Wie buchstäblich haben sich die Voraussagen der Propheten von der Zerstörung der großen Stadt erfüllt! Die Wüste ringsum wirkt weniger öde als diese Schutthaufen und diese trostlosen, kahlen Mauern. Denn von der Wüste erwartet man nichts, die Ruinen aber sprechen von vergangener Größe und erloschenem Glanz. Die gewaltigen Mauermassen des hohen Ischtartors stehen nackt, nachdem das Feuer die Dächer und Paneele aus Zedernholz vernichtet hat. Nicht einmal Beduinen errichten hier ihre Zelte, nur Schakale sah ich sogar am Tage aus ihren Schlupfwinkeln hervorschleichen. Welch erschütternde Wahrheit also verkünden die an Jesaja erinnernden Worte des Propheten Jeremias: „Darum sollen Wüstentiere und wilde Hunde darin wohnen und die jungen Strauße und es soll nimmermehr bewohnet werden und niemand darin hausen für und für. Gleich wie Gott Sodom und Gomorra samt ihren Nachbarn umgekehrt hat, spricht der Herr, daß niemand darin wohne, noch ein Mensch darin hause ... Und Babel soll zum Steinhaufen und zur Wohnung der Schakale werden, zum Wunder und zum Anpfeifen ... Die Mauern der großen Babel sollen untergraben, und ihre hohen Tore mit Feuer angesteckt werden, daß der Heiden Arbeit verloren sei, und verbrannt werde, was die Völker mit Mühe erbauet haben.“
Der weitaus größte Teil der von den deutschen Archäologen ausgegrabenen Ruinen stammt aus Nebukadnezars Zeit. Der Sohn des Gründers des babylonischen und chaldäischen Reiches, Nebukadnezar, regierte dreiundvierzig Jahre (604–561) und war einer der größten und glücklichsten Könige des Altertums. Er erweiterte die Grenzen des Landes und verlieh der Stadt Babylon unerreichten Glanz. Historische Keilschrifturkunden aus seiner Zeit sind äußerst selten, dagegen gibt es zahlreiche Bauurkunden, oft mit Gebeten an Marduk, sowie zahllose Stempel auf Ziegelsteinen.
Auch in der Bibel begegnen wir seinem Namen öfter als dem irgendeines andern Königs von Assyrien und Babylonien, da er es war, der so verhängnisvoll in die Geschichte Israels eingriff, indem er die Blüte des jüdischen Volkes in das Land der Gefangenschaft schleppte. Schon als Thronerbe eroberte er Jerusalem, und 586, als er auch alle Festungen in Juda eingenommen hatte, zerstörte er die Stadt zum zweiten Male. „Und Zedekia ward abtrünnig vom König zu Babel,“ heißt es im zweiten Buch der Könige. „Da kam Nebukadnezar, der König zu Babel, mit aller seiner Macht wider Jerusalem; und sie lagerten sich dawider und bauten Bollwerke darum her.“ Jerusalem erlag der Hungersnot. „Da brach man in die Stadt; und alle Kriegsmänner flohen bei Nacht auf dem Weg durch das Tor zwischen den zwei Mauern.“ Im zweiten Buch der Chronik wird erzählt, wie Nebukadnezar gegen Jojakim in Jerusalem heraufzog „und band ihn mit Ketten, daß er ihn gen Babel führte. Auch brachte Nebukadnezar etliche Gefäße des Hauses des Herrn gen Babel und tat sie in seinen Tempel zu Babel.“ Daniel, einer von den jungen Edlen, die in die Gefangenschaft geschleppt wurden, berichtet von Nebukadnezars Götzendienst und der Verehrung, die er trotzdem der Macht des höchsten Gottes erwies, von den Träumen des Königs von den vier Weltreichen und dem abgehauenen Baum, von den drei Männern im brennenden Ofen und ihrer wunderbaren Rettung.
