Sein Gebet zum Gotte Marduk wurde nicht erhört, sein Reich zerfiel schon unter seinem Nachfolger, und diese Trümmer auf dem Kasrhügel sind die noch immer gewaltigen Reste der großen Babel, die König Nebukadnezar sechs Jahrhunderte v. Chr. zum königlichen Haus erbaut hatte, „durch seine große Macht, zu Ehren seiner Herrlichkeit“. Ehe er aber, auf der Zinne der Palastmauer wandelnd, diese stolzen Worte ausgesprochen hatte, ertönte eine Stimme vom Himmel: „Dir König Nebukadnezar wird gesagt: dein Königreich soll dir genommen werden, und man wird dich von den Leuten verstoßen, und sollst bei den Tieren, so auf dem Felde gehen, bleiben; Gras wird man dich essen lassen wie Ochsen, bis daß über dir sieben Zeiten um sind, auf daß du erkennst, daß der Höchste Gewalt hat über der Menschen Königreiche und sie gibt, wem er will.“
Den westlichen Teil der Südburg nennt Koldewey auf Grund einer Inschrift Nebukadnezars den Palast Nabopolassars. Er ist der älteste der auf dem Kasr gefundenen Überreste, während die ältesten Baudenkmäler ganz Babylons aus Hammurabis Zeit (um 2200 v. Chr.) stammen.
Nordöstlich von Kasr liegt der Hügel Homera, östlich das griechische Theater, und südlich der weltberühmte Turm von Babel, dessen Spitze nach dem 11. Kapitel der Genesis bis an den Himmel reichte. Etemenanki war sein alter Name. Er stand im „eherntorigen Heiligtum des Zeus Belus“, das noch zu Herodots Zeiten erhalten war und zwei Stadien im Geviert gemessen haben soll. „In der Mitte des Heiligtums,“ berichtet dieser Geschichtschreiber, „erhebt sich ein fester Turm, ein Stadium lang und ein Stadium breit. Auf diesem Turm steht ein zweiter, auf diesem ein dritter und so fort bis zu acht Türmen. Auf die Zinne führt eine Treppe, die um alle diese Türme außen herumgeht. Ungefähr auf ihrer Mitte ist ein Absatz mit Bänken, wo die Hinaufsteigenden sich niedersetzen und ausruhen. Auf dem letzten Turm aber steht ein großer Tempel, und darin ein geräumiges, wohlbereitetes Bett mit einem vergoldeten Tisch davor. Kein Standbild schmückt den Tempel, und nachts bleibt niemand dort außer einem eingeborenen Weib, das der Gott gerade auserwählt hat; so versichern wenigstens die Chaldäer, die Priester dieses Gottes. Sie sagen auch, der Gott selbst besuche den Tempel und ruhe auf dessen Lagerstätte; das scheint mir aber nicht glaublich.“
Ein späterer griechischer Geschichtschreiber, Diodorus aus Sizilien, gibt zwar keine Beschreibung des Turmes selbst, berichtet aber, daß er, wie allgemein versichert werde, außerordentlich hoch gewesen sei, und daß „die Chaldäer dort ihre Beobachtungen anstellten, da sie von einem so hohen Bau aus aufs genaueste den Auf- und Niedergang der Gestirne beobachten konnten. Das Ganze war kunstvoll und mit großen Kosten aus Ziegeln und Erdpech zusammengefügt. Oben an der Treppe standen drei goldene Bildsäulen, die des Zeus, der Hera und der Rhea. Die des Zeus, der stehend und schreitend dargestellt war, maß 40 Fuß in der Höhe und war tausend babylonische Talente schwer. Rhea saß auf einem goldenen Stuhl. Ihre Bildsäule war ebenso schwer wie die des Zeus. Neben ihren Knien standen zwei Löwen, und neben diesen silberne Schlangen von außerordentlicher Größe, jede wog 30 Talente. Hera war stehend dargestellt; in der Rechten hielt sie eine Schlange am Kopf, in der Linken ein mit Edelsteinen besetztes Zepter. Ihr Bild wog 800 Talente.“
Der Historiker Strabo, geboren im Jahr 63 v. Chr., kennt auch das Heiligtum des Zeus Belus, er aber nennt es eine vierseitige Pyramide aus gebrannten Ziegelsteinen, ein Stadium im Quadrat und ein Stadium hoch. Xerxes habe es zerstört, Alexander es wieder aufbauen wollen; dieser sei aber vorher gestorben, nachdem er erst in zweimonatiger Arbeit durch zehntausend Mann den Schutt habe wegräumen lassen.
Die Inschriften der Bauherren selbst schließlich rühmen nur die Höhe des Bauwerks. Nabopolassar, der auf Befehl des Gottes Marduk mit Wiederherstellung des vorher eingestürzten Turms begonnen haben will, versichert, seine Spitze habe „himmelan“ streben sollen, und sein Sohn Nebukadnezar verkündet der Nachwelt: „Etemenankis Spitze aufzusetzen, daß mit dem Himmel sie wetteifere, legte ich Hand an.“
Und was ist von diesem, zu einer Mythe gewordenen Wunderbau der Alten Welt noch übrig? So wenig, daß es fast rätselhaft erscheint, wie die Forschung seinen Standort hat ermitteln und die kümmerlichen Reste nach den dürftigen Angaben der Historiker hat identifizieren können! Nicht einmal ein Hügel ist mehr zu sehen, nur ein Durcheinander von Erderhöhungen, die hier und da mit Ziegelsteinscherben bedeckt sind, zwischen denen etliche genügsame Wüstenpflanzen ihre Stengel und Blätter trotzig der unbarmherzig strahlenden Sonne entgegenstrecken. Wo sich ehemals die dicken Mauern des Turms erhoben, findet man einen ebenso breiten Graben mit kristallklarem, grünem Wasser, ein verführerisch einladendes Quellbecken. Menschen späterer Zeiten haben die unerhörten Ziegelmassen geraubt, die Mauern Fuß für Fuß abgetragen und schließlich dem Erdboden gleichgemacht. Aber nicht einmal damit hat man sich begnügt, sondern die Plünderung sogar bis zu den Grundmauern fortgesetzt, bis der Spiegel des Grundwassers ihr halt gebot. Steinharte, gebrannte Ziegel waren wertvolle Seltenheiten, deren Herstellung Mühe und Kosten erforderte. Die letzten Plünderer waren Leute aus Hille, Kweiresch und andern Dörfern der Umgegend. Auf dem Grund des Grabens findet sich vielleicht noch diese oder jene Ziegelschicht, aber die deutschen Archäologen haben bisher noch nicht weiter nachforschen können. Das Wasser ist salzhaltig und ungesund. Algen und andere Pflanzen gedeihen darin, und über seinem stillen Spiegel, der mit dem Wasserstand des Euphrat steigt und fällt, heben die Frösche ihre Köpfe, um abends ihre Liebeslieder anzustimmen. In den heißesten Tagesstunden sind sie schläfrig und stumm; nur ab und zu hört man ein leise brodelndes Quaken. In majestätischer Ruhe liegt jetzt dieser Platz, auf dem ehemals die Babylonier lärmende Tempelfeste feierten; die lautlose Stille legt sich fast beklemmend auf die Brust. Auf dem Abhang eines nahen Hügels erhebt ein mohammedanisches Heiligengrab seine kleinen weißgelben Kuppeln.
Zeichnung von Koldewey.
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