Man arbeitete das Jahr über täglich mit bis zu 250 Arbeitern, die 3–5 Piaster Tagelohn erhielten. Sie drangen auf breiter Front in die Tiefe; Schutt und Erde wurden auf Feldbahnen fortgeschafft. Ziegelmauern kamen zum Vorschein und wurden bloßgelegt. Die Arbeit war ungeheuer schwer, da die Fundstücke mit einer 12, zuweilen 24 Meter tiefen Schicht von Schutt und Bruchstücken überdeckt waren und die Festungsmauern 17–22 Meter dick sind. Als nach fünfzehnjähriger Arbeit die Ausgrabungen durch den Weltkrieg unterbrochen wurden, hatten die deutschen Forscher, wie sie versicherten, erst die Hälfte ihrer Aufgabe gelöst.
Der Turm zu Babel.
Fünfzehntes Kapitel.
Bibel und Babel.
Die Funde der deutschen Archäologen lassen erkennen, daß Babylon schon vor fünf Jahrtausenden bewohnt war. Die ältesten ausgegrabenen Ruinen stammen aus der Zeit der ersten babylonischen Könige, etwa 2500 Jahre v. Chr. Seitdem ist der Stadtplan mit seinen Straßen und Häuserblöcken nur geringfügig verändert worden. In der Zeit, da die assyrischen Könige auch über Babylon herrschten, stellten sie den berühmten Tempel Esagila wieder her, der noch heute die gepflasterten Fußböden Assarhaddons und Sardanapals zeigt. Sanherib pflasterte einige Teile der Prozessionsstraße des Gottes Marduk, und auf der Kasrhöhe entdeckte man Spuren von Sargons, Sardanapals und Nabopolassars Tätigkeit. Unter Nebukadnezar begann der Neubau der ganzen Stadt und ihrer Tempel Emach, Esagila, Etemenanki. Damals wurde die steinerne Brücke über den Euphrat gebaut, wurden Kanäle angelegt, Burgen und Paläste errichtet. Auch die gewaltigen Mauermassen des Ischtartors erhoben sich in der Form, in der wir sie jetzt noch sehen.
Aus Naboned, der ebenfalls seinen Namen als Bauherr verewigt hat, folgte das Zeitalter der persischen Könige (538–331), in dem das Stadtbild gewisse Änderungen erfuhr und die Gestalt annahm, die von Herodot und Ktesias der Nachwelt geschildert wurde. Alexander von Mazedonien (331–323) wollte Babylon zu seinem alten Glanz erheben, doch starb er, bevor er sein Vorhaben ausführen konnte. Die griechische Epoche fällt zwischen die Jahre 331 und 139. Mit ihr begann der Verfall. Von den monumentalen Gebäuden wurden Ziegel für Profanbauten geplündert. Ebenso im parthischen Zeitalter (139 v. Chr.–226 n. Chr.). Die Sassaniden beschleunigten den Untergang, und nur die südliche Höhe Amran blieb noch bis ins arabische Zeitalter 1200 n. Chr. bewohnt. Schon 115 n. Chr. fand der römische Kaiser Trajan die Stadt in Trümmern. Doch waren noch später kleine jüdische und christliche Gemeinden vorhanden, bis im zehnten oder elften Jahrhundert etwa 10 Kilometer südlicher Hille am Euphrat entstand und für seine neuen Häuser Ziegel aus Babylons alten Burgen, Mauern und Palästen forderte. Im Gegensatz zu Ninive, über dessen Trümmer Xenophon und die Zehntausend zogen, ohne zu wissen, was sie bedeuteten, ist Babylon wohl niemals ganz vergessen gewesen.