Hesekiel bietet eine prächtige Schilderung von Nebukadnezars Belagerung von Tyrus, der Stadt, „die Kronen verteilt, deren Kaufleute Fürsten sind und deren Krämer die herrlichsten auf Erden sind“, der Stadt, die „Silber anhäuft wie Staub und Gold wie Dreck auf den Straßen“. „Siehe, ich will über Tyrus kommen lassen Nebukadnezar, den König zu Babel, von Mitternacht her, der ein König aller Könige ist, mit Rossen, Wagen, Reitern und mit großem Haufen Volks.“ Um Tyrus wurde eine Belagerungsmauer gezogen, ein Wall aufgeschüttet und ein Schilddach gegen die Stadtmauer errichtet. Sturmböcke berannten die Mauern, und mit andern Kriegswerkzeugen wurden die Türme der Stadt umgerissen. Der König rückte mit so viel Pferden an, daß der von ihnen aufgewirbelte Staub die Stadt einhüllte und vom donnernden Lärm der Reiter, Räder und Wagen die Mauern erzitterten.
Wunderlich klingen in diesen Tagen, wo ein anderes Weltreich über dem Meer in seinem Lebensnerv bedroht wird, die Worte des Propheten, wenn er Tyrus, dieses weitberühmte Bollwerk des Phöniziers, „das da liegt vorn am Meer und mit vielen Inseln der Völker Handel treibt,“ mit einem gescheiterten Schiff vergleicht. „Dein Segel war von gestickter, köstlicher Leinwand aus Ägypten, daß es dein Panier wäre ... Alle Schiffe im Meer und ihre Schiffsleute fand man bei dir, die hatten ihren Handel in dir. Die aus Persien, Lydien und Libyen waren dein Kriegsvolk, die ihre Schilde und Helme in dir aufhingen, und haben dich so schön geschmückt ... Tharsis hat mit dir seinen Handel gehabt und allerlei Ware, Silber, Eisen, Zinn und Blei auf deine Märkte gebracht ... Also bist du sehr reich und prächtig geworden mitten im Meer. Deine Ruderer haben dich auf große Wasser geführt; aber ein Ostwind wird dich mitten auf dem Meer zerbrechen ... Auch die Anfurten werden erbeben vor dem Geschrei deiner Schiffsherren, und alle, die an den Rudern ziehen, samt den Schiffsknechten und Meistern werden aus ihren Schiffen ans Land treten und laut über dich schreien, bitterlich klagen und werden Staub auf ihre Häupter werfen und sich in der Asche wälzen ... Es werden auch ihre Kinder über dich wehklagen: ‚Ach, wer ist jemals auf dem Meer so still geworden wie du, Tyrus‘ ... Du warst ohne Tadel in deinem Tun von dem Tage an, da du geschaffen wurdest, bis sich deine Missetat gefunden hat. Denn du bist inwendig voll Frevel geworden vor deiner großen Hantierung und hast dich versündigt. Darum will ich dich entheiligen von dem Berge Gottes und will dich ausgebreiteten Cherub aus den feurigen Steinen verstoßen.“
Nach dem dreizehnten Jahr gab aber Nebukadnezar die Belagerung auf und schloß 576 mit Ithobaal von Tyrus ein Bündnis. Hesekiel berichtet in seinem 29. Kapitel, daß er sich dafür in Ägypten entschädigte.
