Rechts vor dem südlichen Ausgang des Ischtartors, gegenüber dem Tempel der Ninmach, ist die Ostfront der von Koldewey so genannten Südburg, der eigentlichen Akropolis von Babylon, die sich an der Stelle erhob, wo die älteste Stadtanlage war, das eigentliche Babilu oder Babilani, die „Pforte der Götter“. Assarhaddon und Nabopolassar sprechen von Babylon und Esagila als von zwei getrennten Plätzen; erst später wurden sie zu einem Großbabylon vereinigt. Dieser gewaltige Gebäudekomplex wurde von Nabopolassar gegründet, von Nebukadnezar aber so durchgreifenden Veränderungen unterworfen, daß man von einem einheitlichen Werk seiner Hand sprechen kann.

Durch ein von Wachtlokalen rechts und links flankiertes Tor betreten wir den Osthof der Südburg. An seiner Nord- und Ostseite liegen Beamtenwohnungen, von denen jede oder auch je zwei zusammen einen Hof haben. An der Südseite befinden sich die eigentlichen Amtsräume, und dahinter wieder Wohnungen; auch in jeder Wohnung ist der südlichste Raum der größte und behaglichste, da er, durch Mauern geschützt und nur von Norden her zugänglich, fast den ganzen Tag im tiefsten Schatten lag. Hierzulande dauert ja der Sommer von Mitte März bis Mitte November, und die heiße Tageszeit von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends. Professor Koldewey hat bis zu 49,5 Grad Celsius gemessen. Nur im Januar stellt sich etwas Frost ein. Die jährlichen Niederschläge betragen 7 Zentimeter gegen 64 in Norddeutschland. Die ganze Bauart ging also auf Schatten und Kühle hinaus; Fenster hatten die Wohnungen nicht. Gearbeitet wurde durchweg im Freien, auf den Höfen, geschlafen auf den Dächern. Wohnungen von mehreren Stockwerken, von denen Herodot spricht, ließen sich bisher nicht nachweisen. Die Wände waren mit Gipsputz bedeckt; ein Säulenstumpf und ein Kapitäl von feinem weißen Kalkstein verraten das Vorhandensein alter Säulengänge. Die Torwände waren wieder mit Relieflöwen geschmückt, wenigstens hat man Bruchstücke solcher Emaillen auf allen Höfen der Südburg gefunden.

Phot.: Koldewey.

Der Mittelhof der Südburg hat noch mehr und größere Räume, die zweifellos öffentlichen Geschäften dienten. Hier hatten gewissermaßen die Ministerien ihre Amts- und Wohnräume, hier wurde Gericht gehalten und in Kanzleistuben das Urteil ausgefertigt. Die stattlichen Amtszimmer liegen wieder nach Süden; ihre Bedeutung ergibt sich auch daraus, daß sie direkten Zugang zu den entsprechenden Gebäuden des nächsten und größten Hofes haben, den die eigentliche Residenz der babylonischen Könige umschloß.

Dieser Haupthof ist 55 Meter breit und 60 Meter lang; er wurde zuletzt mit Lehmziegeln gepflastert und diente in der Sassanidenzeit als Begräbnisplatz; man fand hier zahlreiche trog- und pantoffelförmige Sarkophage. An der Südseite dieses Hofes liegt der größte Raum des ganzen Palastes, der Thronsaal der babylonischen Könige. Er ist 17 Meter breit und 52 Meter lang; der Weiße Saal im Berliner Schloß mißt nur 16 × 32 Meter. Die Mauern der Breitseiten sind 6 Meter dick. Die Haupttür, zu deren Seiten sich kleinere Eingänge öffnen, geht auf den Hof hinaus. Ihr gegenüber zeigt die innere Südwand eine Nische; hier stand jedenfalls der Königsthron. Die Außenwand nach dem Hofe zu war mit prächtigen Fayenceornamenten auf dunkelblauem Grund bedeckt; gelbe Säulen mit hellblauen Kapitälen waren durch Palmettenranken miteinander verbunden.

