Hierin findet man vielleicht auch die Erklärung für das Faktum, daß in dem Trierer Lazarett, wenigstens in der Horn-Kaserne, die Sterblichkeit unter den Franzosen viel größer war als unter den Deutschen. Die Wunden der Deutschen heilen leichter und schneller als die der Franzosen, und das psychologische Moment ist dabei von unverkennbarer Wirkung. Der deutsche Soldat kann Zeitungen lesen und mit seinen Angehörigen Briefe wechseln. Der französische Soldat ist ganz und gar von der äußeren Welt abgeschnitten, ein Nachteil, von dem bis Ende September auch die in Frankreich gefangenen Deutschen betroffen wurden. (Vergl. oben S. 18.) Und ein Gefangener, der nichts von dem Gang des Kampfes erfährt, leidet doppelt unter dem Eindruck, besiegt zu sein. Diese trostlosen Gedanken wirken auf seinen Zustand zurück und vermindern seine Widerstandskraft, er wird Fatalist und vermag nicht gegen den Tod anzukämpfen. Er gibt alles verloren und hofft nicht einmal auf Wiederherstellung und Heimkehr.


[6. Im Hauptquartier.]

Als wir am Morgen des 18. September Trier verließen, waren wir über die geographische Lage des Hauptquartiers genau so wenig unterrichtet wie in Berlin. Wieder fuhren wir über die Mosel und warfen einen Blick hinauf auf die Höhen, wo am 4. August Franzosen in Zivil den Luftschiffern, die die deutsche Mobilisierung erkunden wollten, Lichtsignale gegeben hatten. Bei der Flugstation machten wir halt und betrachteten die »Tauben« in ihrem »Taubenschlag« von Zelttuch.

Dann nehmen wir Abschied von der Mosel. Links haben wir bereits die Straßen nach Metz und Saarbrücken hinter uns, und nicht weit nach Süden liegt die Grenze Lothringens. Hinter Wasserbillig kreuzen wir den kleinen Fluß Sauer und sind damit im Großherzogtum Luxemburg. An einem Eisenbahngleis hält uns ein unendlich langer, leerer Zug auf; er fährt nach Deutschland, um Soldaten zu holen. Das Volk in Luxemburg mustert uns mit gleichgültigen Blicken. Es ist vorbei mit dem Grüßen und freundlichen Winken. Hier grüßt niemand, und niemand verrät seine Gedanken — freundliche Gedanken können es gerade nicht sein.

Schließlich schlängelt sich unser Weg in ein schönes Tal hinab. Auf dessen Grund liegt ein Teil der kleinen und lieblichen Stadt Luxemburg.

Nunmehr aber beginnen wir zu suchen, denn ohne Zweifel ist hier das Hauptquartier. Wachtposten mit geschultertem Gewehr stehen an den Eingängen zu allen Hotels, überall werden Soldaten sichtbar, Offiziere eilen in Automobilen vorüber. Auf einem Markt sind große Zelte für Pferde aufgeschlagen, und vor ihnen stehen pfeiferauchende Wachtposten. Und auf einem andern Markt stehen ganze Reihen von Kraftwagen, beladen mit Benzin und Öl in zylindrischen Gefäßen.

Bei unsern Nachforschungen müssen wir die militärische Ordnung beobachten und fahren daher auf das Haus zu, wo der Generalstab sich einquartiert hat, und das unter gewöhnlichen Verhältnissen eine Schule ist. Krum geht hinauf und kommt bald mit dem Bescheid zurück, daß wir uns bei Oberstleutnant von Hahnke zu melden haben. Der schickt uns zum Generalstabschef Exzellenz von Moltke, der eben mit seiner liebenswürdigen schwedischen Gemahlin am Mittagstisch im »Kölnischen Hof« sitzt. Frau von Moltke steht im Dienste des Roten Kreuzes und war in dieser Eigenschaft zu kurzem Besuche in Luxemburg eingetroffen. An ihrem Tische fühlte ich mich fast wie daheim, ich war ja so oft in ihrem gastfreien Hause in Berlin gewesen. Ruhig, als wäre er im Manöver, zündete sich der General seine Zigarre an und unterrichtete sich genau über meine Pläne und Wünsche. Ich möchte die Front sehen, erklärte ich ihm, soweit mir das überhaupt erlaubt werden könne, und ich hätte die Absicht, zu schildern, was ich mit eigenen Augen vom Krieg sehen würde. Wenn möglich, wollte ich einen Eindruck von einer modernen Schlacht gewinnen; auch hoffte ich Gelegenheit zu finden, die okkupierten Teile von Belgien zu besuchen.

Der General dachte eine Weile nach. Die Erlaubnis zum Besuch der Front hatte ich bereits erhalten; es blieb also nur noch zu bestimmen, wo ich am besten meine Studien beginnen konnte. Die Armee des Kronprinzen war die nächste und in ein paar Stunden zu erreichen. Der General erklärte sich also bereit, alles für meine Reise ordnen zu lassen; binnen kurzem sollte ich über das Programm näheres hören. »Sicher sind Sie natürlich nicht innerhalb des Operationsgebietes, es ist nicht weit bis dahin, wenn Sie genau aufpassen, hören Sie den Kanonendonner von Verdun.«

Im Lauf des Tages wurde mir ein vom Generalstabschef unterzeichneter »Ausweis« zugestellt. Er enthielt die Erlaubnis, dem Gang der Ereignisse bei den verschiedenen Truppenteilen des Heeres beizuwohnen, ferner die Bitte an alle Kommandobehörden, mir das weiteste Entgegenkommen zu bezeigen und mich mit Rat und Tat zu unterstützen. Dieses Papier war ein »Sesam öffne dich«; es gab mir fast unbeschränkte Bewegungsfreiheit.