Sogleich sammelten sich Neugierige um uns. Die Gendarmen, die am Tor Wache hielten, zeigten uns den Weg die halsbrecherische Treppe hinauf. Man führte uns durch ein mit Teppichen belegtes, verfallenes Zimmer auf eine große Veranda mit prächtiger Aussicht auf den Strom. Hier saß der Mutessarrif, umgeben von Offizieren und Zivilisten, auf einem großen Sofa bei der Arbeit.
Der Gouverneur grüßte uns höflich und bot uns seine Dienste an. Die Unruhe in Museyib war durch einen Aufruhr in Kerbela verursacht worden, von dem wir bereits in Bagdad allerhand hatten munkeln hören. Leicht war es auch hier nicht, Genaueres darüber zu erfahren. Angeblich hatten die Schiiten in Kerbela die türkische Garnison angegriffen und mehrere Offiziere erschossen, worauf die Türken die Stadt metertief unter Wasser setzten. Die Araber der Gegend hatten die Unordnung benutzt, um die Grabmoschee Imam Husseins zu plündern, die außerordentlich reich an Schätzen und kostbaren Geschenken ist. Die Truppen, die wir am Flußufer gesehen, hatten sich wegen der Überschwemmung zurückziehen müssen. Doch schien der Aufruhr inzwischen niedergeschlagen zu sein; wir hörten auch später nichts mehr davon.
Bis zum Dorf Sedde, versicherte uns der Gouverneur, seien wir völlig sicher. Aber unterhalb dieses Punktes müßten wir auf der Hut sein, denn zwei hier hausende Araberstämme, Beni Hassan und El-Fethla, lägen miteinander im Kriege. Der Ingenieur Nahat Bei in Sedde, an den er uns einige Zeilen mitgab, würde uns weitere Aufklärung geben.
Es war 6 Uhr, und die Sonne ging gerade unter, als unsere „Emden“ wieder vom Ufer abstieß. Ein neuer Lotse fuhr mit, der das Fahrwasser besser kannte, als die Besatzung aus Risvanije. Die Dämmerung sank hernieder. Die Einzelheiten an den Ufern verschwammen und flossen zu dunklen Umrissen zusammen. Der Wind hatte ganz aufgehört; ½8 Uhr zeigte das Thermometer nur 27 Grad.
Bald umgab uns völlige Dunkelheit. Vor uns ertönte ein zunehmendes Brausen wie von einem Wasserfall. Der Lotse erklärte, das sei die Strömung unter der Brücke von Sedde. Hier sei ein gefährlicher Strudel. Sobald das Brausen ganz nahe kam, mußten einige Leute unserer Besatzung ans Land springen, um an einem Seil die Fähre zu bremsen, falls sie in den Strudel hineingeriet. Doch glitten wir ganz ruhig nach der Brücke hin, die sechs kleine Wölbungen und eine breitere siebente für Segelboote hat, und während wir Nahat Bei unsern Empfehlungsbrief sandten, wurde die „Emden“ durch die Brücke bugsiert und vertäut.
Bei der Brücke von Sedde teilt sich der Strom in zwei Betten, links das alte des Schatt-el-Hille, rechts das neue des Hindije. Die ganze Wassermasse hat eine Neigung nach rechts und würde das alte Bett völlig aufgeben, wenn nicht Dämme einen Teil des Wassers zwängen, nach dem Schatt-el-Hille hinüberzugehen. Oberhalb Sedde hat ein anderer Arm sich vom Flusse abgezweigt, der Husseinije-Kanal, der südwestlich nach Kerbela geht.
Von Nahat Bei, der sich in größerer Gesellschaft einfand, erfuhr ich, der Hauptstrom habe bei höchstem Wasserstand 3000 Kubikmeter, der Hille-Arm aber nur 90. Der letztere sei bei Beginn 30, der erstere 300 Meter breit.
Landschaft auf dem rechten Euphratufer.
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