General Feldmarschall von Haeseler. General von Mudra am Scherenfernrohr.
Bei Eclisfontaine.
(Vgl. [Seite 57].)


[13. Morgengrauen.]

22. September. Während des Essens machte mir der Kronprinz den Vorschlag, den Major Matthiaß zu begleiten, den der Dienst nach Eclisfontaine rief. Von dort aus sollte der Sturm auf Varennes und die umliegenden Dörfer unternommen werden, die die Deutschen schon einmal in Besitz gehabt, dann aber aus taktischen Gründen wieder geräumt hatten.

½4 Uhr wurde ich geweckt. Ich zündete mein Licht an, öffnete das Fenster und sah in die Nacht hinaus. Es war pechdunkel, nur einige Sterne schimmerten durch die Baumkronen des Parks hindurch — lautlose Stille, nur der langsame Schritt der Wachen war zu vernehmen.

Um 4 Uhr saß ich einsam beim Frühstück. Ein Soldat begleitete mich mit einer Laterne zur Wohnung des Majors Matthiaß, wo das Automobil mit einem jungen Leutnant und einem Soldaten wartete. Wir nahmen, in Pelze gehüllt, Platz und rollten zur Stadt hinaus. Vor uns her die hellen Lichtbündel des Scheinwerfers; in so früher Morgenstunde reichten sie aber nicht weit. Dichter Nebel lagerte auf der Erde. Wir fuhren daher behutsam, schon weil die Straße jetzt voll wandernder Kolonnen war. Der Verkehr auf der Etappenlinie funktionierte auch während der Nacht. Nimmt denn dieser ewige Zug niemals ein Ende? Wahrhaftig, Deutschland scheint unerschöpflich an lebender Kraft und Material.

In dem Nebel erscheinen die Bäume wie Spukgestalten, die Posten stehen. Noch seltsamer nehmen sich in dieser ungewöhnlichen, malerischen Beleuchtung die Kolonnen aus. Die Reiter, den Mantel über den Schultern, sitzen auf geduldigen, schnaufenden Pferden und träumen; einer nach dem andern taucht aus dem Nebel auf, je nachdem das Licht der Scheinwerfer auf sie fällt. Ein Pferd scheut vor dem Licht und vor dem Surren der Maschine, sein Reiter schreckt aus seinen Träumen empor; er schüttelt sich, setzt sich im Sattel wieder zurecht, und der Zug geht weiter. Neue Reiter tauchen auf, immer einer nach dem andern, unzählige Pferdehufe trappeln die Straße daher, und die Räder der schweren Bagagewagen knirschen und ächzen in dem Morast, der sich an ihnen festsaugt und in unförmigen Klumpen wieder herunterfällt.

Da wird neben der Straße ein rotgelber Schein sichtbar. Wir kommen näher — er wird stärker und farbiger: es ist das Lagerfeuer eines Biwaks, von dem sich müde Soldatengestalten als scharfe Silhouetten abheben. Sie kochen etwas über dem Feuer, vielleicht Kaffee oder Tee, und mancher von ihnen raucht schon seine erste Pfeife. Ebenso dunkel und nebelverhüllt wie die Nacht, die sich noch um sie ausbreitet, ist das Geschick, das sie heute erwartet! Es liegt in der Luft, daß heute etwas bevorsteht, ein neuer Kampf an der Front. Aber für die Soldaten ist das nichts Neues, nichts Ungewöhnliches oder Aufregendes. Für sie ist es das tägliche Brot, denn an der Front wird immerfort gekämpft, und das Schicksal ruft sie hinaus in das Feuer. Vielleicht ist es ihnen bestimmt, gerade heute zu fallen und die Anzahl der Gräber und Holzkreuze an den Straßengräben zu vermehren. Vielleicht war diese dunkle Nacht die letzte in ihrem Leben! Zum letztenmal haben sie wenigstens gut geschlafen; das Biwakfeuer verbreitete eine freundliche und behagliche Wärme.

Neue Feuer werden sichtbar; um alle bewegen sich Gruppen von Soldaten, Soldaten und immer wieder Soldaten. An einer Stelle müssen wir eine Weile halten, da wir mit dem ungebärdigen Pferd eines Reiters zusammengeraten sind. Hier hören wir die kriegerischen Stimmen der Nacht von allen Seiten: das Knarren der Wagen, das Klirren der Waffen, das Getrampel der Pferde, die Unterhaltung der Mannschaften und die strengen Kommandorufe der Führer. Es sind Truppen, die an die Front marschieren.