Das Große Hauptquartier ist das Herz der Armee, oder richtiger sein Gehirn; hier werden alle Pläne entworfen, von hier gehen alle Befehle aus. Ähnlich verhält es sich auch in Frankreich, Rußland und Österreich. Deshalb ist das Große Hauptquartier ein unerhört verwickelter Apparat mit einer im voraus bis ins einzelne festgestellten Organisation. Wenn sich so ein Apparat in einer kleinen Stadt wie Luxemburg niederläßt, werden alle Hotels, Schulen, Kasernen, alle öffentlichen Gebäude und viele Privathäuser für die Einquartierung in Anspruch genommen. Das Land, das Gegenstand der Invasion ist, kann nichts tun, als sich in sein Schicksal finden. Aber nichts wird ohne weiteres genommen, alles wird nach dem Krieg ersetzt. In einem Hotel war das Kriegsministerium einquartiert, in einer Schule der Generalstab, in einem Privathaus das Bureau des Automobilkorps usw. General Moltke wohnte im »Kölnischen Hof«, der Reichskanzler und der Minister des Äußeren in einem äußerst eleganten Privathaus, die meisten Herren vom Stab und vom Gefolge des Kaisers im Hotel Staar, wo auch mir ein Zimmer zur Verfügung stand.
Wenn ich mich aus leichtbegreiflichen Gründen nicht weiter beim Großen Hauptquartier aufhalten kann, so muß ich doch etwas über Einen Mann sagen, den ich dort traf, und den ich für eine der größten und merkwürdigsten Gestalten der Geschichte, den mächtigsten und imposantesten Herrscher unserer Zeit, und außerdem für einen der genialsten und interessantesten Menschen halte.
[7. Der Kaiser.]
Als Wilhelm II. im Juni 1913 sein fünfundzwanzigjähriges Regierungsjubiläum als Deutscher Kaiser feierte, schrieb ich in einer deutschen Zeitung u. a. folgende Worte über ihn, die zum großen Teil bereits in Erfüllung gegangen sind: »Durch seine starke und mächtige Persönlichkeit drückt Wilhelm II. dem Zeitalter, dem er angehört, sein Gepräge auf. Bisher geschah dies im Zeichen des Friedens. Was die Zukunft im Schoße trägt, weiß niemand, aber so viel wissen wir, daß keine fremde Macht Deutschlands Ehre und Sicherheit zu nahe treten darf. Und wenn unfreundliche Götter einmal blutige Runen an seinen Himmel schreiben, dann wird der Kaiser tätig und impulsiv wie in den Tagen des Friedens seine Legionen ins Feuer führen, und die goldenen Adler seines Helms werden ihnen den Weg zu neuen Siegen zeigen.«
Es wird wohl auch für alle Zeiten in der Geschichte als unerschütterliches Faktum bestehen bleiben, daß Kaiser Wilhelm im Lauf eines Vierteljahrhunderts sein möglichstes tat, um die Unwetter des Krieges von Deutschlands Grenzen fernzuhalten. Mehr als einmal hat der Ausbruch eines Krieges an einem Haar gehangen, und alle sind darin einig, daß des Kaisers persönliches Eingreifen eine Katastrophe abgewendet hat. Noch vor nicht langer Zeit war der Weltkrieg näher als die Mitwelt ahnte — auch damals gab die Friedensliebe des Kaisers den Ausschlag. Viele tadelten ihn deswegen und nannten seine Haltung unentschlossen und nachgiebig. Aber auch hier wird das Urteil der Geschichte zu seinen Gunsten ausfallen. Währenddessen rüstete sich Deutschland für die blutigen Ereignisse, an deren bevorstehendem Ausbruch kein klar sehender Mensch zweifeln konnte. Auf die Dauer war der Kampf für die Erhaltung des Friedens hoffnungslos. Das sah niemand deutlicher als der Kaiser selbst, und deshalb hat er während seiner ganzen Regierungszeit daran gearbeitet, die Streitkraft des Reiches zu Wasser und zu Land zu stärken. In dieser Stunde schwimmt die Flotte wie ein gigantisches Monument auf dem Meere, ein Monument der klugen und klaren Voraussicht ihres Urhebers. Denn der Kaiser selbst ist es, der im Verein mit seinem unübertrefflichen Großadmiral Tirpitz die schwimmenden Festungen geschaffen hat, ohne welche Deutschlands Lage verzweifelt gewesen wäre, als England mit seiner Kriegserklärung kam.
