Wir schreiten von einem Bett zum andern und flüstern, um nicht die Schlafenden zu wecken und nicht die feierliche Stimmung zu stören. Achtzig Helden, die heute mit Freuden ihr Blut für ihr Land geopfert haben! Noch schlummern sie unter den Eisernen Kreuzen — bald werden viele von ihnen unter den Holzkreuzen auf dem Kirchhof zu Romagne schlummern. Hier einer, der einen Schuß durch das empfindlichste Organ des Unterleibes erhalten hat. Er ist so bleich wie seine sonnenverbrannte, in den Schützengräben verwitterte Haut es zuläßt, und sein Puls ist am Verlöschen, aber seine Augen stehen offen, und sein Blick wandert weit von der Erde in unbekannte Länder. Andere Bilder sieht er jetzt als vor kurzem in den Schützengräben. Welch himmelweiter Unterschied! Nach der Unruhe draußen an der Front versinkt er schon in die große lange Ruhe. Mitten unter seinen Kameraden kam er mir so einsam und verlassen vor, und ich mußte der Verwandten daheim denken, die noch hofften und nun bald weinen sollten. »Er lebt nicht bis zum Sonnenaufgang?« fragte ich den Stabsarzt. »Nein, er beginnt schon zu erkalten.«

Ein Schulgebäude in unmittelbarer Nähe der Kirche war ebenfalls Feldlazarett. In allen Zimmern, wo sonst französische Kinder Liberté, Egalité, Fraternité lernen, lagen nun verwundete Deutsche. Ein Schulzimmer war zum provisorischen Operationssaal geworden. Im Feld muß man sich helfen, so gut man kann. Und man leistet das denkbar Mögliche mit dem, was gerade zu Gebote steht. Ein paar junge Chirurgen standen, weiß gekleidet, an einer auf hohen Böcken stehenden Tischplatte, auf die ein lebensfrischer, schöner junger Soldat gelegt wurde. Beide Füße waren ihm durchschossen, aber er war noch froh und munter und rief seelenruhig: »Schneiden Sie mich nicht.« Eine barmherzige Schwester, die einzige, die so nahe an der Front war, denn sonst herrscht im Operationsbereich des Feldheers ausschließlich militärische Organisation, löste den ersten Verband, der mit dem ausgetretenen Blut zu einer festen Masse zusammengebacken war. Es tat weh, als der Verband abgerissen und die Wunde entblößt wurde. Aber der Soldat biß die Zähne zusammen und gab keinen Laut von sich. Das linke Bein war über dem Fußgelenk zerschmettert; selbst ein Laie konnte erkennen, daß es eine sehr schlimme Wunde war. Im Augenblick konnte nichts getan werden; er bekam eine Schiene und einen neuen Verband und dankte herzlich dafür, daß man so gut zu ihm war. Dann wurde er von zwei Sanitätssoldaten in ein freies Bett getragen und schien entschlossen, nur zu schlafen und alles zu vergessen. »Wird er seine Füße behalten?« fragte ich den Arzt. »Bei dem einen ist keine Gefahr, aber der andere, den wir eben verbunden haben — nun, in drei Tagen werden wir sehen. Ich werde schon mein Bestes tun —« und er schüttelte den Kopf.

Die verwundeten französischen Gefangenen waren auf Strohlagern in einem Vorratsraum untergebracht; hier sollten sie die erste Pflege erhalten und dann in ein Lazarett gebracht werden. Sie waren gerade dabei, Brot und eine nahrhafte warme Suppe zu essen. Und sie aßen mit glänzendem Appetit und waren allem Anschein nach guten Muts; ein paar waren geradezu lustig und lachten über ihre Scherze. Auf meine Frage nach ihrem Befinden antworteten sie: »Wenn es uns die letzten vierzehn Tage so gut gegangen wäre wie jetzt, dann wäre es uns gar nicht schlecht gegangen.«

Draußen auf der Straße stand eine große Schar verwundeter Deutscher und Franzosen, die Pflege suchten. An der Front wurde immer noch gekämpft, neue Scharen von Verwundeten waren im Lauf der Nacht zu erwarten, die Ärzte kamen nicht zur Ruhe. Die Franzosen standen in einem Haufen für sich. Ich trat an einen von ihnen heran; er hatte den ganzen Kopf verbunden; man sah wenig mehr als Augen und Nase. Auf meine Frage, wo er verwundet sei, zeigte er mit der linken Hand auf die linke Scheitelhälfte und dann auf die Unterseite des rechten Unterkiefers. Ich fragte den Stabsarzt, ob es möglich sei, daß der Mann stehen und gehen, sehen und hören könne, nachdem ihm ein Schuß senkrecht durch den Kopf gegangen war. Er antwortete, man habe den Verwundeten noch nicht untersucht, aber es kämen die merkwürdigsten Verwundungen vor. Die Kugeln schlagen in den armen Menschenleibern, die oft die erstaunlichsten Prüfungen bestehen müssen, die seltsamsten Wege ein.

Die Franzosen, versicherte der Stabsarzt, seien bewundernswert geduldig. Sie könnten wer weiß wie lange warten, ohne ein Wort oder eine Miene der Ungeduld. Wenn der Arzt einen Franzosen behandeln wolle, sei es obendrein fast Regel, daß der Verwundete sage: »Meine Kameraden brauchen die Hilfe nötiger; ich kann warten.« Oder: »Behandeln Sie bitte erst den Mann da — er ist Familienvater, und seine Frau lebt in kümmerlichen Verhältnissen.« Das gleiche Urteil habe ich auch von andern deutschen Ärzten gehört.

Ordonnanzen.

Kaffeeküche im Felde.