In diesen Thronsaal ließ Belsazar, der letzte König von Babylonien, bei festlichem Mahl in trunkenem Übermut die goldenen und silbernen Gefäße bringen, die sein Vater Nebukadnezar aus dem Tempel von Jerusalem geraubt hatte. Aus ihnen sollten die Gäste trinken. Aber während sie tranken und ihre Götter lobten, gingen hervor Finger wie einer Menschenhand, die schrieben gegenüber dem Leuchter auf die getünchte Wand des Königssaals. Und der König ward gewahr der Hand, die da schrieb, und entsetzte sich. Vergebens bat er Chaldäer und Sterndeuter, die Schrift zu lesen; niemand kannte sie. Nur Daniel vermochte sie zu deuten: Mene mene tekel upharsin, d. h. „Gott hat dein Königreich gezählet und vollendet. Man hat dich in einer Wage gewogen und zu leicht befunden. Dein Königreich ist zerteilet und den Medern und Persern gegeben.“ In derselben Nacht ward der Chaldäer König Belsazar getötet. — Deutsche Gelehrte (Hoffmann und Nöldecke) haben übrigens die unglückverheißenden Worte viel einfacher erklärt, und da wenigstens die ersten drei Worte Münzwerte bezeichnen, vermutet Koldewey, daß einer der anwesenden Perser ganz unschuldig mit Kohle an der Wand seine Forderungen ausgerechnet, der bereits von schlimmen Ahnungen gefolterte König aber daraus neuen Argwohn gegen seine Umgebung geschöpft habe.

Von besonderem Interesse ist der sogenannte Gewölbebau in der Nordostecke der Südburg; ein breiter Gang führt vom Mittelhof dorthin. Unter allen Gebäuden der Stadt, ja des Landes, nimmt er eine Ausnahmestellung ein. Er besteht aus vierzehn langen, gleichgroßen Kammern, die, rechts und links je sieben, auf einen gemeinsamen Korridor hinausgehen und von einer starken Mauer umgeben waren. Südlich und westlich lagen weitere Kammern, und in einer derselben findet sich ein Brunnen, wie er in Babylon und in der antiken Welt sonst überhaupt nicht vorkommt. Er besteht aus einem quadratischen Schacht in der Mitte und zwei länglichen zu beiden Seiten und enthielt jedenfalls ein Wasserschöpfwerk, ein Paternosterwerk oder einen Dolab, ähnlich denen, die ich in den Kapiteln über meine Fahrt auf dem Euphrat beschrieben habe.

Diese Kammern sind die einzigen kellerartigen Räume, die in Babylon vorkommen; sie waren mit Tonnengewölben überdacht und außerdem aus Hausteinen errichtet, wie die Steinreste beweisen. Solcher Haustein findet sich außerdem nur noch an der Nordmauer des Kasr. Die gesamte Literatur über Babylon einschließlich der Keilinschriften kennt aber nur zwei Gebäude, an denen Haustein zur Verwendung kam: die Nordmauer des Kasr und — die sogenannten „hängenden Gärten der Semiramis“, die griechische Dichter besungen haben und von denen die alten Historiker Diodor, Strabo, Flavius Josephus und Quintus Curtius Rufus soviel zu erzählen wissen. Daraus zieht Koldewey den Schluß, daß der Gewölbebau mit diesen „hängenden Gärten“, die einfach auf Dachterrassen angelegt waren, identisch ist, während man sie bisher auf dem Hügel Babil suchen zu müssen geglaubt hat. Den Namen der sagenhaften assyrischen Königin Semiramis hat jedenfalls nur die Phantasie der alten Historiker mit diesen Gärten in Verbindung gebracht. Schon Diodor, der Semiramis als die eigentliche Erbauerin Babylons rühmt, nennt die Gärten ein Werk eines späteren assyrischen Königs, der eine Perserin zur Frau hatte. Da diese in der Ebene Mesopotamiens die Gebirge ihrer Heimat vermißte, habe der König durch diese Anlage den Charakter des persischen Landes nachahmen wollen. —