Auch in den apokryphischen Büchern begegnet uns oft der Name des großen Königs, der das Buch Judith eröffnet: „Nebukadnezar, der König von Assyrien, regierte in der großen Stadt Ninive ...“ „Da die Länder im Westen sich weigerten, seinen Befehlen zu gehorchen, schickte er nach seinem Oberfeldherrn Holofernes, der in seinem Reiche der nächste war nach ihm selbst, und sagte zu ihm: ‚So spricht der große König, der Herr der ganzen Welt, du sollst von hier ausziehen und mit dir Mannschaft nehmen, die auf seine Stärke vertraut, an Fußvolk bis zu 120000 Mann und eine Menge Pferde mit ihren Reitern, 12000, und du sollst wider alle Reiche im Westen ziehen, deswegen, weil sie meinem Befehl nicht gehorcht haben.‘“
Natürlich ist diese Schilderung gewaltig übertrieben. Die Babylonier bildeten keine Massenheere und konnten keine bilden. Aber die Wirklichkeit war gewiß imposant. Die verschiedenen Abteilungen, teils Truppen, die aus kriegerischen Stämmen innerhalb und außerhalb des großen Reiches geworben waren, teils Bogenschützen zu Pferde, eine Spezialität des Orients, wurden von Assurs Fürsten und Feldherrn geführt. Für den Train wurden Kamele, Esel und Maulesel benutzt, „und eine zahllose Schar von Schafen, Rindern und Ziegen für ihren Unterhalt und Getreide in Menge für jeden Mann und viel Gold und Silber aus des Königs Kammer mitgeführt.“
Und Holofernes brach vor dem König Nebukadnezar von Ninive auf „mit den Wagen und Reitern seines Heeres ..., überschritt den Euphrat und verließ damit Mesopotamien und nahm die Gebiete Ciliciens ein.“ Man braucht keine große Phantasie zu haben, um sich ein Bild zu machen von dem Zug dieser bunten Scharen über die öden Flächen am Fuße des persischen Zagros und des armenischen Taurus. Langsam windet sich der Zug von Wasserlauf zu Wasserlauf. Er hat keine Ähnlichkeit mit einer modernen Marschkolonne, die Ordnung ist im Gegenteil ganz „zerstreut“. Die babylonischen Krieger marschierten nicht in Verbänden, wie später Mazedonier und Römer; sie gingen in losen Scharen; die Herren hatten, gleich den Griechen, ihre Sklaven bei sich, die ihnen die Waffen trugen. Aber der Staub, der von der Menge aufstieg, war nicht minder dicht und zog wie ein weißgrauer Schleier über die Ebene hin. Die Streitwagen rasselten, die Rosse stampften, auf schnellfüßigen arabischen Pferden sprengten die Bogenschützen einher, die Pfeilköcher auf dem Rücken, und die Waffen und die prachtvoll mit Gold und Silber geschmückten Wagen der Männer von Assur blitzten in der Sonne. Unter Lärm und Gesang bewegten sich die Scharen und die unübersehbaren Herden Schlachtvieh vorwärts und zertrampelten das Gras der Steppe. Über die Landgebiete Japhets zog Holofernes „nach Damaskus zur Zeit der Weizenernte“ und weiter bis in die Nähe von Bethulia in Judäa, wo er nach der Sage durch sein eigenes Schwert fiel, das Judiths Hand führte.
Das Buch Baruch erzählt unter anderm von dem Schreiben, das die Juden in Babylonien aufsetzten und mit Geld an ihre Stammverwandten in Palästina schickten. Mochten sich auch die Gefangenen unter den Weidenbäumen am Flusse Babel nicht sonderlich wohlfühlen, der Ton ihres Briefes verrät jedenfalls, daß sie Furcht vor der königlichen Zensur hatten: „Siehe, wir senden euch Geld, dafür kauft Brandopfer und Sündopfer, Weihrauch und Speiseopfer und opfert es auf dem Altar des Herrn, unsers Gottes. Und bittet für das Leben Nebukadnezars, des Königs zu Babel, und das Leben Belsazars, seines Sohnes, daß ihre Tage auf Erden seien, solange die Tage des Himmels währen. So wird der Herr uns genug und gute Tage schaffen, und wir werden leben unter dem Schatten Nebukadnezars, des Königs zu Babel, und unter dem Schatten Belsazars, und ihnen dienen lange Zeit und Gnade vor ihnen finden.“