Über dem Schutt erhebt die Fassade des Ischtartores ihre 12 Meter hohen, gigantischen Mauerblöcke. Sie ist die größte und interessanteste Ruine Babyloniens, ja ganz Mesopotamiens und bestand aus zwei dicht hintereinander liegenden Torgebäuden. Ihre Architektur ist vornehm einfach, sie zeigt nur wage- und senkrechte Linien. Wie der Überbau dieser ungeheuer starken Mauerpfeiler ausgesehen hat, weiß man nicht. Die Torhöfe hatte Nebukadnezar, wie eine Inschrift sagt, mit „gewaltigen Stierkolossen aus Bronze und den mächtigen Schlangenbildern“ auf Sockeln schmücken lassen, und die Wände des Baues waren mit Reliefbildern von Stieren und Drachen (Sirrusch) bedeckt. 152 von den wahrscheinlich 575 Reliefs sind ausgegraben. Sie stehen in Reihen übereinander, jede Tierart stets für sich.
Stiere und Drachen des Ischtartors.
Man staunt über die künstlerische Vollendung dieser Tiergestalten. Nur eine hochentwickelte Kunstauffassung konnte eine Form wie die des weitberühmten „Drachen von Babel“ oder der „gehenden Schlange“ erfinden. Das Schuppenkleid, die Bauchringe des Körpers, der Kopf mit der gespaltenen Zunge und die beiden gerade emporstehenden Hörner, von denen in der genauen Profilstellung des Reliefs nur eines sichtbar ist, sind, wie Koldewey ausführt, offenbar der in Arabien häufigen Hornviper nachgebildet. Die Beine sind die einer hochläufigen Katzenart, die Hinterfüße aber mit ihren mächtigen Klauen und großen Hornplatten sind einem starken Raubvogel entlehnt. Das Auffallendste ist, daß das Tier zugleich Schuppen und Haare hat. „Diese gleichzeitige Ausstattung mit Schuppen und Haaren,“ sagt Koldewey, „sowie die starke Differenzierung der Vorder- und Hinterextremitäten ist sehr charakteristisch für die vorweltlichen Dinosaurier; auch die Kleinheit des Kopfes im Verhältnis zum Gesamtkörper, die Haltung und die übermäßige Länge des Halses entspricht durchaus dem Habitus jener ausgestorbenen Eidechsenart. Es weht ein förmlich selbstschöpferischer Geist in diesem uralten Kunstgebilde, das an Einheitlichkeit des physiologischen Gedankens alle übrigen Phantasietiere weit übertrifft. Wenn nur die Vorderbeine nicht so bestimmt ausgeprägten Katzencharakter trügen, so könnte ein solches Tier gelebt haben. Die Hinterfüße sind auch bei lebenden Eidechsen denen der Vogelfüße oft sehr ähnlich.“
Dieser Drache, der auf den Kunstgebilden jener Zeit, auf Siegeln, Grenzsteinen usw., häufig wiederkehrt, war den Göttern Marduk und Nabo heilig. Der erstere war zu Nebukadnezars Zeit Gegenstand außerordentlicher Verehrung; ihm gehörte der größte Tempel Babylons, Esagila, ihm weihte Nebukadnezar auch die Prozessionsstraße und selbst das Ischtartor, das Haupttor von Babylon, das mit dem Tier der Göttin Ischtar (Astarte), dem Löwen, geschmückt ist, einem in der babylonischen Kunst aller Zeiten sehr beliebten Motiv. Der Stier galt als das heilige Tier des Wettergottes Ramman.
