Ebenso gründlich wie bei dem Turm von Babel hat die Zerstörung an dem Punkte gehaust, der durch die Jahrtausende den alten Namen Babil behalten hat, dem Ruinenhügel im äußersten Norden des Ausgrabungsgeländes. Er ist ein Viereck von 250 Meter Seitenlänge und jetzt ein Durcheinander von Erdmauern und tiefen Schächten. Erst glaubt man, hier seien Zimmer und Gänge ausgegraben, erfährt dann aber, daß man, genau so wie beim Turm von Babel, nur gleichsam den Gipsabdruck eines verschwundenen Stadtteils vor sich hat. Schon im Altertum füllte man, wenn die Häuser verfallen waren, das Innere der Ruinen mit Erde und Schutt aus, um festen Grund für neue Gebäude zu gewinnen. So wuchsen die Städte im wörtlichen Sinne in die Höhe und bildeten sich schichtweise die „Tells“ des Orients; ganz Babylon ist solch ein Tell. Als dann die oberen Schichten zerfielen, die Neubauten aufhörten, der Hügel Babil als Steinbruch diente und man bis zu den Ruinen der vorhistorischen Zeit in die Tiefe grub, wurden nur die Mauerziegel fortgenommen; die Erdausfüllung aber schonte man sorgfältig, damit die Ziegelschächte nicht einstürzten. Was also heute Schächte und Gräben sind, waren ehemals die Mauern, die festen Erdblöcke dagegen die leeren Räume — eine Architektur, die für Uneingeweihte nicht leicht verständlich ist.

Nach Koldewey diente Babel bereits im Altertum, vielleicht schon in der römischen, sicher aber in der parthischen Zeit als Steinbruch. Dann durfte diese Stätte längere Zeit in Frieden ruhen. Um 1890 aber begann eine neue Plünderung, als der Launen des Euphrat wegen der Damm bei Sedde errichtet wurde, um den Strom zu hindern, ganz und gar sein altes Bett aufzugeben. Den türkischen Archäologen Halil Bei und Bedri Bei kommt das Verdienst zu, dieser Verwüstung Einhalt getan zu haben.

Nur den einen Vorteil hat der Ziegelraub gehabt, daß die deutschen Archäologen ohne langwierige und kostspielige Grabungen sich eine klare Vorstellung von den verschwundenen Gebäuden machen konnten. Auf dem Gipfel von Babil stand ehemals ein Palast mit zahlreichen Räumen verschiedener Größe. Ihren Boden deckten Sandsteinplatten mit der Inschrift: „Nebukadnezars, des Königs von Babylon, des Sohnes von Nabopolassar, Königs von Babylon, Palast.“ Auch alle Ziegelsteine tragen Nebukadnezars Stempel, woraus Koldewey schließt, daß Babil eines der Schlösser dieses Königs gewesen ist. Dr. Buddensieg, der hier unser kundiger Führer war, vermutet, Nebukadnezar habe hier seine Sommerresidenz gehabt. Kühler wird es hier, 2½ Kilometer vom Kasr entfernt, schwerlich gewesen sein. Aber wahrscheinlich war Babil von schattigen Parken und breiten Kanälen umgeben, die der dicht bebauten, in der Sonne bratenden Stadt fehlten.

