Leider konnte ich mir, da es Nacht war, von diesem interessanten Punkt keinen klaren Begriff machen. Sir William Willcocks, der im Dienst der türkischen Regierung die Messungs- und Untersuchungsarbeiten zur regelrechten Bewässerung des untern Mesopotamiens übernommen hatte, erklärte 1909, schon die ersten Arbeiten müßten 1200000 Hektar Land bewässern und einen Ertrag von 1000000 Tonnen Weizen und 100000 Tonnen Baumwolle bringen. Im Jahre 1912 sagte er, das Wichtigste seien die Dämme bei Feludscha und Hindije (Sedde), sowie die Trockenlegung von überschwemmtem Gebiet und die damit zusammenhängende Kanalisierung. Das Land gegen Überschwemmung zu schützen und das Wasser möglichst vom Schlamm zu reinigen, seien schwierige, doch keineswegs unüberwindliche Aufgaben. Euphrat und Tigris führen zur Hochwasserzeit fünfmal soviel Schlamm mit sich wie der Nil. Infolge der jährlichen Überschwemmungen häufen sich die Ablagerungen an den Ufern. Der Vegetationsgürtel mit seinen Abfällen und seinen Wurzeln trägt ebenfalls dazu bei, die Uferstreifen zu erhöhen, so daß die Wasserfläche bei Hochwasser höher liegt als die angrenzende Steppe. Der Uferdamm wird auch von Zeit zu Zeit durchbrochen, so bei Sedde, wo die Hauptmasse des Euphrat sich in den Hindije-Arm hineinzwängt. So hat der Strom im Lauf der Jahrtausende mehrfach sein Bett geändert; die modernen Ausgrabungen können das hier und da im Einzelnen nachweisen.

Schatt-el-Hille.

Der Hindije-Arm geht fast geradeaus nach Süden bis Kufa in der Nähe von Nedschef oder Mesched-Ali, dem vornehmsten Wallfahrtsort der Schiiten nächst Kerbela oder Mesched-Hussein. Dann biegt der Strom nach Südosten ab, nimmt wohl den Überschuß auf, der vom Schatt-el-Hille kommen kann, und vereint sich mit dem Tigris — nicht wie früher während eines halben Jahrtausends bei Korna, sondern bei Garmet Ali in der Nähe von Basra.

Bahije, 18jährige Araberin aus Hille.

Sehr anfechtbar scheint mir Willcocks, wenn er (im „Geographical Journal“ 1910 und 1912) drei von den Flüssen Edens in Kanälen und Armen des Euphrat wiederfinden will. Nur an dem vierten, dem „Frat“ der Genesis, kann er nicht rütteln. Auch ist es keineswegs so sicher, daß der im Altertum bekannte Pallakopas der jetzige Hindije-Arm sei, denn jener begann weit unterhalb Babylons, während dieser von Sedde ausgeht. Strabo sagt freilich nach Aristobulus, Alexander der Große sei flußaufwärts gefahren, als er die Kanäle bei Babylon untersuchte, aber nach Arrian ruderte er zur Mündung des Pallakopas euphratabwärts. Der Name wird auch Pallakotta geschrieben, auf babylonisch Pallakut. Nach Eduard Meyer lebt dieser Name fort in Fellûga (Felludscha).

Alexanders Fahrt fand kurz vor seinem Tode statt, und ihre Schilderung bei Arrian ist von großem Interesse. In gedrängter Kürze enthält sie eine vortreffliche Beschreibung vom Euphrat und dem Verhältnis des Hauptstroms zu den Kanälen. Außerdem zeigt sie auch den Scharfsinn Alexanders im hellsten Licht:

„Während die Dreiruderer für Alexander gebaut und der Hafen bei Babylon ausgegraben wurden, machte er eine Fahrt von Babylon aus den Euphrat hinunter nach dem Flusse Pallakopas. Dieser ist von Babylon ungefähr 800 Stadien (20 Stunden) entfernt und kein aus Quellen entspringender Fluß, sondern ein vom Euphrat auf der Westseite abgeleiteter Kanal. Der Euphrat, der vom armenischen Gebirge herabkommt, fließt nämlich zur Winterszeit, wenn er wenig Wasser hat, in seinem Bett. Bei Frühlingsanfang aber und namentlich gegen die Sommersonnenwende schwillt er an und ergießt sich über seine Ufer hinweg in die Fluren Assyriens. Denn dann vermehrt die Schneeschmelze in den armenischen Gebirgen seine Wassermasse bedeutend, und da er ein flaches Bett und einen hohen Lauf hat, so überschwemmt er das Land, wenn man ihm nicht einen Ablauf verschafft und ihn durch den Pallakopas in die Teiche und Sümpfe leitet, die von diesem Kanal aus beginnen und bis an die Grenzen des Araberlandes reichen ... Nach der Schneeschmelze, ungefähr zur Zeit des Niedergangs der Plejaden, hat der Euphrat einen niedrigen Wasserstand, gibt aber nichtsdestoweniger den größten Teil seines Wassers durch den Pallakopas an die Sümpfe ab. Wenn man nun nicht wieder den Pallakopas abdämmte, so daß das Wasser, in die Ufer zurückgedrängt, in seinem Bett bliebe, würde sich der Euphrat unfehlbar in den Pallakopas ergießen und Assyrien nicht mehr bewässern.“

Arrian berichtet dann noch, wie leicht man das Euphratwasser in den Pallakopas-Arm hineinleiten konnte, während der Statthalter von Babylonien große Mühe hatte, die zwischen zahllosen Schlammablagerungen geöffnete Mündung wieder zu verstopfen. 10000 Assyrer fanden dabei volle Beschäftigung. „Berichte hiervon bestimmten Alexander, etwas zum Nutzen des assyrischen Landes zu tun. Deshalb beschloß er, da, wo sich der Lauf des Euphrat dem Pallakopas zuwendet, den Ausfluß fest zu verstopfen. Als er aber ungefähr 30 Stadien weiterging, zeigte sich Felsengrund, von dem man annehmen mußte, daß er, durchstochen und mit dem alten Kanal des Pallakopas in Verbindung gebracht, einerseits das Wasser dank der Festigkeit des Erdreichs nicht durchsickern, andererseits seine Zurückdrängung zur bestimmten Jahreszeit leicht bewerkstelligen lassen würde. Deshalb befuhr er den Pallakopas und ruderte auf ihm in die Sümpfe hinab bis zum Lande der Araber. Als er hier einen schöngelegenen Punkt sah, baute und befestigte er dort eine Stadt und besiedelte sie mit einer Anzahl griechischer Söldlinge, die sich teils freiwillig anboten, teils durch Alter oder Verstümmelung nicht mehr dienstfähig waren.“