einer priesterlichen Dynastie und, wie die Moschee selbst, mächtig reich. Denn die indischen Pilger kommen nach Abdel Kader nicht mit leeren Händen. Außerdem machte der älteste Sohn, der zukünftige Nakib, jährlich Reisen zu den indischen Mohammedanern, um Gaben für die Grabmoschee und ihre Priester zu sammeln. Die Moschee umgaben zahlreiche Häuser mit Unterkunftsräumen für die indischen Pilger; jetzt waren sie alle dem Roten Halbmond überlassen. Als Ende November 1915 die Engländer über den Dijala gingen und gegen Bagdad vorrückten, sollen zwei mohammedanische Regimenter gemeutert haben, da sie die Stadt, die Abdel Kaders Grab einschloß, nicht angreifen wollten. Dieses Ereignis scheint den englischen Rückzug beschleunigt zu haben.

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Siegesstimmung erfüllte Bagdad, als ich dort weilte. Jetzt, da ich dies schreibe, kaum ein Jahr später, erklingen wieder Jubelrufe in der Kalifenstadt, aber nicht mehr der Osmanen, sondern der Briten.

Das englische Ansehen im Orient hatte durch den Fall von Kut-el-Amara einen schweren Stoß erlitten. Was sollten die Völker Indiens und Ägyptens, was Araber, Perser und Afghanen von einer europäischen Großmacht denken, die nicht einmal Asiaten standhalten konnte? Also galt es, jedes Opfer zu bringen, um den Schimpf jener Niederlage wieder abzuwaschen. Es ging um Englands Ehre und Ansehen im Orient, um die Zukunft der britischen Herrschaft auf asiatischem Boden.

Anfang des Jahres 1917 meldete der Telegraph wiederholt, daß die Engländer durch das Irak wieder mit bedeutenden Kräften vordrängen, und am 25. Februar brachten alle Zeitungen der Welt ein Telegramm aus Konstantinopel, Kut-el-Amara sei von ihnen wiedererobert.