Nach und nach merkt auch der Uneingeweihte gewisse Veränderungen in der Situation. Die Artilleristen reiten mit ihren prächtigen Gespannen zu den zwei Batterien im Südwesten mit dem Argonner Wald im Hintergrund. Eine Munitionskolonne folgt ihnen. Die Kanonen haben eine Weile geschwiegen; jetzt wird aufgeprotzt, die Pferde vorgespannt, die Munition in die Wagen gepackt, die Bedienung springt auf ihre Plätze, die Reiter in die Sättel, und als alles fertig ist, rollen die Batterien in einem schönen Bogen in voller Fahrt davon und verschwinden bald hinter der Anhöhe. Westlich davon sieht man neue Schützenlinien in südwestlicher Richtung zum Sturm vorgehen. Man hört deutlich das unbehagliche schnarrende Geräusch der Maschinengewehre bei der Infanterie. Die Angreifer haben Gelände gewonnen und rücken in neue Stellungen vor.

Ich gehe zum Beobachtungsplatz zurück. Der alte Feldmarschall, der schon 1870 mitgekämpft hat und nun das Recht hätte, müde zu sein, hat sich endlich bewegen lassen, auf einem Rohrstuhl Platz zu nehmen. Da sitzt er nun, lebt in seinen Erinnerungen auf und kann die Augen nicht vom Kampf und von den weißen Schrapnellwolken abwenden. Sein Blick ist streng und ernst, sein Gesicht von tiefen, scharfen Falten und Runzeln gefurcht, sein graues Haar hängt um ihn wie eine Mähne. Er scheint am liebsten mit sich allein zu sein, aber wenn man ihn anredet, ist er voller Leben. In stattlicher, militärischer Haltung steht General von Mudra an seinem Scherenfernrohr und beobachtet. Den roten Kragen auf dem sonst hellblaugrauen Mantel hat er in die Höhe geschlagen, in der Hand hält er eine Karte der Gegend, links trägt er eine Feldtasche mit Karten, Aufzeichnungen, Feder, Zirkeln und dergleichen.

Eine dritte Batterie deutsche Feldartillerie ist vorgerückt und hat sich eine neue Stellung gesucht. Und eine dritte Linie Infanterie folgt den beiden ersten und stürmt in der Richtung auf Varennes. Die Mannschaften springen mit gesenktem Bajonett in stark zerstreuter Ordnung, um dem feindlichen Feuer ein weniger kompaktes Ziel zu geben, und verschwinden hinter der nächsten Anhöhe — Gewehrfeuer knallt im Tal, begleitet vom Geknatter der Maschinengewehre — nach ein paar Minuten laute Hurrarufe: eine neue feindliche Stellung ist genommen!

Die kleine Aktion, die nur ein Glied in einer Kette ist, verursacht lebhafte Bewegung in Eclisfontaine. Zuerst fahren die Wagen des Feldlazaretts in voller Fahrt dahin, wo der Kampf stattgefunden hat; dann ziehen einige Kompanien Infanterie vorüber, um die Lücken auszufüllen. Kleine Patrouillen von Ulanen mit wagrecht gehaltenen Lanzen reiten im Galopp nach Varennes. Schließlich fährt die Feldküche vorüber mit rauchenden Schornsteinen; die Köche sitzen auf den Küchenwagen.

Auf den Abhängen südlich sieht man kleine Gruppen von acht oder zehn Mann mit Bahren und einem Schäferhund, der verstreute und vergessene Verwundete in den Gräben und Furchen suchen muß. Sobald er einen Verwundeten gefunden hat, bleibt er stehen und ruft durch Bellen die Sanitätssoldaten mit der Bahre herbei.

Das Artilleriefeuer der Franzosen hat nachgelassen, da sie ihre Stellungen in dem Maße, wie die Deutschen vorrückten, weiter zurückverlegen mußten.

Varennes, die kleine Stadt, in der Ludwig XVI. am 22. Juni 1791 erkannt und gefangen genommen wurde, um nach Paris zurückgeführt zu werden, steht nun in hellen Flammen, und eine braungelbe Rauchsäule steigt aus seinen brennenden Häusern empor. Auch Cheppy brennt und weiterhin Bourcuilles. Der Kirchturm von Cheppy reckt seine trotzige Spitze aus dem Gewölk von Rauch und Funken empor.

Westlich liegt das weite Tal, das von der Aire durchflossen wird, einem Nebenfluß der Aisne. Varennes liegt an der Aire, die im Osten den berühmten Argonner Wald begrenzt. Nach Süden zu durch das Tal stürmen württembergische Truppen; ein Teil ihres rechten Flügels zieht durch die Ausläufer des Argonner Waldes. Man erkennt ihr Vorrücken ganz deutlich durch das Scherenfernrohr, das jederzeit zu meiner Verfügung steht. Um aber die kleinen weißen mörderischen Buketts zu sehen, die entstehen, wenn die Schrapnells gerade über den Württembergern explodieren, dazu braucht man kein Fernrohr. Das Feuer wird von deutschen Schrapnells erwidert, die in weiterer Entfernung und mehr nach links sichtbar werden.

Eine Munitionskolonne, die hinter der flachen Anhöhe südlich Schutz gefunden hat, erhält Befehl, vorzurücken. Der nächste Weg wäre, nach Südwesten die Chaussee zu verfolgen, auf der ich mich den ganzen Tag aufgehalten habe. Aber dieser Weg ist gefährlich; die dunkle Linie der Kolonne wäre von den neuen französischen Stellungen aus sichtbar und würde ein vortreffliches Ziel geben, außerdem das Feuer auf die deutsche Oberleitung lenken. Die Kolonne hatte sich eben auf der Chaussee in Bewegung gesetzt, als ihr Führer den Befehl erhielt, hinter den großen Mörsern zu fahren. Die Kolonne führte leichte Munition für Gewehre und Maschinengewehre. Dahin, wo Munition gebraucht wird, fahren sie erst in der Nacht. Doch tritt selten oder nie Patronenmangel ein, da die Patronentaschen der Verwundeten und Gefallenen von ihren noch kampffähigen Kameraden geleert werden.

Eine Batterie leichte Haubitzen wird jetzt im Norden der Chaussee sichtbar. Ihre Gespanne schwenken mit ihren Feldstücken in schönem Bogen nach Süden. In Westsüdwest springen sechs Granaten in einer Entfernung von zwei Kilometern. Sie waren für die dort kurz vorher vorrückenden Württemberger bestimmt. Aber jetzt ist keine Seele mehr auf dem Platz, außer vielleicht einem zurückgebliebenen Sanitätssoldaten.