Die Prozessionsstraße, der Hauptverkehrsweg der Stadt und eine der großartigsten Straßen, die es auf Erden gegeben hat, erstreckte sich nach Süden über Dämme, Kanäle und einen später gebildeten Arm des Euphrat fort und führte östlich um Etemenanki, den Turm von Babel, herum zum Tempel Esagila. Auch in der südlichen Fortsetzung sind noch die schweren Kalksteinplatten Nebukadnezars vorhanden, auf denen Daniel und Darius wandelten und auf die der Schein der Erdpechfackeln fiel, die neben Alexanders des Großen Wagen hergetragen wurden. Noch weiter südlich scheinen sie in griechischer und parthischer Zeit zu Kugeln für Wurfmaschinen, die damaligen Kanonen, verarbeitet worden zu sein. Die größten haben einen Durchmesser von 27,5 Zentimeter. Die Steinplatten im Süden tragen dieselbe Inschrift wie die auf Kasr; einige nennen aber auch Sanheribs Namen (705–681 v. Chr.), der ebenfalls die Stadt verschönte, sie aber dann völlig zerstörte und in Ninive residierte. Nebukadnezar sagt davon nichts; er nennt nur seinen Vater Nabopolassar. Die Inschrift eines Ziegelsteins, der aber nicht in seiner ursprünglichen Lage gefunden wurde, sagt von der Prozessionsstraße: „Nebukadnezar, König von Babylon, der Ausstatter von Esagila und Esida, der Sohn Nabopolassars, des Königs von Babylon. Die Straße Babylons, die Prozessionsstraßen Nabos und Marduks, meiner Herren, die Nabopolassar, der König von Babylon, der Vater, mein Erzeuger, mit Asphalt und gebrannten Ziegeln glänzend gemacht hat als Weg: ich, der Weise, der Beter, der ihre Herrlichkeit fürchtet, füllte über dem Asphalt und den gebrannten Ziegeln eine mächtige Auffüllung aus glänzendem Staub, befestigte ihr Inneres mit Asphalt und gebrannten Ziegeln wie eine hochgelegene Straße. Nabo und Marduk, bei eurem frohen Wandeln in diesen Straßen — Wohltaten für mich mögen ruhen auf euren Lippen, ein Leben ferner Tage, Wohlbefinden des Leibes. Vor euch will ich auf ihnen (?) wandeln (?). Ich möchte alt werden für ewig.“
Durchschreitet man das Ischtartor nach Süden, so liegt zur Linken der Tempel der Ninmach, der „großen Mutter“. Seine Mauern waren mit Toren und Türmen versehen und mit weißem Putz bedeckt, so daß sie wie Marmorwände aussahen. Durch Portal und Vorhalle gelangt man auf den offenen Tempelhof und von da in die Gemächer selbst. Der ganze Bau war stark wie eine Festung, die von den Priestern verteidigt werden konnte. In den Vorraum hatte auch das profane Volk Zutritt. In einem Nebenraum fand sich Sardanapals Gründungszylinder, auf dem man unter anderem liest: „Zu eben jener Zeit ließ ich Emach, den Tempel der Göttin Ninmach in Babel, neu machen.“
Über die Verwendung der verschiedenen Räume und den Kult des Gotteshauses ist wenig bekannt. Gewisse Eigenschaften sind allen vier vollständigen Tempeln Babylons gemeinsam; sie haben eine Turmfront, eine Vorhalle, einen Hof und eine Zella mit einem Postament in einer flachen Wandnische. Einige Seitengemächer dienten jedenfalls zur Aufbewahrung kultlicher Gegenstände, andere zum Aufenthalt der Tempeldiener und Pförtner. Lange, schmale Gänge zeigen wahrscheinlich die Plätze an, wo Treppen auf das flache Dach hinaufführten.
In den Ruinen dieses Tempels fanden sich Massen von Terrakottabildern, die Hausgötzen gewesen zu sein scheinen. Sie sind nur 12 Zentimeter hoch, stellen meist eine stehende Frau dar mit auf babylonische Art gefalteten Händen und geben einen Begriff von den großen Götterbildern Babylons, von denen Herodot erzählt.
In diesem Tempel der Ninmach hat, wie Koldewey in seiner Schrift „Die Tempel von Babylon und Borsippa“ (Leipzig 1911) annimmt, Alexander der Große seine täglichen Opfer dargebracht, auch während seiner letzten Krankheit, und die Erinnerung an ihn wird angesichts dieser Trümmer lebendig.