In dem Hügel Babil fand man Bruchstücke eines Kalkmörtelestrichs, der zu verraten scheint, daß gewisse Teile des Palastes von persischen Königen oder Alexander dem Großen und seinem Nachfolger erneuert wurden. Auch hat sich eine in Stein gehauene Urkunde erhalten, die von H. Winckler übersetzt wurde und nach Koldewey von dem Palast auf Babil handelt: „An der Ziegelsteinmauer gegen Norden trieb mich das Herz, einen Palast zum Schutze Babylons zu bauen, einen Palast wie den Palast Babylons aus Erdpech und Ziegelsteinen erbaute ich darin. 60 Ellen baute ich eine ‚Appa danna‘ gegen Sippar hin; ich machte einen ‚Nabalu‘ und legte sein Fundament in die Brust der Unterwelt an die Oberfläche der Grundwasser in Erdpech und Ziegelsteinen. Ich erhöhte seine Spitze und verband ihn mit dem Palast, mit Erdpech und Ziegelsteinen machte ich ihn wie ein Waldgebirge hoch. Gewaltige Zedernstämme legte ich zur Bedachung darüber. Türflügel aus Zedernholz mit einem Überzug aus Kupfer, Schwellen und Angeln, aus Bronze gefertigt, errichtete ich in seinen Toren. Jenes Gebäude nannte ich ‚Nebukadnezar möge leben, es möge alt werden der Ausstatter von Esagila‘, mit Namen.“

Das Schönste von Babil aber war gewiß und ist noch die Fernsicht von der Höhe, besonders am Abend, kurz vor Sonnenuntergang. Bei Windstille ist die Luft ungewöhnlich klar und durchsichtig. Im Osten treten die Überreste der Mauern und Kanäle hervor und heben sich scharf beleuchtet vom dämmerigen Horizont ab. Im Westen stehen auch die unscheinbarsten Hügel wie schwarze Silhouetten da. Im Süden sieht man mit Hilfe eines Fernrohrs deutlich den Turm von Borsippa oder Birs Nimrud. Über den dichten, Dörfer und Häuser völlig verdeckenden Palmenhainen an den Ufern des Euphrat ragt im Südsüdosten ein schlankes Minarett von Hille empor. In dieser Himmelsrichtung liegen auch die Hauptruinen von Babylon, die Hügel Kasr und Amran, die äußere und innere Mauer der Stadt, alles brandgelb beleuchtet, wo die Sonnenstrahlen hintreffen; aber ins Violette übergehend, wo Schatten sich ausbreitet. Im Norden aber zieht sich ein feines, helles Band durch die leblose Wüste: es ist die Straße, die uns bald nach Bagdad zurückführen soll; ihre erste Station, Mahawil, zeigt die Umrisse ihres Hans oder Gasthauses über dem Horizont.

Phot.: Koldewey.

Siebzehntes Kapitel.
Eine deutsche Studierstube am Euphrat.

Die Gelehrten sind sich darüber einig, daß die 5000 Jahre, die wir geschichtlich überblicken können, in dem Klima Mesopotamiens keine Veränderung mit sich gebracht haben. Auch ich habe in meinem Buche „Zu Land nach Indien“ der Frage nach den postglazialen Klimaveränderungen Vorderasiens einige Kapitel gewidmet und auf Grund des Feldzugs Alexanders des Großen an der Küste von Beludschistan nachzuweisen versucht, daß die historische Zeit zu kurz ist, um merkbare Veränderungen zu bewirken. Dreiviertel der Armee des Mazedonierkönigs kam auf jenem Zug durch Hitze und Wassermangel um. Städte wie Babylon und Birs Nimrud waren damals Oasen in derselben öden Wüste, die heute ihre Ruinen umgibt, und wenn Xenophon von fünf Tagemärschen des Cyrus „durch Arabien, den Euphrat zur Rechten“ berichtet: „Hier war der Boden eine Heide, eben wie das Meer und voller Wermut. Büsche oder Schilfpflanzen waren alle wohlriechend wie Spezereien, doch war kein Baum zu sehen“ — so könnten diese Zeilen ebenso gut heute geschrieben sein.

Auch die alte Architektur bestätigt, daß man im Altertum mit denselben Wärmegraden rechnete wie heute. Sie ging nur darauf aus, kühle Räume zu schaffen. Die Sonne konnte durch keine Fenster dringen, überall starrten ihr meterdicke Mauern entgegen; die Türen öffneten sich auf schattige Höfe, und Kanäle mit fließendem Wasser und Palmenhaine boten Erquickung.