Aber es ist auch ein Paar Augen, die eine wunderbar magnetische Kraft haben und alle fesseln, sobald der Kaiser hereintritt. Es ist, als würde der ganze Raum heller, wenn man den ruhigen blauen Augen des Kaisers begegnet. Seine Augen sind merkwürdig ausdrucksvoll. Sie erzählen vor allem von unerschütterlicher Willenskraft und eiserner Energie. Sie erzählen von Wehmut über die Blindheit derer, die nicht einsehen wollen, daß er nur das will, was Gott gefällig und seinem Volke nützlich ist. Sie erzählen auch von sprudelndem Witz, von durchdringendem Verstand, dem nichts Menschliches fremd ist, und von unwiderstehlichem Humor. Sie erzählen von Ehrlichkeit, Wahrheitsliebe und einer Aufrichtigkeit, die niemals den Blick abirren läßt, der einem fest und unerschütterlich durch Mark und Bein dringt.
Das Gefühl von Verzagtheit, das man vielleicht gehabt hat, während man auf den mächtigsten und merkwürdigsten Mann der Erde wartete, verschwindet spurlos, sobald der Kaiser nach einem mehr als kräftigen Handschlag und herzlicher Begrüßung zu sprechen begonnen hat. Seine Stimme ist männlich, militärisch, er spricht außerordentlich deutlich, ohne eine einzige Silbe zu verschlucken. Er sucht nie nach einem Wort, sondern trifft immer den Nagel auf den Kopf, oft mit sehr kräftigem Ausdruck. Er begleitet seine Rede mit hastigen und ausdrucksvollen Bewegungen des rechten Arms, während der linke in Ruhe bleibt. Seine Rede fließt spannend und interessant dahin. Sie wird oft von blitzschnellen Fragen unterbrochen, die man sich bemühen muß, ebenso schnell und klar zu beantworten, und gelingt einem das, so kann man des Kaisers Zufriedenheit bemerken. Er ist äußerst impulsiv, und seine Rede ist eine Mischung von Ernst und Scherz. Eine kluge Antwort oder eine lustige Anekdote lösen bei ihm ein herzliches Lachen aus, das auch seine Schultern erschüttern kann.
Auf Befehl des Kaisers gingen wir in den Speisesaal. Admiral von Müller saß links, ich rechts von dem hohen Wirt, ihm gegenüber der Generaladjutant von Gontard.
Der Mittagstisch war einfach gedeckt. Der einzige Luxus war die goldene Klingel, die vor dem Kuvert des Kaisers stand, und mit der er klingelte, sobald ein neues Gericht hereingetragen werden sollte. Das Mittagessen war ebenso einfach: Suppe, Fleisch mit Gemüse, Nachspeise und Früchte mit Rotwein. Ich bin selten so hungrig gewesen, als nachdem ich von des Kaisers Tisch aufgestanden war! Nicht wegen der geringen Anzahl der Gerichte, sondern weil niemals eine Pause im Gespräch entstand, bis die Klingel zum letztenmal erscholl, alles sich erhob, und die feldmäßig uniformierten Lakaien unsere Stühle wegrückten. Der Kaiser sprach fast die ganze Zeit mit mir. Er knüpfte an meinen letzten Vortrag in Berlin an, dem er beigewohnt hatte; Tibet, wo ich so unruhige Zeiten erlebte, werde wohl bald das einzige Land auf der Erde sein, das Ruhe habe. Dann sprach er von der Weltlage und den Stürmen, die über Europa hinbrausen. Mich freute besonders, zu hören, mit welcher Achtung und Sympathie sich der Kaiser über Frankreich aussprach. Er beklagte die Notwendigkeit, die ihn gegen seinen Wunsch gezwungen habe, sein Heer gegen die Franzosen zu führen, und er hoffte, daß die Zeit kommen werde, da Deutsche und Franzosen gute Nachbarschaft halten könnten. Auf dieses Ziel habe er sechsundzwanzig Jahre hingearbeitet, und er hoffe, daß eine ganz neue Ordnung der Dinge aus dem gegenwärtigen Krieg hervorgehen werde. Eine Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich werde mit Notwendigkeit ein unerschütterliches Bollwerk für den zukünftigen Frieden schaffen. Erst aber den Sieg über die unübersehbaren Heere, die vier Großmächte gegen Deutschlands Grenzen und die deutschen Besitzungen in fremden Weltteilen werfen, dann ein ehrenvoller und nach allen Seiten hin Sicherheit schaffender Friede und schließlich der große und festgebaute Weltfriede. Vor allem setzt der Kaiser sein Vertrauen in Gott, aber er verläßt sich auch blind auf das deutsche Volk und seine große, herrliche Armee. Er vertraut auf die glänzende Tapferkeit und die Todesverachtung der Soldaten und auf das Offizierkorps, das sie zu Wasser und zu Lande führt.
Wenn die Franzosen eine Ahnung von der wirklichen Denkweise des Kaisers hätten, würden sie ihn ganz anders beurteilen als jetzt. Und niemand wird wohl glauben, daß ich die Verantwortung auf mich nehmen könnte, dem Kaiser andere Urteile in den Mund zu legen als die, die er wirklich gefällt hat und die ich selbst von ihm gehört habe. Das hieße die Gastfreundschaft, die ich an der Front genossen habe, übel lohnen.
Schloß in Stenay, Hauptquartier des deutschen Kronprinzen.
(Vgl. [Seite 37].)
Französische Gefangene.