Ein alter römischer Geschichtschreiber namens Quintus Curtius Rufus, von dem man nicht weiß, wann er lebte, hat in einem umfangreichen Werke die Taten des Mazedonierkönigs in fast romanhafter Form geschildert. Im ersten Kapitel seines fünften Buches beschreibt er auch seinen prunkvollen Einzug in Babylon. An der Spitze seines Heeres fuhr Alexander in einem von der Leibwache umgebenen Wagen. Die Triumphstraße war mit Kränzen und Blumen geschmückt, an den Straßenrändern brannte duftender Weihrauch auf silbernen Altären. Die Geschenke, mit denen man den Sieger empfing, waren Vieh und Pferde, Löwen und Leoparden in Käfigen. Hymnen singende Magier und chaldäische Sterndeuter schritten im Zuge einher. Ihnen folgten Musikanten und zuletzt babylonische Reiter.
Alexander war, wie alle, die Babylon zum erstenmal sahen, entzückt von seiner Schönheit, und er verweilte hier länger als in irgendeiner anderen Stadt. Aber kein Ort erwies sich als verderblicher für die militärische Disziplin; der Historiker malt in drastischen Zügen das leichtfertige, sittenlose Leben, das in Babylon geführt wurde. Die neue Hauptstadt wurde das Capua der alten mazedonischen Armee, und auch der König selbst fand hier wenige Monate nach seinem Einzug einen allzufrühen plötzlichen Tod.
Der griechische Schriftsteller Arrianus berichtet darüber Folgendes: Bei dem Günstling Medius wurde ein Trinkgelage abgehalten, zu dem auch Alexander eine Einladung angenommen hatte. Man trank und scherzte, und nach dem Fest badete der König und ging zur Ruhe. Auf einer Bahre ließ er sich zum Opfer tragen, das er keinen Tag versäumte. Seinen Generalen gab er Befehle für eine neue kriegerische Unternehmung; einige Truppen sollten die Landstraße einschlagen, andere südwärts auf dem Euphrat befördert werden; in fünf Tagen sollten mehrere Generale ihn auf den Triremen begleiten. „Vom Tempel ließ er sich auf seiner Bahre zum Ufer hinabbringen, ging an Bord eines Fahrzeugs und fuhr über den Strom nach dem Park, wo er wieder badete und dann ausruhte.“
Phot.: Koldewey.
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GRÖSSERES BILD
Am folgenden Tag opferte er wieder, aber von da ab lag er in ununterbrochenem Fieber. Trotzdem erteilte er tags darauf Nearchus und den übrigen Hauptleuten seine Befehle zum Abmarsch. Am Abend des nächsten Tages stand es bereits schlecht mit ihm. Trotzdem erschien er noch zwei Tage zum Opfer im Tempel. Beim nächsten Morgengrauen aber entbot er die Generale in die Vorhalle, während die übrigen Befehlshaber an den Toren warten mußten. Er hatte sich aus dem Park in die Königsburg tragen lassen; und als die Generale an sein Lager traten, erkannte er sie wohl, vermochte aber nicht mehr zu sprechen. In der Nacht wurde das Fieber bösartig. Dieser Zustand hielt zwei Tage an.
Nun verlangten die Soldaten nach ihrem König, um ihn noch einmal am Leben zu sehen, da schon Gerüchte umgingen, sein Tod werde von der Leibwache verheimlicht. Die Truppen zogen an seinem Lager vorüber. Der König konnte noch mühsam den Kopf heben, aber nicht mehr sprechen; er betrachtete die Vorüberziehenden und reichte jedem die Hand. Einige seiner Vertrauten verbrachten die Nacht im Serapistempel, um den Gott zu fragen, ob es ratsam und für Alexander besser sei, ihn in den Tempel zu bringen, um bei inbrünstigem Gebet seine Genesung abzuwarten; der Gott antwortete, es werde für den König besser sein, wenn er bleibe, wo er sei. „Kurz darauf war Alexander tot, als ob dies für ihn jetzt das Beste gewesen sei.“
Quintus Curtius erzählt den Hergang etwas anders. Der König habe noch in den letzten Tagen seines Lebens Gesandte der griechischen Republiken empfangen, die ihm goldene Kronen überreichten, und seine Truppen und Galeeren gemustert. Dem Nearchus und den Kapitänen habe er ein glänzendes Gastmahl gegeben und dann am Trinkgelage bei Medius teilgenommen. Sechs Tage später seien seine Kräfte fast erschöpft gewesen, und die vor Kummer weinenden Soldaten hätten Zutritt zu seinem Krankenzimmer erhalten. Als Alexander sie sah, habe er geäußert: „Wo werdet ihr, wenn ich fort bin, einen solcher Männer würdigen König finden?“ Er sei aufrecht sitzen geblieben, bis der letzte Mann der Armee vorübergegangen. Dann sei er, als hätte er dem Leben seinen letzten Tribut entrichtet, ermattet auf sein Lager zurückgesunken. Seinen Siegelring habe er vom Finger gezogen und ihn dem Perdiccas übergeben mit der Bitte, seine Leiche nach der Oase des Jupiter Ammon überführen zu lassen. Als einer fragte, wem er das Reich anvertraue, habe er geantwortet: „Dem Würdigsten.“
Voller Schrecken standen die Babylonier auf ihren Hausdächern und den Mauern. Die Nacht kam und vermehrte die Unsicherheit. Niemand wagte Licht anzuzünden. Die Stadt lag in tiefem Dunkel. Herumstreifende Haufen begegneten einander auf den Straßen, sich mißtrauisch betrachtend. Sechs Tage stritten die Vertrauten des Königs, wer die Macht übernehmen solle. Darüber vergaß man den Toten, dessen sterbliche Hülle jedoch trotz der starken Hitze (Alexander schied aus dem Leben am 13. Juni 323) keine Veränderung erlitten hatte. Schließlich wurde die Leiche von Ägyptern und Chaldäern einbalsamiert und in einen goldenen Sarg gelegt, der mit wohlriechenden Spezereien gefüllt war; das königliche Diadem schmückte seine Stirn. Erst am folgenden Tag brachte Ptolemäus den König der Mazedonier in feierlicher Prozession die endlos lange Straße von Babylon nach Memphis und schließlich nach Alexandria, wo zur Erinnerung an ihn ein prachtvoller Tempel gebaut wurde. Noch im dritten Jahrhundert n. Chr. war der Ort bekannt, geriet aber später völlig in Vergessenheit. —