Welch eigenen, mächtigen Klang haben nicht all diese alten Namen in unseren Ohren! Unsern Vorfahren, nur einige Geschlechter zurück, klangen sie meist noch wie vage Begriffe, wie ein phantastisches Gewebe von Sagen und Legenden. Jedem aber, der in der Schule oder daheim die Bibel las, waren sie vertraut. Das ganze hebräische Altertum ist mit Babylonien und Assyrien aufs engste verknüpft. Wir erinnern uns alle aus unserer Kindheit der wunderbaren Welt, die ihre Lebenskraft aus den Zwillingsflüssen schöpfte, denen Sirach das Buch vom Bunde des höchsten Gottes vergleicht, wenn er von dem Gesetz spricht, „daraus die Weisheit geflossen ist wie das Wasser Pison und wie das Wasser Tigris, wenn es übergehet im Lenz; daraus der Verstand geflossen ist wie der Euphrat, wenn er groß ist, und wie der Jordan in der Ernte.“
Nun steigt seit weniger als einem Jahrhundert diese alte Welt aufs neue aus der Erde herauf und bestätigt in Keilschrift auf gebranntem Lehm die Wahrheit der Bibelworte. Der südbabylonische Fundort El-Mugejir, der 1849 von Sir Henry Rawlinson entdeckt wurde, ist nichts anderes als Abrahams Heimat, die Stadt Ur, die im ersten Buch Moses erwähnt wird, wo es von Abraham und seinen Verwandten heißt, daß sie von Ur in Chaldäa zusammen ins Land Kanaan zogen. Im zweiten Buch der Könige wird erzählt, daß „in König Hiskias 14. Jahre Sanherib heraufzog, der König von Assyrien, wider alle festen Städte Judas und sie einnahm. Da sandte Hiskia, der König Judas, zum Könige von Assyrien gen Lachis und ließ ihm sagen: Ich habe mich versündiget, kehre um von mir; was du mir auflegest, will ich tragen. Da legte der König von Assyrien auf Hiskia, dem König Judas, dreihundert Zentner Silber und dreißig Zentner Gold.“ In Sanheribs Palast in Ninive fand man ein in Stein gehauenes Bild des Königs vor seinem Zelt mit einer Unterschrift, die in allem Wesentlichen die Darstellung der Bibel von seinem Streit mit dem König von Juda bestätigt. Was aber die Keilschrift nicht verrät, das sind die goldenen Worte, die der König an den Gedemütigten richtete: „Meinst du, es genügten Flausen allein, um Rat zu schaffen und die Macht zum Kriegführen zu haben?“ In seinem berühmten Buch „Babel und Bibel“ (1903) beweist Professor Delitzsch die Zuverlässigkeit der biblischen Urkunden, und der Geschichtsforscher Eduard Meyer sagt in seiner „Geschichte des Altertums“ (1903): „Für die Zeit von 745 an kommen die vollständig authentischen, aber sehr dürftigen und abgerissenen Angaben im Alten Testament als ein wertvolles Plus zu den griechischen Quellen.“
Niemals habe ich die Bücher des Alten Testaments mit größerer Aufmerksamkeit und wärmerem Interesse gelesen, als in den Tagen, da ich die Ruinen von Babel, Assur und Ninive besuchte. Erzählungen, die früher wie Sagen und Märchen klangen, werden hier zur Wirklichkeit. Könige, deren Namen man bisher nur flüchtig kannte, Tiglat-Pileser, Salmanassar, Sanherib, Nebukadnezar, ziehen nicht länger wie ein Zug von Gespenstern vorüber, sondern nehmen leibhaftige Gestalt an. Einen ähnlichen Eindruck von lebendiger Wirklichkeit hat man vielleicht schon vor den babylonischen und assyrischen Altertümern des Britischen Museums erhalten, vor der gewaltigen Statue des Assurnasirpal mit den vornehmen Herrscherzügen und dem langen, geflochtenen assyrischen Bart, oder vor dem Relief Assurbanipals, des Sardanapal der Griechen; oder wenn man im Königlichen Museum zu Berlin das charakteristische Profil des babylonischen Königs Mardukpaliddin bewunderte, des Merodach-Baladan der Bibel, der auf einem Grenzstein aus dem Jahre 714 einem seiner Vertrauensleute die Statthalterschaft über bestimmte Provinzen verleiht, oder angesichts des prächtigen, im Jahre 670 in Dolerit ausgeführten Reliefs von Assarhaddon von Assyrien, wie er in königlicher Pracht dasteht und zwei Riemen in der Hand hält, an die die gefangenen Könige von Äthiopien und Tyrus gebunden sind.
Aber das Museum einer modernen Stadt wirkt doch weit schwächer als das Land selbst, über dessen endlose Flächen die alten großen Könige geherrscht, unvergleichlich schwächer als die Palastgemächer und Thronsäle, wo sie Recht gesprochen und Vasallen und Gesandte empfangen haben. Hier wohnten sie. Der Strom, in dessen langsam fließendem Wasser Schlösser und Tempel ihre kubischen Formen spiegelten — so meisterhaft von Koldewey und Andrae rekonstruiert, so prachtvoll, aber unwahrscheinlich wiedererweckt von Layard und Gustave Doré — hat ehemals ihre Fahrzeuge getragen, und den Horizont, dessen Kreis so gleichmäßig ist wie der des Meeres und jetzt ein Land verbrannter Steppen und glühend heißer Wüsten umschließt — nicht ein Paradies von Oasen und Gärten, dicht wie die Flecke eines Pantherfells —, diesen Horizont hat auch ihr Blick umfaßt, wenn sie bei Sonnenuntergang auf den Zinnen ihrer Paläste wandelten. Welchen Klang gewinnen erst hier die Worte Daniels über Nebukadnezar: „Als der König einmal auf dem Dache der Königsburg zu Babel ging, hob er an und sprach: Siehe, das ist die große Babel, die ich erbauet habe zum königlichen Hause durch meine große Macht, zu Ehren meiner Herrlichkeit.“