»Und wie finden Sie die deutschen Soldaten?« fragte ich.
»Sie haben mir und den Meinen nicht das geringste getan, sind immer höflich und nehmen sich nichts heraus. Was sie von meinem Lager brauchen konnten, haben sie gekauft und ehrlich bezahlt; ich könnte ein großes Geschäft machen, wenn ich nur neue Waren aus Luxemburg erhielte. Ich und noch drei andere sind die einzigen, die hier ihre Läden offenhalten; alle übrigen haben geschlossen und sind beim Herannahen der Deutschen geflohen.«
Im Laden standen zwei Strickmaschinen, daran saßen die achtzehnjährige Blanche Desserrey und ihre vierzehnjährige Schwester und strickten Strümpfe für die deutschen Soldaten, während ihr elfjähriger Bruder draußen auf der Treppe saß und dem Soldatenleben zusah. Fräulein Blanche war bezaubernd, sah aber leidend aus und hatte einen wehmütigen Zug in ihren schwarzen Augen und einen Hoffnungsanker an ihrer Brosche. Ich fragte sie, ob sie viele Freunde draußen im Krieg habe. Ja, antwortete sie und sie sehne sich nach ihren Freunden, die aus der Stadt geflüchtet seien. »Wie entsetzlich ist nicht dieser Krieg!« rief sie, »welches Unglück für alle!« Dann fragte sie, ob man auch heute an der Front hart kämpfe; sie hatte den Kanonendonner am frühen Morgen gehört. Ja, man kämpfte erbittert, Deutsche und Franzosen, und mancher tapfere und vielversprechende junge Mann starb für sein Vaterland. Fräulein Blanche nähte nicht nur für Soldaten, sie träumte auch die schönsten Träume, und ihr Herz war rein und ohne Falsch; sie war liebenswürdig und konnte obendrein lachen inmitten aller Einquartierungssorgen und beim Strümpfestricken, ja man merkte, daß sie die Freude zu den vergänglichsten Dingen in dieser Welt zählte. Die deutschen Soldaten, die hereinkamen, betrachteten sie mit Interesse und begegneten ihr achtungsvoll. Sie selbst versicherte, sie habe nie Anlaß gehabt, sich über ihr Benehmen zu beklagen; sie ahnte aber nicht, daß sie auch den Stärksten mit einem Blick ihrer Augen entwaffnen konnte.
»Soyez comme l'oiseau,
Penché pour un instant
Sur les rameaux trop frêles,
Il sent plier la branche,
Mais il chante pourtant,
Sachant qu'il a des ailes.«
Blanche Desserrey hätte die Heldin eines rührenden Romans abgeben können!
Ich für meinen Teil hatte keine Zeit für Romane. Als ich auf die Straße hinaustrat, schlug die Uhr des Kirchturms ihre sechs alten französischen Schläge, und ich begab mich auf mein Zimmer, um einige Aufzeichnungen zu machen. Plötzlich klopfte es. »Herein!« rief ich mit Korporalstimme. Und herein trat der Kronprinz, mit einem großen Buche unter dem Arm. Ich bat meinen hohen Gast, auf dem Sofa Platz zu nehmen; dort saßen wir denn und plauderten, bis es Zeit wurde, sich für das späte Mittagessen zurechtzumachen.
Brummer im Feuer bei Septsarges.
(Vgl. [Seite 46].)
Das Buch aber, das der Kronprinz gebracht hatte und das er mich bat, als Andenken zu behalten, hieß »Deutschland in Waffen« und enthielt, neben Beiträgen aus verschiedenen Federn, eine Reihe von hervorragend gut ausgeführten und wiedergegebenen farbigen Darstellungen der verschiedenen deutschen Truppengattungen im Dienst, im Manöver und im Krieg und der deutschen Kriegsflotte auf hoher See. Der Kronprinz selbst hat das Werk unter dem Beistand hervorragender Meister herausgegeben.