Der Basaltlöwe in Babylon.
(Links zwischen ausgegrabenen Ruinen das Grundwasser.)
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GRÖSSERES BILD
Im Norden des Kasr liegt die „Hauptburg“, die bei Beginn der deutschen Ausgrabungen unter einer 8–12 Meter dicken Erd- und Schuttschicht begraben war. Auch diesen Palast hat Nebukadnezar errichtet und aus vortrefflichen steinharten, hellgelben Ziegeln erbauen lassen. Er war noch reicher ausgeschmückt als die Südburg; an seinen Fronten schimmerten große Reliefs in blauer Fayence; der Boden war mit Platten aus weißem und buntem Sandstein belegt, jeder Stein verzeichnete an der Seite den Namen des Bauherrn. Die Dachbalken waren aus Zedern- und Zypressenholz. Hier hatten Nebukadnezar und sein Nachfolger unermeßliche Kunstschätze zum „Staunen der Menschheit“ gesammelt; wertvolle Proben davon wurden ausgegraben. Den Eingang bewachten wie in den assyrischen Palästen gewaltige Basaltlöwen, wie aus Bruchstücken hervorgeht, die die deutschen Archäologen gefunden haben. An der Nordostecke stand bereits bei Ankunft der Deutschen der schon erwähnte, aus der Zeit Nebukadnezars stammende gewaltige Basaltlöwe, der von seinem Sockel aus die Gegend beherrscht, eine nur grob ausgeführte Plastik ohne feinere Detailkunst. Seine Seiten zeigen zahlreiche Spuren von Flintenkugeln und Steinwürfen. Die Arme des unter dem Löwen liegenden Mannes sind ebenfalls abgeschlagen — ein Zerstörungswerk der Beduinen, die in dem Löwen einen „Dschin“, einen bösen Geist der Wüste, erblicken. Einige Gelehrte sehen in dieser Gruppe eine allegorische Darstellung von Babyloniens Sieg über Ägypten, andere wollen Daniel in der Löwengrube darin erkennen, ein Gedanke, der aber nach Koldewey der babylonischen Kunst fremd ist. Zu den merkwürdigsten Funden auf dem Hügel Kasr gehört eine in neubabylonischer Schrift gefertigte Kopie der berühmten Keilinschrift von Behistun, worin König Darius Hystaspes (521–485) in persischer, susischer und babylonischer Sprache eine ausführliche Geschichte seiner Regierung und der von ihm niedergeschlagenen Empörungen in fast allen Provinzen seines Reiches hinterlassen hat.
In der Südostecke des Kasr fand man die ältesten Ziegelstempel Nebukadnezars. Es gibt verschiedene Arten. Bei einigen wurden die Stempel aus Holz geschnitzt, in Formsand abgedrückt und in dieser Form in Bronze gegossen. Sie sagen fast immer dasselbe: „Nebukadnezar, der König von Babylon, der Pfleger von Esagila und Esida, der Sohn Nabopolassars, des Königs von Babylon.“
Die Ziegel wurden in viereckige Holzrahmen gepreßt, die auf geflochtenen Rohrmatten lagen; meist sind die Abdrücke der letzteren auf der einen Flächenseite noch sichtbar. Dann brannte man sie in Ziegelöfen, ohne Zweifel derselben Art, wie sie noch heute außerhalb Bagdads in Gebrauch sind. Verbrecher in solche Öfen zu werfen, gehörte zu den neupersischen Exekutionsmitteln, die auch Nebukadnezar nicht fremd waren, wie Daniel berichtet.
Phot.: Koldewey.
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Einige Stempel haben acht Zeilen. Von ihnen fanden sich 412 Stück. Von anderen Stempeln gibt es Millionen. Niemals wohl hat ein König in solchem Umfang für seine Unsterblichkeit gesorgt wie Nebukadnezar; fast jeder dieser steinharten Ziegel nennt seinen Namen, und sie waren in solcher Menge da, daß in späteren Zeiten ganze Städte daraus errichtet werden konnten. Die einfachen Häuser in Kweiresch sind zum größten Teil aus solchen Ziegeln vom Palast der entschlafenen Großkönige erbaut.
Hier und da finden sich in den Mauern auch Steine mit größeren Inschriften. Eine derselben, die Koldewey in einer Hofmauer der Südburg entdeckte, berichtet ausführlich von dem Bau dieses Palastes. „Nebukadnezar, König von Babylon, Sohn Nabopolassars, des Königs von Babylon, bin ich,“ so lauten die sechs Zeilen Keilschrift in dem üblichen, pomphaften Stil dieser Urkunden. „Den Palast, die Wohnung meines Königtums aus der Erde Babylons, die in Babylon ist, baute ich. Mächtige Zedern vom Gebirge Libanon, dem glänzenden Wald, brachte ich, und zu seiner Bedachung legte ich sie. Marduk, der barmherzige Gott, der mein Gebet erhört: Das Haus, das ich gebaut, an seiner Behaglichkeit möge er sich sättigen! Das Kisu, das ich errichtet, seinen Verfall möge er erneuern. Darin, in Babylon möge alt werden mein Wandel. Meine Nachkommenschaft möge in Ewigkeit die Schwarzköpfe beherrschen.“