Gleich bei meiner Ankunft in Luxemburg hatte ich die Ehre, für den nächsten Tag 1 Uhr bei Kaiser Wilhelm zu Mittag eingeladen zu werden. Die meisten Gäste wohnten im Hotel Staar, und die Automobile sollten von dort rechtzeitig abgehen. Ich fuhr mit dem Generaladjutanten Exzellenz von Gontard. Der Kaiser wohnte im Haus des Deutschen Gesandten und hatte seine Privaträume eine Treppe hoch. Im Erdgeschoß war die Kanzlei, wo gewaltige Karten über die Kriegsschauplätze auf Staffeleien aufgestellt waren; daneben war der Speisesaal, ein ganz kleiner Raum.
In der Kanzlei versammelten sich die Gäste, alle in einfacher Uniform ohne allen Zierat. Ich selbst war in Alltagskleidung. Unter dem Gefolge des Kaisers fand ich ein paar alte Bekannte, den Generaladjutanten von Plessen und Admiral von Müller, der aus Smaaland stammt und so gut Schwedisch spricht wie Deutsch. Im übrigen bemerkte ich die Exzellenzen und Adjutanten von Treutler, Frhr. von Marschall, von Mutius, Generalarzt Dr. von Ilberg, den Fürsten Pleß und von Arnim. Wir waren also zehn Mann.
Punkt 1 Uhr wird die Tür des Vestibüls geöffnet, und Kaiser Wilhelm tritt mit festen, ruhigen Schritten herein. Aller Augen richten sich auf die mittelgroße, kraftvoll gebaute Gestalt. Es wird vollkommene Stille, man fühlt: eine große Persönlichkeit ist ins Zimmer getreten. Der ganze, sonst so anspruchslose Raum hat eine unerhörte Bedeutung erhalten. Hier ist die Achse, um die sich die Weltereignisse drehen. Hier ist das Beratungszimmer, von dem aus der Krieg geleitet wird. »Deutschland soll zermalmt werden«, sagen seine Feinde. »Magst ruhig sein«, sagt das deutsche Heer zu seinem Vaterland. Und hier steht in unserer Mitte sein oberster Kriegsherr, ein Bild der Mannhaftigkeit, Entschlossenheit und offenen Ehrlichkeit. Ihn umkreisen die Gedanken der ganzen Welt; er ist Gegenstand der Liebe, blinden Vertrauens, der Bewunderung, aber auch der Furcht, des Hasses und der Verleumdung. Ihn, der den Frieden liebt, umrast der größte Krieg der Geschichte, und um seinen Namen tobt der Kampf. Ein Mann, der in einem stammverwandten Reiche einen so unsinnigen Haß und so schändliche Schmähungen hat erwecken können, muß in Wahrheit ein sehr bedeutender Mann sein, denn sonst würden ihn seine Verleumder in Frieden lassen und die Schalen ihres Zornes über einen andern ausleeren, der mehr zu fürchten ist. Aber alles, was Verleumdung, Feigheit und Weiberklatsch ausdenken kann, ergießt sich über sein Haupt. Seine Absichten werden verdreht, seine Worte mißdeutet, seine Handlungen zu Verbrechen gestempelt. Aber in ganz Deutschland, im ganzen deutschen Heer erklingt sein Lob. Bei den Feldgottesdiensten und in allen Kirchen Deutschlands, an Wochen- und Feiertagen wird brünstig für sein Wohlergehen gebetet. »Magst ruhig sein!« können die Soldaten ihrem Kaiser sagen; und sie ihrerseits wissen, daß er niemals seine Pflicht versäumt, und daß er nie zurückweichen wird, ehe Deutschlands Zukunft gesichert ist.
Es ist kein Kaiser Karl V., kein Imperator, der in die Kanzlei tritt. Es ist ein Offizier in der denkbar einfachsten Uniform, einem kurzen, graublauen Waffenrock mit doppelten Knopfreihen, dunkeln Beinkleidern und gelben Feldstiefeln. Nicht einmal das kleine schwarz-weiße Band des Eisernen Kreuzes schmückt ihn. Aber es ist eine fesselnde und gewinnende Persönlichkeit, ein höflicher und freundlicher Weltmann. Seine scharfe Auffassung und sein glänzendes Charakterisierungsvermögen verraten den Beobachter und Künstler, sein kluges Sprechen den Staatsmann, seine energische Haltung, seine ausdrucksvollen Bewegungen und prächtigen Schlachtenschilderungen den Feldherrn, sein verbindliches Wesen Bescheidenheit und Menschenfreundlichkeit, und seine männlichen, befehlenden Worte den Herrscher, der an Gehorsam gewöhnt ist. Glücklich das Volk, das besonders in unruhigen Zeiten einen Herrscher besitzt, der das Vertrauen aller genießt, und an dessen Beruf niemand zweifelt.