Um 6 Uhr zählte ich acht brennende Dörfer, von denen jedoch eins links vom Argonner Wald und im Operationsbereich des benachbarten Armeekorps lag. Wie viel verwüstete Häuser, wie viel vernichtetes Privateigentum! Zwar wird die Bevölkerung sich und ihre transportfähige Habe rechtzeitig in Sicherheit gebracht haben; aber wie mag es in den tausend Wohnungen aussehen, wenn die Menschen zurückkehren! Kann man ohne tiefes Mitgefühl mit den unschuldigen Leuten sein, die am meisten unter dem Krieg zu leiden haben? Und ist man ein Feind Frankreichs, wenn man eine Ententepolitik verurteilt, die so namenloses Unglück über die nordöstlichen Provinzen der Republik gebracht hat? Wer mit eigenen Augen all diese Folgen des Krieges, Kummer, Armut und Vernichtung sah, müßte sich selbst verachten, wenn er nicht laut die Politik verurteilte, die allein an all diesem Unglück Schuld trägt!

»Aber warum rückt nicht auch die Armeeleitung vor?« fragte ich, nachdem die Truppen sechs oder sieben Kilometer vor der letzten Linie Stellung genommen hatten.

»Weil man die Telegraphen- und Telephonleitungen nicht sofort verlängern und das ganze System von Verbindungen mit der neuen Frontlinie ändern kann.«

Am folgenden Tag wurde Varennes genommen und damit die ganze Maschinerie ein Stück weiter nach Südwesten vorgeschoben.

Aber nun begann der heutige Tag zur Neige zu gehen; die Sonne näherte sich den Wipfeln des Argonner Waldes. Ein lehrreicher Tag für mich! Von der Tätigkeit an der deutschen Front hatte ich eine klare Vorstellung bekommen, von den Franzosen aber nichts anderes gesehen als ihr Feuer und die Gefangenen. Ich hatte die unglaublich sichere und ruhige Leitung des deutschen Oberkommandos bewundert. Es war wie ein Spiel, das unter gewissen Voraussetzungen gewonnen werden mußte. Und wenn all diese Voraussetzungen im voraus gegeben und bekannt waren, dann hegte niemand den geringsten Zweifel am Ausgang. Und die Voraussetzungen waren: ausgezeichnetes Menschenmaterial, wirkliche Ritter ohne Furcht und Tadel, ein Volk, das in Friedenszeiten willig ist, genug und mehr als genug für die Verteidigung des Reiches zu opfern und, wenn der Krieg ausbricht, bereit ist, auch das Leben zu opfern zur Verteidigung der Heimat für seine Freiheit und seine Ehre, eine Ausbildung, die genügend lang ist, um die einzelnen Soldaten und die großen Truppenverbände unwiderstehlich zu machen, und ein Material, bei dessen Anschaffung man weder geschachert noch kompromisselt hat. Der Ausgang des Tageskampfes erweckte daher keine Verwunderung. Man hörte keine Glückwünsche, keinen Jubel — man sprach davon wie von der natürlichsten Sache der Welt!


[17. Das Feldlazarett in der Kirche zu Romagne.]

Auf der Rückfahrt nach Stenay müssen wir gerade vor dem Feldlazarett halten. Der Stabsarzt steht auf der Straße und gibt seine Befehle über Behandlung und Verteilung der neu angekommenen Verwundeten. Ich werde ihm vorgestellt, und er will mich nicht loslassen, ehe ich das Feldlazarett gesehen habe. »An die Front kommen, den Krieg studieren und das Lazarett in Romagne nicht sehen, nein, Herr Doktor, das geht nicht! Sie haben den ganzen Tag gesehen, wie die Verwundeten von der Feuerlinie hereinkommen, nachdem sie ihre erste provisorische Pflege auf dem Schlachtfeld erhielten. Sie haben den Hauptsammelplatz bei Eclisfontaine gesehen. Nun müssen Sie auch die dritte Etappe sehen, das Feldlazarett hier.«

Und damit führte mich der Stabsarzt in die kleine, schöne, alte katholische Kirche. Die Sonne war untergegangen, und Dämmerung breitete sich über Frankreich. Es war dunkel in der Kirche, aber noch waren die kostbaren gemalten Fenster zu unterscheiden, und vorn am Altar brannte ein einsamer Leuchter, der die Dunkelheit eher vermehrte als verminderte. Achtzig verwundete Deutsche lagen hier. Die Kirchenbänke waren paarweise zusammengestellt, so daß sie mit den Rückenlehnen geräumige Kisten bildeten, die mit Stroh gefüllt waren. In jedem solchen Bett lag ein schwer verwundeter Soldat. Die Bänke reichten aber nicht für alle. Die übrigen lagen an den Wänden auf aufgeschüttetem Stroh. Jeder hatte seine Decke, und der Zwischenraum zwischen den Lagern war so groß, daß Arzt und Sanitätssoldaten ungehindert an jedes Bett herantreten konnten. Sobald es der Zustand der Patienten erlaubt, werden sie weiter nach Deutschland geschickt, um neuen Verwundeten Platz zu machen. Nur die lebensgefährlich Verletzten, die den Transport nicht ertragen, bleiben da, um in Frieden zu sterben oder, wenn möglich, zu Krüppeln geheilt zu werden.

Am Altar, im Schein des Leuchters, waren mehrere junge Ärzte mit einem eben angekommenen Patienten beschäftigt, der sich einer Operation unterziehen mußte. Ein Licht wurde herbeigeschafft, und der Stabsarzt führte mich von Bett zu Bett und berichtete unermüdlich über die verschiedenen Fälle. Die Pforten der Kirche waren geschlossen; von draußen hörte man das Gerassel der Kolonnen und das Trappeln der Pferde. Aber eine seltsame, fast unheimliche Stille herrschte hier im Innern; man fühlte, daß hier ein Kampf zwischen Leben und Tod ausgefochten wurde. Schwere Atemzüge, aber keine Klagen, ab und zu ein Seufzer, aber kein Jammern. Keiner zeigte sich schwächer als der andere, keiner störte die Ruhe der Kameraden. Die meisten schliefen oder schienen zu schlafen, todmüde von den Kämpfen des Tages.