Professor Koldewey beim Vortrag auf den Ruinen Babylons.
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GRÖSSERES BILD
Inmitten dieses, durch die beiden Seiten der alten Stadtmauer und den Euphrat bezeichneten Dreiecks liegt nun eine Welt von Erd- und Schutthaufen, von Mauer- und Burgresten, die meinem Reisekameraden und mir ein rätselhaftes Durcheinander geblieben wäre, hätte uns nicht Professor Koldewey mit unermüdlicher Ausdauer, unter seiner schwarzen Lammfellmütze des glühenden Sonnenbrandes nicht achtend, drei Tage lang umhergeführt und Licht in dieses Dunkel der Gräben und Schächte gebracht. Unter seinem Zauberstab erwachte uns Babylon zu neuem Leben. Die Steine erhielten Sprache, die breite Straße der Prozessionen bevölkerte sich mit Babyloniern. Er wußte Episoden aus den alten Schriften, z. B. Daniels Besuch am Hofe Nebukadnezars, einzuflechten, als wenn er selbst zugegen gewesen wäre, und so lebendig, packend und anschaulich, daß man den großen König in seiner majestätischen Pracht vor sich zu sehen glaubte. — Die großen, flachen Ziegelsteine, von der Sonne so erhitzt, daß man sie nicht anfassen kann, liegen ja noch genau so da wie vor 2500 Jahren, als Nebukadnezar und Daniel darüber wandelten. Keines Menschen Blick ist seit jener Zeit auf diese Inschriften gefallen, die nach so langem Schweigen heute unmittelbar zum Forscher reden, und nichts erscheint mir begreiflicher als die inbrünstige Ehrfurcht, mit der ein Mann der Wissenschaft wie Professor Koldewey jedes neue Geschichtsblatt dieser Art, das er mit Spaten oder Brechstange dem Erdboden entringt, zur Hand nimmt.
Was ich von diesem dreitägigen Vortrag Koldeweys, dem fesselndsten, den ich je in meinem Leben hörte, behalten habe und aus den Schriften der deutschen Archäologen, besonders aus seinem eigenen klassischen Werke „Das wiedererstehende Babylon“ ergänzen durfte, sei hier in einigen Umrissen wiedergegeben.
Wie schon erwähnt, stammt der weitaus größte Teil der bisher ausgegrabenen Ruinen aus Nebukadnezars Zeit. Seinen Namen nennen Millionen Ziegelstempel, die sich vor allem in den Ruinen des Hügels Kasr gefunden haben. Denn hier erhob sich sein Königspalast, den er während seiner ganzen Regierungszeit erweiterte und verschönerte.
Blick auf das Ischtartor (von Norden).
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Von der Nordostecke des Kasr-Hügels aus legte er für den Gott Marduk die Prachtstraße der Prozessionen an, die durch das Ischtartor nach Süden bis zu Marduks Tempel Esagila führte. Sie war in der Mitte mit quadratischen Kalksteinplatten von 1,05 Meter Seitenlänge, rechts und links davon mit Brecciaplatten von 0,66 Meter Seitenlänge gepflastert. Der Kalkstein wurde jedenfalls von Hit und Ana auf Kähnen herangeführt. Jede Platte trägt an der Seite die Inschrift: „Nebukadnezar, König von Babylon, Sohn Nabopolassars, Königs von Babylon, bin ich. Die Babelstraße habe ich für die Prozession des großen Herrn Marduk mit Schadu-(Gebirgs-)Steinplatten gepflastert. Marduk, Herr, schenke ewiges Leben!“ Die Oberflächen der Steine sind glatt und blank; viele weiche Sandalen und nackte Fußsohlen sind darüber hingegangen. Die Unterlage der Pflasterung war eine Asphaltschicht, die, soweit die Steine fehlen, jahraus jahrein der glühenden Sonne ausgesetzt ist, ohne an Härte einzubüßen; mit ihr hat man vor zweieinhalb Jahrtausenden den Ziegelbelag darunter vergossen.
Die Straße der Prozessionen liegt 12,5 Meter über dem Nullpunkt, dem mittleren Niveau des Grundwassers, und steigt zum Ischtartore sanft an; man hat von ihr aus einen herrlichen Überblick über das ganze Trümmerfeld. Zu Nebukadnezars Zeit aber war sie rechts und links durch hohe, 7 Meter dicke, von Türmen überragte Festungsmauern geschlossen, die mit prachtvollen Löwen aus Emaille geschmückt waren. Scherben davon hat man zusammenfügen können. Es waren im ganzen 120 solcher Relieflöwen, jeder 2 Meter lang, meist gelb auf blauem Grund. Vor Beginn der deutschen Ausgrabungen kannte man keine Plastik aus der Regierungszeit des großen Königs; jetzt hat man den ganzen Schmelzvorgang dieser Emaille ergründet. Die Ziegel wurden in Formen gegossen, und jeder trug einen kleinen Teil des Reliefbildes, das sich mosaikartig zusammensetzte. Die Festungsmauer war aus Ziegeln erbaut; über jeder Ziegelschicht lag eine dünne Schicht Asphalt und darauf eine ebenso dünne Schicht Lehm. Bei jeder fünften Schicht ersetzte den Lehm eine Matte aus geflochtenem Schilf; diese ist mit der Zeit verrottet, hat aber Abdrücke in dem Asphalt hinterlassen; man sieht deutlich, wie die Schilfstengel durch Klopfen gespalten und wie Bänder zusammengeflochten sind. Matten dieser Art werden noch heute von den Beduinen angefertigt.